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StartseiteForschung aktuell"Man kann das Geld wahrscheinlich besser einsetzen"19.02.2018

Kritik an Wissenschaftsjahren"Man kann das Geld wahrscheinlich besser einsetzen"

Anlässlich der Eröffnung des neuen Wissenschaftsjahres in Berlin stellt der Wissenschaftsjournalist Holger Wormer dieses Format generell infrage: Die Ziele seien sehr unklar, die Wirkung verpuffe oft. Grundsätzlich solle darüber nachgedacht werden, ob die Mittel nicht effizienter eingesetzt werden könnten, sagte Wormer im Dlf.

Holger Wormer im Gespräch mit Uli Blumenthal

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Bildnummer: 52989175 Datum: 26.04.2009 Waggon mit dem Thema - Zukunft des Menschen - im Ausstellungszug - Expedition Zukunft - in Frankfurt am Main. (imago / Südraumfoto)
Wissenschaftsjahre sollen Wissenschaft vermitteln - aber an wen und mit welchem Ziel? Das sei nicht genau definiert, so die Kritik (imago / Südraumfoto)
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Uli Blumenthal: Heute Mittag hat die geschäftsführende Bundesforschungsministerin Johanna Wanka das Wissenschaftsjahr 2018 eröffnet. Das Thema lautet "Arbeitswelten der Zukunft". Im Zentrum steht die Frage, wie die Digitalisierung neue Arbeitsmodelle und die Entwicklung Künstlicher Intelligenz die Arbeit verändern. Beim Wissenschaftsjahr sollen Forschungsprojekte und Forschungsergebnisse in die Öffentlichkeit getragen werden, und Johanna Wanka sagte, wir wollen im gesellschaftspolitischen Dialog zeigen, dass wir unsere Zukunft gerade durch Bildung und Wissenschaft selber gestalten können. Ich bin jetzt verbunden mit Holger Wormer, er ist Professor für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund und hat 2014 und 2017 an Empfehlungen zur Gestaltung der Kommunikation zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und den Medien mitgearbeitet. Herr Professor Wormer, seit 2000 gibt es Wissenschaftsjahre, und den Anfang machte da das Jahr der Physik. Inzwischen sind wir im 18. Wissenschaftsjahr. Wie sieht es aus, Anspruch und Wirklichkeit? Was ist eingelöst, und wo sind Fragen offen?

Holger Wormer: Na ja, die Fragen sind zum Teil schon da offen, was eigentlich das genaue Ziel der jeweiligen Wissenschaftsjahre war. Also wollte man jetzt, wie das anfänglich kommuniziert war, Menschen auch zu bestimmten Studienfächern bringen, sich allgemein für Wissenschaft interessieren, wollte man ein positives Bild der Wissenschaft in die Öffentlichkeit tragen oder wirklich Bildung vermitteln, und dann stellt sich auch die Frage, Bildung an wen, an diejenigen, die das sowieso schon wissen, oder an die berühmten bildungsfernen Schichten, und da fängt es schon an. Also die Zieldefinition der Wissenschaftsjahre ist bis heute, aus meiner Sicht, sehr unklar.

"Evaluierung von Beratungsagentur gemacht"

Blumenthal: Und wenn ich Sie richtig verstehe, kranken daran eigentlich auch die Wissenschaftsjahre, oder verstehe ich Sie da falsch?

Wormer: Also natürlich wird man irgendeine Wirkung erzielen, es ist ja immer die Frage, steht die Wirkung in einem vernünftigen Verhältnis zum Aufwand. Ich habe mir mal eine Evaluation angeschaut, das ist sowieso auch interessant, die allermeisten Wissenschaftsjahre wurden eben nicht evaluiert. Eine Evaluation, die es gibt, wurde dann auch nicht, ich sage mal, nach streng wissenschaftlichen Kriterien, sondern letztendlich von einer Beratungsagentur gemacht, und selbst da kommt man dann zu dem Ergebnis, dass zum Beispiel bei Kernelementen, wie diese MS-Wissenschaft, vorwiegend Leute hinkommen, die sich sowieso schon für Wissenschaft interessieren oder eine positive Grundhaltung für Wissenschaft haben. Ich war übrigens auch da. Professorentöchter finden dann so ein Wissenschaftsschiff auch ganz toll, aber wenn ich ganz ehrlich bin, für mich ist das ja wahrscheinlich nicht gemacht oder für meine Töchter.

Starker "PR-Anstrich"

Blumenthal: Das heißt, Wissenschaftsjahre werden wahrgenommen vor allem von den gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen - kann man das so formulieren?

Wormer: Genau, das war schon ganz am Anfang ein Punkt. Ich glaube, die "Zeit" hat irgendwann in den frühen Jahren mal diesen Begriff "preaching to the converted", also man predigt zu denen, die eigentlich schon bekehrt worden sind, und die anderen erreicht man eigentlich nicht besonders. Dazu kommt noch, dass es immer stark diesen PR-Anstrich hat, also dass man vielleicht viel zu wenig auch vermittelt, was eine Frage aus heutiger Zeit ist, warum soll denn wissenschaftliches Wissen oder - im Übrigen gilt das auch für journalistisches Wissen -, warum soll das denn mehr wert sein oder vertrauenswürdiger sein als das Wissen, was man sich bei Facebook oder via Google ins Haus holen kann, und das wäre, aus meiner Sicht, ein zentraler Punkt, den man kommunizieren müsste, und jetzt nicht wieder irgendein Thema, "Zukunft der Arbeit" … Ich weiß nicht, wie das ein Journalist bewerten würde, aber es ist jetzt nicht so das Thema, wo man hochhüpfen würde und sagt, das müssen wir jetzt machen, und das wird alle Menschen da draußen wirklich sofort von den Stühlen reißen.

Themensetzung "wirkt einfach etwas willkürlich"

Blumenthal: Zumal 2014, das Wissenschaftsjahr hieß "Die digitale Gesellschaft", und da gibt es um die digitale Wirtschaft, um die Frage, wie verändert sich die Wirtschaft, wie machen wir uns fit für die Arbeitswelt, wie machen wir uns fit für die digitale Karriere, dann vier Jahre später eigentlich noch mal eine Neuauflage. Einfach nur ein zweiter Aufguss?

Wormer: Na ja, ich kann es jetzt inhaltlich noch nicht beurteilen, weil das Jahr ist ja noch nicht komplett gelaufen, aber es wirkt einfach etwas willkürlich. Soweit ich weiß, ist ja auch innerhalb des BMBF selber das Format Wissenschaftsjahre seit Jahren Gegenstand der Diskussion. Da gibt es unterschiedliche Fraktionen. Einige, die würden es gerne komplett ersetzen durch andere Dinge, andere würden es gerne reformieren, und einige machen irgendwie so ein bisschen nach dem Motto, weiter wie bisher, und Stichwort Evaluation noch mal: Ich habe in diesen Evaluationsbericht reingeschaut, und da ist wirklich ein Punkt, über den man stolpert. Da heißt es dann, dass Besucher klassischer Vermittlungsformate eben schon oft im Vorhinein diese ja sehr positive Haltung haben, und dann zeigt die Begleitforschung, dass diese Haltung nach dem Besuch der Ausstellung weiter bestehen bleibt, und das wird dann als Erfolg gefeiert. Also da muss man sich schon fragen – da fließen ja auch öffentliche Mittel rein -, ist das dann nicht besser verwendet irgendwo, wenn man vielleicht nachhaltig direkt in den Schulen unterstützt oder Verständnis für Wissenschaft schafft.

Blumenthal: 2006 war das Ziel des Informatikjahres, das Bewusstsein für die zahlreichen Möglichkeiten der Informatik zu schärfen und die Bedeutung der Informatik als Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands zu veranschaulichen. Gibt es überhaupt Kriterien für ein erfolgreiches Wissenschaftsjahr, woran wird Erfolg gemessen, Ihrer Meinung nach?

Wormer: Das ist eben genau der Punkt, also dass diese Evaluation selbst auch unklar bleibt, was denn nun eigentlich ein Erfolg ist, und was aber zumindest rauskommt, dass selbst die da Befragten offenbar, wenn man jetzt mal dieser Untersuchung glauben darf, sagen, dass ein Riesenproblem Nachhaltigkeit ist. Man hat dieses Jahr … Vielleicht gibt es dann ja auch schöne Veranstaltungen - das will man ja gar nicht in Abrede stellen -, aber es wird beklagt, dass dann die Wirkung im Nachhinein doch irgendwie verpufft, also ob jetzt noch irgendetwas vom Informatikjahr übrig ist, diese Frage stellt sich eben, und selbst wenn etwas übrig ist, ist es eben eine Frage der Opportunitätskosten: Ich mache mit dem Geld, was ich in die Wissenschaftsjahre investiere, irgendetwas anderes nicht. Wenn wir sozusagen bei der Aufhebung vom Kooperationsverbot weitergehen und sagen, okay, auch der Bund darf stärker die Schulen unterstützen, vielleicht auch da mit innovativen Formaten, mit Formaten, die Spaß machen, die dann aber irgendwie institutionell verankert sind, an den Schulen, bei den Lehrern, dann hat das vielleicht dieses Problem der Nachhaltigkeit … ja, leichter zu lösen, als wenn wir ein tolles Jahr machen, öffentliche Festveranstaltung, dann feiern alle und freuen sich - ist ja auch alles wunderschön, kann man machen -, aber man kann dieses Geld wahrscheinlich doch noch etwas besser einsetzen.

Mittel "noch effizienter einsetzen"

Blumenthal: Partizipation, Dialog und Beteiligung - das ist eine Trias, wo man sagen könnte, das ist auch eine zeitgemäße Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Sie haben an zwei Gutachten mitgewirkt über Wissenschaft, Öffentlichkeit – was wäre Ihre Empfehlung dann sozusagen für das Wissenschaftsjahr 2019, aus ausfallen zu lassen und ganz andere Formen zu machen oder die Wissenschaftsjahre in einer ganz neuen Art und Weise zu betreiben?

Wormer: Also ich würde tatsächlich grundsätzlich überlegen, ob das Format in dieser Form noch zeitgemäß ist, ob es die richtigen Akteure sind, die daran beteiligt sind, ob es wirklich so gut ist, so viel in diesen Marketingaspekt da rein zu investieren. Es sollten sich vielleicht die Beteiligten durchaus einmal an einen Tisch setzen. Das vermisse ich beispielsweise. Ich meine, immerhin haben alle deutschen Wissenschaftsakademien dieses Papier verfasst. Man hätte ja auch erwarten können, dass dann die entsprechenden Impulsgeber in dem Ministerium oder auch in anderen Einrichtungen sagen, oh, das ist aber interessant, auf dieser wirklich ja wissenschaftsbasierten Empfehlung, diesem wissenschaftsbasierten Gutachten ist es mal interessant, darüber nachzudenken, was könnte denn sinnvoll sein, und ich glaube, ein ganz wesentlicher Punkt, jetzt aus heutiger Sicht, ist ganz stark dieser Punkt Bewertung von Informationen, Bewertung von Qualität, von Informationen, die man in den Medien, aber auch in den Social Media findet, und da spielt die Wissenschaft natürlich eine zentrale Rolle. Wenn Sie mich fragen würden, so ad hoc, das könnte ein Thema für ein Wissenschaftsjahr 2019 sein, ich glaube aber, ja, ich würde es tendenziell 2019 ausfallen lassen und wirklich noch mal grundsätzlich überlegen, wie man diese Mittel vielleicht noch effizienter einsetzen kann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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