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Seit 11:35 Uhr Umwelt und Verbraucher
StartseiteInterviewKrisen in den USA und der EU beunruhigen die Märkte05.08.2011

Krisen in den USA und der EU beunruhigen die Märkte

Börsen sind weiterhin auf Talfahrt

Wolfgang Gerke vom Bayerischen Finanz Zentrum glaubt nicht, dass ein starkes Wort nach der geplanten Telefonkonferenz zwischen Sarkozy, Merkel und Zapatero die Märkte wieder beruhigen wird. "Man wird einfach auch lernen müssen, dass sich die Probleme nicht in die Zukunft vertagen lassen", kritisiert er die vielen angehäuften Schulden.

Wolfgang Gerke im Gespräch mit Gerwald Herter

Derzeit sind die Börsen eher auf Talfahrt. (AP)
Derzeit sind die Börsen eher auf Talfahrt. (AP)

Gerwald Herter: Die Wallstreet schloss mit Verlusten, die asiatischen Börsen befinden sich zurzeit im Abwärtstrend. Dabei war das ohnehin schon eine düstere Woche für die Finanzplätze. Die chinesische Regierung fordert eine koordinierte Antwort, der französische Präsident Sarkozy will heute mit Bundeskanzlerin Merkel und dem spanischen Premier Zapatero telefonieren – aber was wird es nutzen?

Wir haben, wie in ähnlichen Fällen schon häufiger, Professor Wolfgang Gerke vom bayrischen Finanzzentrum in München angerufen. Dieses bayrische Finanzzentrum kümmert sich um Projekte zwischen Wissenschaft und Praxis, und nun sind wir mit Professor Wolfgang Gerke verbunden. Guten Morgen, Herr Gerke!

Wolfgang Gerke: Guten Morgen, Herr Herter!

Herter: Herr Gerke, wie beunruhigend ist das, was wir da gerade erleben – die Börsen auf Talfahrt – für einen Finanzfachmann wie Sie?

Gerke: Ja, ich würde natürlich gerne beruhigen, aber das fällt schwer. Ich sehe an den Finanzmärkten wie leider auch in der Politik, dass es in immer kürzeren Abständen Krisen gibt. Und das ist nicht ganz unbegründet, hängt auch mit moderner Technologie zusammen, denn an den Börsen erfolgen immer mehr Aufträge aus Computerprogrammen, wo man beispielsweise ganz einfach die Verluste dadurch begrenzt, dass man ab einem bestimmten Kursniveau dann automatisch verkauft. Und so was löst natürlich viel stärkere Krisen ab, die Märkte werden unruhiger. Und das ist schon etwas, was einem heute Sorgen bereiten kann: Wann stoppt das?

Herter: Diese Effekte werden also durch die moderne Technik sozusagen übertrieben. Wenn eine Aktie fällt an einen bestehenden Punkt, wird sie automatisch verkauft. Und das löst dann eine Kettenreaktion aus, richtig?

Gerke: Ja, genau das ist es. Und die gibt es auch in die andere Richtung, dass herdenmäßig man plötzlich überall Kaufsignale bekommt. Und dann auch, ohne zu prüfen, wie fundamental eigentlich der Wert eines Unternehmens ist, kauft und kauft und anschließend auch noch sieht, aha, die Kurse gehen ja hoch, ich habe genau die richtige Software. Nun, wir haben auch ein fundamentales Problem, so ist es nicht. Man kann das nicht allein auf die Technologie schieben, aber die erhöht die Kursausschläge. Fundamental ist sehr wohl zu sehen, dass viele Länder viel zu viele Schulden aufgehäuft haben, insbesondere auch die wichtige Wirtschaftsnation USA. Und da muss man jetzt erst mal sehen: Wie kann man aus dieser Kalamilät wieder herauskommen? Und die Anleger glauben nicht so ganz, dass die Politiker das meistern werden.

Herter: Sind denn der Präsident der Europäischen Zentralbank Trichet und der Kommissionspräsident Barroso auf dem richtigen Weg? Beide haben sich gestern geäußert, das dürfte aber zur Verunsicherung auf den Märkten beigetragen haben.

Gerke: Bei Herrn Trichet ist sicherlich nichts gegen seine Stellungnahme einzuwenden. Eher muss man darüber nachdenken, ob es richtig ist, dass die Europäische Zentralbank schon wieder notleidende Anleihen europäischer Länder aufkauft, aus deutscher Sicht unverantwortlich, was da gemacht wird! Da wird Fiskalpolitik betrieben statt Geldpolitik. Was Herrn Barroso anbetrifft, muss man einfach sagen, das ist schon politisch zu stoppen, dass jemand dann auch öffentlich kundtut, dass man mehr Geld in den Rettungsfonds hineinschieben muss. Da stehen möglicherweise auch politische Interessen aus Sicht Portugals mit dahinter, dass man hier sehr schnell so einen doch anzapfenden Fonds auflegt. Und aus deutscher Sicht muss man sagen, hier muss man Herrn Barroso stoppen. Man hätte ihn viel eher stoppen müssen, denn er ist mit dieser Forderung ja auch schon an den Markt gegangen. Dass man vielleicht mal aufstockt, ist eine andere Sache, aber indem man das kundtut, setzt man die Länder, die hier einzahlen sollen, vorzeitig unter Druck.

Herter: Da geht es um den europäischen Rettungsfonds, richtig?

Gerke: Jawoll!

Herter: Über die Telefonkonferenz zwischen Sarkozy, Merkel, Zapatero haben wir schon berichtet, die ist nur angekündigt worden. Muss es danach heute eine starke gemeinsame Erklärung geben?

Gerke: Eine starke gemeinsame Erklärung muss es geben, nur die Märkte lassen sich davon auch nicht beeindrucken. Nur, man kann nicht eines machen: Sich alle paar Wochen wieder treffen, Krisengipfel machen und neues Geld in die Hand nehmen. Man wird einfach auch lernen müssen, dass sich die Probleme nicht in die Zukunft vertagen lassen, indem man die nächste Generation mit Schulden belastet, sondern dass man effizienter Politik machen muss, effizienter wirtschaften muss. Und das ist leider schon seit vielen Jahren anzumahnen. Allgemein muss man sagen – das gilt nicht nur für Deutschland, aber auch für Deutschland ganz speziell muss man mit der Wirtschaftspolitik der Politiker sehr unzufrieden sein.

Herter: China fordert eine international abgestimmte Antwort. Die Chinesen haben da offenbar Sorge um ihre Märkte, aber auch um ihre Devisenreserven. Gibt es ein Gremium, das da sich schnell zusammenschalten könnte. Und würde das weiterhelfen?

Gerke: Vom Gremium her, das lässt sich ganz schnell bilden, das ist nicht das Problem. Das Problem sind die unterschiedlichen Interessen. Und die Chinesen haben zweierlei Interessen: Sie sind der größte Geldgeber der USA. Und da wollen sie ja auch nicht, dass die USA in Schwierigkeiten kommen. Und sie brauchen die internationalen Märkte für ihren subventionierten Export. Und von daher ist die Unruhe Chinas zu verstehen. Auf der anderen Seite lebt auch die gesamte Weltwirtschaft von den hohen Wachstumsraten in China ganz gut mit und hat auch ein Interesse daran, dass die nicht einbricht. Also, man sitzt in einem Boot, dennoch besteht die Gefahr, dass die Ruder in verschiedene Richtungen gestellt werden, sodass das Boot nicht gemeinsame Fahrt aufnehmen kann.

Herter: Bald ist es Wochenende, es beginnt dann – kann man froh sein, dass da nicht gehandelt wird?

Gerke: Ja, da muss man sehr froh drum sein. Aber die Händler denken weiter drüber nach, was sie Montag machen. Und insofern ist das eine kurze Ruhepause.

Herter: Noch ganz kurz in einem Satz: Was könnte die Politik an diesem Wochenende machen?

Gerke: Die Politik ist an diesem Wochenende ziemlich machtlos. Sie kann positive Parolen verteilen, aber mehr wird von ihr nicht zu erwarten sein.

Herter: Informationen und Einschätzungen von Professor Wolfgang Gerke vom bayrischen Finanzzentrum in München. Herr Gerke, vielen Dank für dieses Gespräch!

Gerke: Schönen Tag noch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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