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StartseiteBüchermarktKroatien ist längst wieder Urlaubsland02.12.2005

Kroatien ist längst wieder Urlaubsland

In "Das Ministerium der Schmerzen" werden Kriegserfahrungen verarbeitet

Die Autorin Dubravka Ugresic emigrierte aus dem ehemaligen Jugoslawien. Sie weiß, was Krieg bedeutet. Auch wenn sie Reflexion, Handlung und essayistische Einschübe nicht immer mit Leichtigkeit zusammenbringt, dringt ein dunkler Grundton ins Gemüt und schärft die Vorstellung für das eigentlich Unvorstellbare.

Von Beatrix Novy

Der Roman macht klar: Der Krieg hat das Leben der Menschen verändert. (AP Archiv)
Der Roman macht klar: Der Krieg hat das Leben der Menschen verändert. (AP Archiv)

Kroatien ist längst wieder Urlaubsland. Bereits ein Jahr nach dem Abkommen von Dayton schwärmten findige Touristen von den angenehm leeren Stränden und der freundlichen Aufnahme hier. Die herrlichen Küsten Dalmatiens und Istriens, das klare grünlich schimmernde Wasser - höchstens mit Sardinien zu vergleichen, das wissen die Mittelmeer-Habitués. Die Dörfchen haben sich beträchtlich herausgeputzt und das sozialistische Billigflair der Ostblockzeit hinter sich gelassen. Tüchtigkeit und Sauberkeit überall. Krieg? Gar nicht so lange her? Wo denn?

Der scheint vergessen. Aber einem weltweit zur Verhaftung ausgeschriebenen Fremdenlegionär wie Ante Gotovina wird kultische Heldenverehrung zuteil, die sprachkundige Touristen auf Plakaten an den Landstraßen entziffern könnten. Die Wurzeln des Konflikts sitzen noch im psychosozialen Gefüge, und eine kroatische Schriftstellerin wie Dubravka Ugresic, die aus ihrem Land regelrecht verjagt wurde, muss sich dem Thema stellen. Dubravka Ugresic, die in den 80er Jahren schon eine erfolgreiche Schriftstellerin war, lebt das Leben im Exil. Schon in den ersten Sätzen ihres Romans "Das Ministerium der Schmerzen" entsteht eine beunruhigende Atmosphäre: eine Stadt im Zwielicht, ein Zustand schwebender Identität, lauernde schmerzende Erinnerungen.

"Ich weiß nicht mehr, wann ich es zum ersten Mal bemerkte. Dass ich an einer Haltestelle stehen konnte, den Blick auf den Stadtplan mit den bunten Straßenbahn- und Buslinien, die ich nicht verstand und die mich kaum interessierten; dass ich gedankenlos dastand und mich auf einmal der Wunsch überkam mit der Stirn gegen das Glas zu stoßen und mir Schmerz zuzufügen."

Tanja, die Ich-Erzählerin: Emigrantin, gestrandet in Amsterdam, wie Dubravka Ugresic. Ein kleiner Job hält sie über Wasser, eine Gefälligkeit der politisch korrekten wissenschaftlichen community, die ansonsten mit der realen Tanja nicht viel zu tun haben will: Auf eine private Einladung wartet Tanja vergeblich. Gegen diese Art der Vereinsamung helfen Leidensgenossen nur bedingt. Tanjas Studenten sind Emigranten aus dem ehemaligen Jugoslawien wie sie. Einige von ihnen nähen Sado-Maso-Klamotten für Klubs wie den, der sich "Ministry of Pain" nennt - Ministerium der Schmerzen. Ausgerechnet. Kann man mit diesen Gestrandeten, Traumatisierten, hinter denen unausgesprochene, vielleicht unaussprechliche Geschichten stehen, einfach über Literatur dozieren? Oder über Sprache - welche Sprache?

"Ich sagte ihnen, dass Kroatisch, Serbisch und Bosnisch Varianten einer Sprache sind, und dass ich davon nicht abzurücken gedächte. Jede Sprache ist ein Dialekt, hinter dem eine Armee steht. Hinter dem Kroatischen, Serbischen und Bosnischen stehen paramilitärisch Banden. Wollen Sie etwa zulassen, dass halbanalphabetische Kriminelle Ihre sprachen Berater werden?, sagte ich."

Aber Tanja weiß auch, dass diese Kriminellen längst entschieden haben. Jugoslawien gibt es nicht mehr; also sollen sich ihre Schüler erst darüber klar werden, wer sie sind. Sie sollen ihre Geschichten und Erinnerungen freilassen und lernen, was in postkommunistischen Gesellschaften generell das Schwierige ist: die selbst erlebte Geschichte nicht von sich selbst abgetrennt erleben und sie trotzdem mit Distanz beurteilen.

In beobachtenden, assoziativen Essays hat Dubravka Ugresic in den 90er Jahren die Katastrophe ihres Landes sich selbst und den Lesern zu erklären versucht, und die "Kultur der Lüge" - das ist der Titel eines Essay-Bandes - im Folklorekitsch des vereinten Jugoslawien entdeckt. Aber es ist eben der Kitsch, an dem der Mensch hängt. Das Lied, das jeder kennt, die Melodie, zu der jeder getanzt hat - die nie wiederholbare Gemeinsamkeit, die im Kindesalter gelernt und als süße Gedächtnislast mitgeschleppt wird durch den Krieg in ein anderes Leben.

"Mutter machte Marmelade, Konfitüre, saure Gurken und Paprika, Ajvar und ähnliche Sachen selbst. Sie wusste auch, wie man Likör aus Kirschen, Walnüssen und Schokolade macht. All das kam, von Mutter mit Etiketten versehen, in die Speisekammer. Für uns Kinder war es der aufregendste Augenblick, wenn die Süßigkeiten an die Reihe kamen. Mutter kaufte mehrere Schachteln Kekse und Blockschokoladen, weil die am billigsten war. Die Kekse mit Namen "Hausfrau" ließen sich schön in Milch tauchen."

Das Paradies zeichnet sich dadurch aus, dass man aus ihm vertrieben wird. Die kollektive Erinnerung kennt aber auch Traditionen und Sprichwörter, die die Greuel schon in sich zu tragen scheinen.

"Warum haben Sie das Land verlassen? Weil man in meinem Volk von einem Kind, das anderswo "wie ein Engelchen" schläft, sagt, dass es "schläft wie abgeschlachtet"."

Der Versuch der Heldin, Erinnerungskultur im kleinen herzustellen, schlägt genauso fehl wie Dubravka Ugresics Versuch, den hollandkäseblassen Gestalten Charakter zu verleihen in diesem Roman, der sich ins nüchterne Gewand einer Autobiographie kleidet, so dass er wie eine Autobiographie wirkt, die sich hinter romanhaften Erfindungen verborgt. Bei der Lektüre empfindet man zeitweise die betongraue Atmosphäre eines Volkshochschulkurses, erleuchtet nur von einer Neonröhre, aber Ugresics essayistische Passagen sind einprägsam wie eh und je. Als eine seltsam Verlorene lässt sie ihre Tanja durch die Ereignisse stolpern: Auseinandersetzungen mit den Kollegen, Besuch eines Kriegsverbrecherprozesses in Den Haag, schließlich ein erotisch-sadistisches Abenteuer mit einem Studenten: "Ministerium der Schmerzen". Auch wenn Dubravka Ugresic Reflexion, Handlung und essayistische Einschübe nicht immer mit Leichtigkeit zusammenbringt, dringt ein dunkler Grundton ins Gemüt und schärft die Vorstellung für das eigentlich Unvorstellbare.

"Der Krieg war für viele ein Verlust, aber auch ein guter Grund, das alte Leben abzuschütteln und ein neues anzufangen. Der Krieg hat wirklich das Leben der Menschen verändert. Selbst Irrenhaus, Gefängnis und Gerichtssaal wurden zu normalen Varianten."


Dubravka Ugresic: "Das Ministerium der Schmerzen"
Berlin Verlag

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