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StartseiteBüchermarktKrums Versuchung12.08.2003

Krums Versuchung

Europa Verlag, 240 S., 19,90

"Betrunkene Frauen lieben den Pennerfick". Das ist eine durchaus deprimierende Beichte, die der Schlagertexter Krum Heiding seiner eigenen Frau Edna abnehmen muss. Zumal sie selbst es ist, die es regelmäßig mit einem Vertreter jener armseligen Kaste treibt. Da Krum ein ausgeprägt masochistisches Naturell an den Tag legt, nimmt seine Verzweiflungslust eklatante Ausmaße an. Unter Einsatz schärfster Chilischoten kocht er ihr selbst nach ihrem Geständnis das versprochene Abendessen. Als er sie einmal auf frischer Tat ertappt - in einem Zelt - bemüht er sich zitternd um eine Nahaufnahme der beiden Übeltäter. Wie kriegen sie es auf engstem Raum hin?

Hajo Steinert

Warum die Frau ihren Mann betrügt? Nun, er ist mit den Jahren einfach ein wenig abgeschlafft, und sie holt sich ihre Kicks eben woanders. Und damit sich der Leidende mit seinen Seelenqualen nicht immer im Kreise dreht - das wäre in der Tat langweilig selbst für den mitfühlenden Leser - lässt der Autor eine frühere Geliebte Krums die Szene betreten. Sie meldet sich aus Südamerika zurück, braucht dringend seine Hilfe, um das von einer Militärdiktatur regierte Land zu verlassen. Selbstverständlich hat Krums Begegnung mit Saalha Auswirkungen auf das Verhältnis zu seiner Frau. Der Geschlechterkampf geht in eine neue Runde.

Derlei Geschichten kennen wir von Ludwig Fels. Die masochistische Grundverfassung seiner männlichen Helden nahm bisweilen rabiate Ausmaße an. Fels' 1993 erschienener Roman Bleeding Heart überbot sich in sexuellen Gewaltphantasien. Der Autor von packenden Romanen wie Ein Unding der Liebe (1981) oder Rosen für Afrika (1987) und Erzählungen wie Der Himmel war eine große Gegenwart (1990) - sein bestes Buch - verdarb es sich mit seinen Lesern auf Teufel komm raus.

Krums Versuchung ist das Comeback des erzrealistischen Erzählers. Fels begnügt sich nicht mehr damit, das Theater der Selbstzerfleischung als Schweiß-und-Sperma-Orgie zu inszenieren. Masochismus ist hier wieder das, was er im Jahrhundert nach Sigmund Freud immer noch ist - eine subtile psychologische Spielart des Sexus, hart an der Grenze zum Wahnsinn . "Sein Herz war ein Knäuel aus Angst und Schmerz", heißt es einmal über Krum, einem Schlagertexter, wohlgemerkt, der dem Autor durchaus dazu dient, (selbst)ironisch mit einem Zeitgeist ins Gericht zu gehen, der das Gefällige auf seinen Fahnen geschrieben hat. Krum lässt sich durchaus als ein ‚alter ego' des Schriftstellers Ludwig Fels vorstellen. Insofern ist Krum eine Kunstfigur.

Gewiss, der Lyriker nach Art der Expressionisten bricht in Ludwig Fels immer noch durch. Sätze wie "Das Firmament war eine durchlöcherte Zeltbahn" gefallen dem Autor sichtlich. Etwas unsanft werden wir wiederholt daran erinnert, dass Herz und Schmerz nahe beieinander liegen. Eine Packung Tempo-Taschentücher hätte der Autor seinen Figuren auch in die Hosentaschen stecken können - so viel Tränen werden vergossen. Dennoch zeugt Krums Versuchung von originellen sprachlichen Bildern und einer Verzweiflungsglaubwürdigkeit, die den Leser nicht kalt lassen. Fels ist wieder da. Lassen wir ihn nicht wieder fallen wie eine heiße Kartoffel.

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