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StartseiteTag für TagVon innen ruhig, nach außen kampfbereit20.12.2016

Kritik an der AchtsamkeitsbewegungVon innen ruhig, nach außen kampfbereit

Seit Jahren gibt es einen Boom der sogenannten Achtsamkeitsbewegung. Immer mehr Menschen greifen auf die dem Buddhismus entlehnten Bewusstseinstechniken zurück, um ihr Arbeitspensum zu bewältigen. Kritiker bemängeln, dass damit die buddhistische Meditation ad absurdum geführt wird.

Von Mechthild Klein

Eine Frau meditiert vor einem Sonnenuntergang. (imago/stock&people/UIG)
Achtsamkeitstechniken wird auch in Deutschland eine große Zukunft prophezeit (imago/stock&people/UIG)
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Wir leben in einer beschleunigten Gesellschaft. In allen Arbeitsbereichen verdichtet sich das Arbeitsaufkommen. Da liegt es nahe, Achtsamkeitstechniken zu üben, den Stress nicht so nah an sich herankommen zu lassen, um auch im Feierabend noch gut abschalten zu können. Die bekannteste Technik ist wohl die "Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion", kurz MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction) des amerikanischen Biologen Jon Kabat-Zinn.

Es gibt viele Studien über die Entspannungswirkung dieser Technik. In Amerika und England wird MBSR bereits von vielen Unternehmen für ihre Mitarbeiter angeboten. In Deutschland wird ein ähnlicher Hype dieser Achtsamkeitstechniken erwartet. Krankenkassen übernehmen einen Teil der Kosten. Michael Zimmermann, Professor für Indologie an der Universität Hamburg, sagt, dass viele Elemente ursprünglich aus den frühbuddhistischen Meditationen der Achtsamkeit stammen:

"Allerdings in einem anderen Kontext – im frühen Buddhismus ist das ja eingebettet zusammen in eine Schulung mit Ethik und Achtsamkeit, aber auch Weisheit. Und Weisheit beinhaltet das Studium der buddhistischen Schriften, das bei diesen neuen Anwendungen eher nicht zum Tragen kommt. Da ist es eine herausgelöste Technik, die dazu benutzt wird, bestimmte Dinge zu trainieren, die nicht unbedingt in einem weiteren ethischen Kontext eingebunden sind."

Die Stressreduktion durch Achtsamkeit greift beispielsweise auf die Vipassana-Übungen aus dem Buddhismus zurück. Vipassana aus dem alten indischen Dialekt Pali übersetzt bedeutet "Einsicht".

"Es sind immer Mischungen von zwei Techniken. Das eine ist die Ruhe, wie man zur Ruhe kommt, sie setzen sich nieder, machen die Augen zu, versuchen dann auf ihren Körper zu achten."

Schon an der Konzentration scheitern viele

Dann konzentriert man sich darauf, die einzelnen Körperteile wahrzunehmen. Das beginnt am großen Zeh, über die Ferse, die Kniegelenke, bis hinauf zum Scheitel. Das ist der sogenannte Body-Scan bei Jon Kabat-Zinns Stressreduktion durch Achtsamkeit.

"Das ist nicht simpel. Man muss  sich konzentrieren können, da scheitern schon manche Menschen dran. Weil sie sich gar nicht über zehn Minuten konzentrieren können, weil sie es nicht gewohnt sind. Aber das kann man ja üben. Achtsamkeitspraxis Vipassana hat viel mit Übung zu tun. Wenn Sie das üben, dann werden Sie merken, sie entwickeln ein gewisses Bewusstsein für den Körper. Das ist der erste Schritt, ein gewisses inneres zur Ruhe kommen. Wenn Sie das erreicht haben, können Sie darauf aufbauen und auch ein bisschen auf Ihre emotionale Gestaltung zu sehen."

In diesem Teil des Vipassana geht es darum, die Emotionen zu zähmen. Wenn man ruhig wird, schießen automatisch Gedanken und Gefühle ins Bewusstsein. Besonders stark ist der Ärger. Man beginnt, die Gedanken wahrzunehmen und lässt sie weiter ziehen, ohne sie zu bewerten. So kann man nach längerer Übung trainieren, sich nicht von Gefühlen mitreißen zu lassen. Man bekommt Abstand auch zum eigenen Ärger. Für den Buddhisten heißt das, er kann überlegt handeln, Mitgefühl entwickeln, das Gute wählen und er reagiert nicht im Affekt. Für den Anhänger von MBSR, also der stressreduzierenden Achtsamkeitspraxis, kann das bedeuten, dass er gut Abstand zur Arbeit bekommt, weil er den Stress reduzieren kann.

Kritik an der Achtsamkeitsbewegung

"Das Problem ist, dass Achtsamkeit jetzt selbst als Steigerungstechnik eingesetzt wird. Das heißt Menschen versuchen 20 Minuten zu praktizieren, damit sie danach umso erfolgreicher, umso schneller, umso fitter, innovativer, gesünder sind. Das heißt Achtsamkeit wird als Moment in einer Logik eingesetzt, mit einer Steigerungslogik, die das Problem verursacht und es deshalb nicht überwinden kann."

Der Soziologe Hartmut Rosa kritisiert die Achtsamkeitsbewegung. Sie sei unpolitisch und schiebe das Problem, sich in einem beschleunigten System der Arbeit zu behaupten, dem Einzelnen zu.

Professor Hartmut Rosa vom Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena (aufgenommen im September 2010 bei einer Pressekonferenz in Jena) (picture-alliance / dpa-ZB / Martin Schutt)Professor Hartmut Rosa vom Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. (picture-alliance / dpa-ZB / Martin Schutt)

"Weil die Achtsamkeitsbewegung schon die Tendenz hat zu sagen: Wenn du nur achtsam genug bist, wenn du nur achtsam genug mit dir und anderen bist, den Dingen und der Welt umgehst, dann ist alles in Ordnung. Die Frage nach dem gelingenden Weltverhältnis wird ausschließlich als Persönlichkeitseigenschaft verstanden."

Mit anderen Worten: Achtsamkeit ohne Ethik funktioniert zwar – kann aber in die falsche Richtung führen.

"Man sieht ja auch tatsächlich, dass das etwas ist, was von Managern oder von erfolgreichen Eliten gesucht und praktiziert wird. Die dann im Radikalfall sagen: Sie hatten Skrupel und Schwierigkeiten, Menschen zu entlassen und seitdem sie Achtsamkeit praktizieren, fällt es ihnen viel leichter. Also da sieht man eine Funktionalisierung der Achtsamkeitslogik."

Achtsamkeit als Ethik

Grundsätzlich kann der Soziologe Rosa der Idee von Achtsamkeit aber etwas abgewinnen, weil sie dazu befähigt, weniger im Affekt zu handeln. Aber was hat man von einer Bewegung, die die gesellschaftlichen Probleme ignoriert?

"Es gibt Bestrebungen, Achtsamkeit auch als Ethik zu verstehen. Also nicht nur eine selbstbezogene Praxis, sondern als eine, die sich auch auf andere richtet. Allerdings scheinen die mir bekannten Konzepte tatsächlich zu hoch zu sein, zu universell zu sein, weil die dann sagen, man soll allen und allem mit Wohlwollen begegnen und nix und niemanden verletzen."

Eine Frage richtet sich an die buddhistischen Gemeinden, meint der Indologe Michael Zimmermann. Wollen sie, dass buddhistischen Grundtechniken wirklich uneingeschränkt verwendbar seien, in jedem Kontext? Soll Achtsamkeit nur der Maximierung von Glück, Gewinn oder Geschwindigkeit dienen – verliert man da nicht das spirituelle Ziel, nämlich den Ausstieg aus dem Kreislauf der Wiedergeburt, aus dem Blick?

Es gibt ja kein Monopol auf die Achtsamkeitsübungen und sie können in jedem Kontext eingesetzt werden – in einigen ostasiatischen Kulturen führten sie zu einem neuen Typ von Kämpfern wie etwa den Samurai.

"Die bauen natürlich alle auf Achtsamkeit auf. Das ist eine Vereinigung von Kriegskunst, von Kampfkunst und Achtsamkeit – genau das."

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