• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 10:10 Uhr Sprechstunde
StartseiteHintergrundGeschlossene Gesellschaft am offenen Meer12.07.2017

KubaGeschlossene Gesellschaft am offenen Meer

Die Promenade Malecón in Havanna steht sinnbildlich für Kuba: Der "Boulevard der Sehnsüchte" liegt direkt am Meer, verkörpert die Verheißungen der nur 100 Kilometer entfernten USA. Und er ist auch die letzte Mauer des Kalten Krieges - nur langsam öffnet sich das sozialistische Land.

Von Anne-Kathrin Mellmann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Angler stehen am Malécon, der Uferpromenade in Havanna (Kuba). (Michael Kappeler/dpa)
Angler stehen am Malécon, der Uferpromenade in Havanna (Kuba). (Michael Kappeler/dpa)
Mehr zum Thema

Kuba Opium fürs Volk war gestern

Tropischer Sozialismus im Umbruch Wie geht's, Kuba?

Kuba Letzter Abschied von Fidel Castro

Annäherung zwischen USA und Kuba Unruhe in Little Havanna

Solange die Sonne hoch am Himmel über der Karibik steht, lässt sich kaum ein Mensch am Malecón blicken. Erst wenn die abendliche, frische Brise vom Atlantik herüber weht, kommen die Habaneros, die Einwohner Havannas, an die Uferstraße, bevölkern ihre acht Kilometer lange Mauer, an der sich die Wellen brechen. Sie kühlen sich ab auf ihrem "verlängerten Sofa", ihrem "Boulevard der Sehnsüchte". Die weltberühmte Sängerin Omara Portuondo, früheres Mitglied des Buena Vista Social Club, wohnt in einem der hohen Gebäude direkt am Malecón. Von dort sieht die 86-Jährige die allabendliche Zusammenkunft.

"Der Malecón begeistert jeden. Die Menschen lieben es, sich auf die Mauer zu setzen, um aufs Meer zu schauen. Ich habe Uferstraßen in Argentinien und Uruguay gesehen. Aber der schönste und längste Malecón ist der von Havanna. Er erinnert uns daran, dass wir vom Wasser umgeben auf einer Insel leben."Die Plaza Vieja in der Altstadt von Havanna. (Imago)Die Plaza Vieja in der Altstadt von Havanna. (Imago)

Einer Insel, die sich seit einigen Jahren wirtschaftlich und kulturell öffnet. Portuondo sieht von ihrem Fenster aus auch die einlaufenden Kreuzfahrtschiffe, die seit der Annäherung zwischen Kuba und den USA wieder aus dem nahen Florida kommen. Sie ziehen an Armando Barcenas und seinen Freunden vorbei, die hier Abend für Abend auf dicke Fische hoffen. Die Männer, die in der Altstadt wohnen, stehen auf der Mauer, angeln mit winzigen Köderfischen und trinken Rum dazu.

"Für mich ist der Malecón das Schönste der Hauptstadt. Die ganze Welt kommt hierher, um die Meeresbrise zu genießen, um Spaß zu haben, Fotos zu schießen oder um sich mit Leuten aus anderen Ländern zu unterhalten. Die Fische hier sind klein und eigentlich angeln wir nur zum Vergnügen. Klar, wenn wir ein Boot hätten, könnten wir größere Fische fangen. Aber ein Boot ist teuer, außerdem braucht man eine Genehmigung. Wir haben diese Möglichkeit nicht."

Riesige Kreuzfahrtschiffe sind zu sehen, aber keine Boote weit und breit. Der Besitz ist streng reguliert, zu groß ist die Fluchtgefahr. Zehntausende Kubaner haben schon per Boot, Floß oder sogar Gummireifen vom Malecón aus das gut 100 Kilometer nahe Key West vor Florida angesteuert.

Exilkubaner dürfen Kuba besuchen

Heute dürfen Exilkubaner zurückkommen, um Verwandte zu besuchen. Auch das hat den Austausch zwischen beiden Ländern verstärkt. Sängerin Omara Portuondo hat kein Problem mit den modernen, westlichen Einflüssen auf die kubanische Musik. Jacob Forever hat mit einem Lied über den Malecón einen Riesenhit gelandet.

"Dieses Lied beschreibt etwas, das nie geschehen wird. Bis der Malecon trocken ist. Wie soll er trocknen, wenn überall Meer ist? Unsere Insel wird sich auch nicht bewegen. Sie ist Teil des Universums. Und genauso wie der Malecón nie trocken sein wird, wird auch unsere Insel immer bestehen."

Seit bald 60 Jahren ist die Insel sozialistisch. Die Partei- und Staatsführung trotzt dem Druck, sich politisch zu öffnen. Je mehr Druck von außen komme, desto weniger hörten die Kubaner zu, meint der Diplomat Herman Portocarero. Der Belgier war lange Zeit Botschafter seines Landes und später der Europäischen Union in Kuba. Außerdem schreibt er Romane – zuletzt über Kuba.

Fidel Castro (im Trainingsanzug) begrüßt Papst Franziskus im September 2015 in Havanna.   | (picture alliance / dpa / Alex Castro)Fidel Castro (im Trainingsanzug) begrüßt Papst Franziskus im September 2015 in Havanna. (picture alliance / dpa / Alex Castro)

"Der Malecón ist auch die letzte Mauer des Kalten Krieges. Nur darf sie nicht fallen wie in Berlin, denn sie schützt uns vor dem Meer. Ich sehe den Malecón sehr zweideutig: Man schaut auf den Horizont, auf das, was in der Ferne auftauchen könnte, das Gute und Schlechte der Zukunft, aber auch das Inseldasein Kubas. Wenn sich die Leute auf die Mauer setzen, schauen sie nicht so sehr aufs Meer, in die Ferne, sondern auf die Stadt. Das ist diese Zweideutigkeit: Grenze, Mauer, gemeinsames Sofa, Hoffnung, auch ein bisschen Angst vor dem Unbekannten. Wie wird dieses große Schiff heißen, das am Horizont auftaucht und den Namen Zukunft trägt?"

Der Blick nach innen. Am westlichen Ende des Malecóns steht die Antiimperialistische Tribüne, ein Relikt des Kalten Krieges, direkt neben der US-Botschaft. Die war jahrzehntelang nur Interessenvertretung. Nachdem Staatschef Raúl Castro und sein damaliger US-Amtskollege Barack Obama Ende 2014 ankündigten, wieder diplomatische Beziehungen aufnehmen zu wollen, sah der Malecón von Havanna historische Ereignisse im Zeitraffer.

Im August 2015 wurde die US-Flagge am Botschaftsgebäude gehisst. Schon einen Monat später fuhr das Papamobil über den Malecón. Papst Franziskus sprach von Normalisierung zwischen den beiden Erzfeinden USA und Kuba, traf Staatspräsident Raúl Castro und dessen greisen Bruder Fidel, den Revolutionsführer, der in seinem Alterswohnsitz bis zu seinem Tod auf der Bremse der Annäherung stand. Ein halbes Jahr später fanden zwei weitere bis dato undenkbare Ereignisse statt: US-Präsident Obama besuchte Havanna und in derselben Woche gaben die Rolling Stones ein Gratis-Konzert vor 500.000 Menschen.

Acht Monate nach Satisfaction, Ende November 2016, kurz nach dem Wahlsieg von Donald Trump, erfuhr Kuba die stärkste Zäsur der letzten Jahre: Fidel Castro starb. Und der Malecón sah die "Karawane der Trauer", eine Wagenkolonne mit der Asche des Comandante Fidel, die fast 1.000 Kilometer bis in den Osten der Insel zurücklegte.

Das Volk versicherte sich und seiner kommunistischen Führung noch einmal der Treue zu Fidel und der Revolution. "Ich bin Fidel", skandierten Millionen am Wegesrand der Karawane.

Politische Zeitenwende lässt weiter auf sich warten

Die Barbudos, die "Bärtigen" oder die "Historische Generation", wie die alten Männer der Revolution von 1959 auch genannt werden, dankten nach und nach ab. Die politische Zeitenwende lässt weiter auf sich warten.

Der Historiker Enrique López Oliva hatte schon vom letzten Parteikongress 2016 politische Reformen erwartet, wenigstens etwas Pluralismus, wurde aber enttäuscht. Der Professor der Universität Havanna lebt in Miramar, am westlichen Ende des Malecón. Das Haus des 80-Jährigen ist Bibliothek und Sammelstelle historischer Zeitungen und Zeitschriften. López Oliva war nie Mitglied der Kommunistischen Partei, bezeichnet sich aber als Revolutionär.

"Früher oder später wird es in Kuba ein pluralistisches System geben, auch, wenn es immer noch Leute gibt, die davor Angst haben. Die US-Politik unter Donald Trump könnte diesen Prozess fördern oder erschweren. Für die Führungsriege gibt es jedoch keine Alternative: Wenn sie überleben will, muss sie Veränderungen zulassen und ihre Kontakte nach Außen intensivieren. Momentan steht der Tourismus im Zentrum unserer Wirtschaft. Kuba braucht ausländische Investitionen, um die Entwicklung der Tourismusindustrie voranzutreiben. Wegen der wirtschaftlichen Notwendigkeiten muss es politische Veränderungen geben."

Der damalige kubanische Staats- und Parteichef Fidel Castro spricht in Havanna, Kuba, vor einem Bild des Revolutionärs Ernesto "Che" Guevara (Archivfoto vom 01.09.1998) (dpa/Roque)Kubas ehemaliger Staatschef Fidel Castro - hier in einer Aufnahme vom 1.09.1998 (dpa/Roque)

Der alte Mann mit hellwachen Augen sitzt im Schaukelstuhl auf seiner Terrasse und genießt die Brise, die vom Meer herüber weht. In den USA, auf der anderen Seite der Floridastraße, lebt sein Sohn.

"Am Malecón schaue ich auf den Horizont, hinüber zur anderen Seite. An diesem Ort erinnere ich mich an alle meine großen Lieben und an die vielen offenen Fragen, die ich an meine Zukunft habe. Als ich jung war trafen wir uns bei Tagesanbruch am Ende des Malecons, liebten uns, während die Gischt über uns spritzte. Es war ein historischer Moment: Wir machten Liebe und die Revolution."

Milo Septien zündet sich eine Zigarette an und erzählt, sie werfe vom Malecón aus manchmal Sonnenblumen ins Meer. Die 26-jährige Künstlerin hat die Insel noch nie verlassen.

"Ich glaube nicht an die Yoruba-Religion, aber wie alle Kubaner identifiziere ich mich mit ihr, opfere dem Meer Sonnenblumen, meditiere an seinem Ufer. Der Malecón ist ein Ort für alle Kubaner. Ich liebe seine Magie. Ich spreche zum Meer, schenke ihm Blumen. Manche bitten um Hilfe, um mehr Öffnung unseres Landes. Viele bitten darum, reisen zu können. Es gibt auch Leute, die dafür kleine Kuchen ins Meer werfen."

Blumen und Kuchen sind Opfer für Yemaya, die im Glauben von Santería und Yoruba die Göttin des Meeres und der Fruchtbarkeit ist. Beide Religionen wurden von den Sklaven aus Afrika mitgebracht und haben den Sozialismus überdauert. Ihretwegen habe der Katholizismus überhaupt überleben können, sagen die Kubaner, die meistens alle Glaubensrichtungen unter einen Hut bringen und sich jeweils das Beste herauspicken.

Internet als Raum für Künstler

Auch diesen Mix thematisiert Künstlerin Septien in ihren Fotos und Zeichnungen. Sie will, dass ihre Kunst auch außerhalb Kubas gesehen wird. Deshalb kreiert sie einen virtuellen Ort für junge Künstler mit dem gleichen Bedürfnis: El Cuartón – ein Raum im Internet, in dem sich alle präsentieren können, denen der Zugang zu geschlossenen Künstlerkollektiven versperrt bleibt.

"Ich nutze dieses kleine Fenster, das sich langsam geöffnet hat - nicht nur für uns Künstler - sondern für alle Kubaner. Wir haben ja erst seit kurzem Internet. Es gibt uns Möglichkeiten, die wir vor einigen Jahren noch nicht hatten. Die meisten nutzen es, um mit ihren Angehörigen zu sprechen. Ich will ein Fenster für alle Künstler schaffen, damit sie sichtbar und bekannt werden. Gerade jetzt, wo die kubanische Kunst einen Boom erlebt."

Der Boom kommt auch bei Ítalo Exposito an. Schon mehrfach bekam er Besuch von kaufinteressierten Ausländern, die sein über und über mit eigenen Werken behängtes baufälliges Haus in Miramar bestaunen. Miramar heißt so viel wie: das Meer sehen. Sehen kann man es von hier aus zwar, aber nicht nutzen. Das sei vorbei, erzählt der langhaarige, bärtige Exposito:

"Als Kind habe ich am Malecón gebadet. Seit einigen Jahren ist das verboten. Wegen der Verschmutzung, sagen sie, aber ich glaube, sie wollen nicht, dass die Touristen uns baden sehen. Ich träume von einem Boot, um an der Küste entlang zu fahren oder den Atlantik zu überqueren. Aber diesen Traum kann ich nicht verwirklichen. Eine wünschenswerte Veränderung wäre, dass sich die Kubaner von einem Schreiner ein Boot bauen lassen können und sich dann frei auf dem Meer oder auf einem Fluss bewegen können. Seit über 50 Jahren ist das Meer für uns verschlossen, und es wird immer verschlossener. In wessen Namen eigentlich?"

Ein Plakat in Havanna zeigt Kubas ehemaligen Staatschef Fidel Castro und seinen Bruder Raúl, der heute kubanischer Präsident ist. (AFP/ Yamil Lage)Ein Plakat in Havanna zeigt Kubas ehemaligen Staatschef Fidel Castro und seinen Bruder Raúl, der heute kubanischer Präsident ist. (AFP/ Yamil Lage)

Diese Art von Systemgrenzen sei manchmal absurd, meint der 38-Jährige. Um damit zurechtzukommen, hätten sich Künstler wie er und Milo Septien ihre eigene Welt geschaffen. In ihrer Kunst seien sie frei.

"Ich wünsche mir, dass der politische Diskurs intelligenter, flexibler und realistischer wird. Mir ist egal, wer an der Macht ist, aber sie sollen nachdenken und den Fanatismus hinter sich lassen. Wir sollten die Beziehungen zu anderen Ländern verbessern, damit wir - wie in der zivilisierten Welt - mit einem Visum reisen können. So wie andere Menschen auch."

Ausreise für Kubaner nur schwer möglich

Das große Schiff mit dem Namen Zukunft zieht weit hinten am Horizont entlang. In die Welt reisen – das ist theoretisch möglich und erlaubt, aber ein Reisepass kostet ein Vermögen. Und ein Visum zu bekommen, ist eine Herkulesaufgabe. Jeden Morgen bilden sich vor dem Gebäude der US-Botschaft am Malecón lange Schlangen. Viele der Wartenden hoffen auf eines der raren Visa für die Ausreise in das Land, in dem schon zwei Millionen Kubaner leben.

In seinem knallroten Buick aus dem vorrevolutionären 1956 fährt Rey Castellano begeisterte US-Touristen auf der Uferstraße spazieren. Fassadenpracht zur einen und Atlantikwellen zur anderen Seite. Die Besucher lieben die alten Straßenkreuzer und zahlen für kubanische Verhältnisse ein Vermögen für die Spritztouren auf dem Malecón. Castellano, der in Kuba keinen Neuwagen bekommen kann, schlägt Kapital aus dem Mangel. Er verdient gut mit seinem Buick.

"Ich repariere alles, was anfällt. Der Motor ist etwas jünger und aus Argentinien. Wir Kubaner flicken alles selbst an unseren Autos – vom Motor bis zum Lack."

Sein Geschäft brummt noch mehr, seit die US-Kreuzfahrtschiffe wieder im Hafen von Havanna anlegen.

"Unsere Arbeit hat sich verändert. Jetzt haben wir viele US-Amerikaner hier. Das ist gut. Ich hoffe, die Beziehungen zu den USA bleiben bestehen. Hoffentlich bremst uns die Politik nicht wieder aus. Aber Präsident Trump gefällt das Geldverdienen mehr als die Politik. Und wir wünschen uns mehr US-Touristen in Kuba, damit wir unsere Unterentwicklung überwinden. Trump soll auch kommen. Ich fahre ihn dann gerne herum!"

Vier Millionen Touristen besuchen Kuba

Wie sich die Beziehungen unter Trump weiterentwickeln, ist unklar. Ungeachtet dessen setzen Geschäftsleute auf den Tourismusboom. Im vergangenen Jahr kamen schon vier Millionen Besucher auf die Karibikinsel mit ihren gerade mal elf Millionen Einwohnern.

Kaum jemand verpasst dabei Havannas faszinierende Altstadt. Tausende schieben sich Tag für Tag durch die engen Gassen des UNESCO-Weltkulturerbes. Als Joint Ventures mit dem Staat entstehen hier viele neue Hotels. Im Mai eröffnete ein Luxushotel der Kempinski-Kette. Eine Nacht kostet da mehr als der durchschnittliche Jahresverdienst eines Kubaners.

Der Deutsche Michael Diegmann lebt seit zehn Jahren in Havanna. Er hat Schätze wie die Kathedrale oder das Capitol restauriert - und den Malecón, über den die Oldtimer knattern. Von dort wirft er einen besorgten Blick auf die gegenüberliegende Altstadt.

Renovierungsbedürftiger 1958er Classic Chevy auf einer Kopfsteinpflasterstrasse im Kolonialviertel von Trinidad in Kuba. (imago/blickwinkel)Renovierungsbedürftiger 1958er Classic Chevy auf einer Kopfsteinpflasterstrasse im Kolonialviertel von Trinidad in Kuba. (imago/blickwinkel)

"Das wird vielleicht das Venedig der Karibik. Sodass man ganz einfach sagt, man hat hier wirklich wunderschöne Paläste wie in Venedig, man hat wunderschöne Altstadt und historisches Kulturgut. Aber man hat kaum mehr Leben. Das Leben hier ist sehr, sehr teuer. Die neuen Hotels, die jetzt hier aufmachen, das sind alles Luxushotels. Ich würde mir wünschen, dass diese Geschichten für jeden Kubaner zugänglich sind. Dass es nicht diesen Unterschied zwischen Arm und Reich gibt. Das ist ja das, was uns in Europa auch auseinander führt. Und das ist das, was Kuba nicht verdient hat."

Die Kontrolle über alle touristischen Projekte hat der Staat, meist Unternehmen des Militärs. Es liegt auch in seiner Verantwortung, alle Kubaner an dem Boom teilhaben zu lassen und zu verhindern, dass aus der Insel ein Themenpark Sozialismus wird - mit Karibikstränden, Charme des Verfallenen, Oldtimern und Einheimischen, die nur zuschauen dürfen.

Der Schriftsteller Leonardo Padura mit Wohnsitz im Süden Havannas warnt vor immer größeren sozialen Problemen. Er ist weltweit erfolgreich mit seinen Kuba-Romanen, wird in der Heimat selbst aber kaum verlegt, weil er kritisch mit den Verhältnissen ins Gericht geht.

"Im Grunde ist seit Fidel Castros Tod alles gleich geblieben. Die Regierung spricht zwar von notwendigen Veränderungen - aber ohne Eile. Vielleicht nicht Eile, aber ein bisschen mehr Tempo wäre angebracht. Die Welt verändert sich ständig und Kuba braucht eine effiziente Wirtschaft. Letztes Jahr hatten wir weniger Wirtschaftswachstum und dieses Jahr wird es nur geringfügig steigen. Das geht zulasten der Mehrheit, die gerade so über die Runden kommt. Es stimmt, in unserem Land muss niemand verhungern, trotzdem kämpfen die Menschen jeden Tag darum, etwas auf den Tisch zu bringen."

Die Preise steigen

Die Preise steigen. Selbst in den Läden, in denen mit konvertierbarer Währung gezahlt werden muss, gibt es derzeit wenig zu kaufen. Kuba ist noch klammer, seit das verbündete Venezuela in der Krise steckt und weniger Erdöl liefert. Außerdem müssen Millionen Touristen versorgt werden; die haben Priorität. Die ganze Welt kommt nach Kuba, aber Kubaner können kaum raus. Ein Reisepass kostet fünf Monatsgehälter eines Lehrers.

Die Habaneros schnuppern Abend für Abend den Duft der Ferne auf ihrem Malecón. Leonardo Padura darf und kann schon seit Langem raus. Er kehrt immer wieder in sein Havanna zurück, weil er sonst nicht schreiben könne.

"Der Malecon ist wahrscheinlich das architektonische Element, das diese Stadt am besten beschreibt. Alles, was dieses Land ausmacht – das Gute und Schlechte - kam über das Meer. An der Außenmauer des Malecón beginnt der Rest der Welt, das Unbekannte. Es kann eine Verheißung sein, etwas Exotisches, Ungewohntes. Innen liegt das Eigene, vielleicht geliebt, vielleicht abgelehnt. Viele Kubaner haben diese Mauer seit der Revolution 1959 überwunden und die Floridastraße überquert. Das war historisch und zugleich liegt darin die ganze Last unseres Dramas."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk