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Krise ist noch nicht zu Ende

Rückblick 2012: Ein weiteres Jahr der Euro-Rettung

Von Stephan Detjen, Deutschlandfunk

Die Euro-Krise geht weiter.
Die Euro-Krise geht weiter. (Stock.XCHNG / Vera Reis)

Die vorweihnachtliche Stimmung hatte in diesen Tagen eine besondere Note. In die fiebrige Betriebsamkeit, mit der die Menschen dem hohen Fest der Christenheit entgegenstreben, mischte sich das Ergötzen an einer mehr als tausend Jahre alten Untergangsprophezeiung.

Warum hat die aus einer ihrerseits längst versunkenen Kultur Mittelamerikas stammende Vorhersage das Europa des 21. Jahrhunderts so fasziniert?

Vielleicht, weil dieser Kontinent meint, sich in dem wohligen Gefühl wiegen zu dürfen, der drohende Katastrophe eigener Provenienz gerade noch einmal entgangen zu sein. Schließlich hatte Hermann van Rompuy, der Ratspräsident der EU, gerade erst vor ein paar Tagen verkündet, Europa habe das Schlimmste seiner existenzbedrohenden Währungskrise hinter sich.

Die frohe Botschaft aus Brüssel steht am Ende eines Jahres, an dessen Anfang den meisten Europäern das ganze Ausmaß der Malaise erst langsam schwante. Zur Mitte des Jahres aber war auch dem Letzten klar, dass es in der Euro-Krise ums Ganze ging. Angela Merkels frühe Prophezeiung, wenn der Euro scheitere, dann scheitere Europa, hatte das Ausmaß der Bedrohung wohl doch zutreffend beschrieben.

Werden die Historiker in den künftigen Supermächten Asiens vielleicht doch einmal so schaudernd-fasziniert über das Ende der Europäischen Union sinnieren, wie die hiesige Öffentlichkeit heutzutage über den Untergang der präkolumbianischen Maya-Zivilisation? So ganz gewiss war man sich da an manchen düsteren Tagen dieses Jahres nicht mehr.

Was jetzt aber zu Ende geht, ist zunächst nur ein Jahr der Krisen und Bewährungsproben, nicht die Krise selbst. Die Mehrheit der Staats- und Regierungschefs Europas aber hat es sich bereits wieder in der behaglichen Gewissheit kommod gemacht, dass sich Weltuntergangsvorhersagen bisher noch immer als trügerisch erwiesen haben.

Auf dem EU-Gipfel Mitte Dezember war zu sehen, wie sich die Politiker nach van Rompuys Eröffnungsstatement in ihren Sesseln zurücklehnten und erst einmal tief durchatmeten.

Nur Angela Merkel hatte sich diesen Gipfel eigentlich ganz anders vorgestellt. In der Zeitrechnung der Kanzlerin sollte das Jahr 2012 zu einem kathartischen Erlebnis werden. Dann sollten sich die geläuterten Kollegen ab 2013 mit vereinter Tatkraft an die Grundsanierung der Union machen. Von Volksabstimmungen, einem neuen Grundgesetz und einer Neukonstruktion des Parlamentarismus auf europäischer Ebene war im Umfeld Merkels die Rede gewesen. Ein Verfassungskonvent sollte im kommenden Jahr den Masterplan für ein neues Kerneuropa ausarbeiten.

Merkel hatte erkannt, dass die Krise einen Handlungsdruck erzeugt hatte, der historische Chancen eröffnete. Aus Sicht der Kanzlerin hat die Verwirklichung des Fiskalpakts bewiesen, dass und wie der Kontinent mit konzentrierter Kraft die richtigen Lehren aus den Versäumnissen der Vergangenheit ziehen kann.

Die gewagte Rechnung, die sie am Ende 2011 gemeinsam mit dem damaligen französischen Präsidenten angestellt hatte, war im Frühsommer aufgegangen: Das entschlossene Vorangehen Deutschlands und Frankreichs in einem bilateralen Vertrag hatte eine unwiderstehliche Sogwirkung, zugleich aber eine bis dahin unbekannte Trennschärfe in Europa erzeugt. Als am Ende nur Großbritannien außen vor blieb und Griechenland aus der Eurozone zu kippen drohte, schien die alte Vision von einem Kerneuropa, einem engen Verbund der politisch Willigen und ökonomisch Fähigen im Zentrum Europas auf einmal greifbar.

Die französische Präsidentschaftswahl aber hat Merkel einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es hat Monate - bis weit in den Herbst - gedauert, bis man sich in Berlin darüber klar wurde, wie gründlich die französischen Wähler die Pläne der Kanzlerin durchkreuzt hatten. So endet das Jahr in Ernüchterung. Die europäischen Zeitpläne sind wieder gedehnt worden. Bis zum nächsten Sommer will man Nachdenken, Überlegungen reifen lassen und vor allem abwarten, welche politischen Führungskonstellationen sich nach der Bundestagswahl im September ergeben. Dann richtet sich der Blick schon voraus auf die Wahl zum Europäischen Parlament 2014.

Es ist vor allem die Einsicht in die Grenzen des Machbaren und das daraus abgeleitete Kalkül, das die Haltung der europäischen Politik in diesen Tagen bestimmt.

Die vorweihnachtlichen Beschwichtigungen sind fadenscheinige Versuche, Erschöpfung und Mangel an gemeinsamen Gestaltungswillen zu übertünchen. Wer heute behauptet zu wissen, das Schlimmste sei überwunden, hat beste Chancen, als ein ins optimistische gewandelte Mayapriester Europas in die Geschichte einzugehen.

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