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StartseiteEine WeltKuba unterm Regenbogen14.06.2008

Kuba unterm Regenbogen

Fortschrittliches Gesetz für Homosexuelle

Unter Fidel Castro wurden Homosexuelle vom kubanischen Regime geächtet. Heute werden Schwule und Lesben nicht mehr verfolgt, aber nicht nur das: Die Regierung will sogar eine Vorreiterrolle bei der Verteidigung ihrer Rechte spielen, eheähnliche Partnerschaften zulassen und die Bevölkerung zu mehr Toleranz umerziehen.

Von Guillaume Decamme

Während bei der "Pride Parade" in Paris Homosexualität offen gezeigt wird, geben sich kubanische Schwule lieber zurückhaltend. (AP)
Während bei der "Pride Parade" in Paris Homosexualität offen gezeigt wird, geben sich kubanische Schwule lieber zurückhaltend. (AP)

Jesus wirft einen erneuten Blick in den Rückspiegel seines Autos, eines schrottreifen Fahrzeugs aus den Zeiten, als es Kuba wirtschaftlich noch einigermaßen gut ging.

Jesus trägt ein blaues T-Shirt und eine enge Designer-Hose, dazu eine Goldkette. Jesus strahlt, denn an diesem Samstagabend hofft er, dass er endlich den Mann fürs Leben kennenlernen wird.


"Wir sind auf dem Weg zu einer Schwulen-Party, die etwas außerhalb Havannas stattfindet. Es ist eine, sagen wir mal illegale Party, obwohl alle Schwulen Kubas davon wissen. Sie findet jeden Samstag statt. Dort ist es meistens proppevoll, aber die Stimmung ist gut. Es kommen sehr viele Ausländer und kubanische Schwule, die nach Ausländern suchen. So etwas ist in unserer Gesellschaft zur Norm geworden."

Die Party findet im Garten eines gewissen William statt. Etwa hundert Männer tanzen, unterhalten sich, trinken Bier. Wenn überhaupt, nähert man sich nur schüchtern und vorsichtig einander. Von extrovertiertem Küssen und Streicheln keine Spur. Ein ungewohntes Verhalten in einem karibischen Land, in dem plötzliche Gefühlsausbrüche vor wildfremden Menschen die Regel sind.

Aber das, was für kubanische Heterosexuelle gilt, ist für ihre schwulen Landsleute geradezu undenkbar - selbst in einer Schwulendisko. Die antrainierte Zurückhaltung an der Eingangstür plötzlich abzulegen, ist nun mal unmöglich, sagt der 27-jährige Miguel.

"In Kuba sind Homosexuelle nach wie vor Außenseiter. Die Meisten von ihnen fühlen sich dazu gezwungen, ihre Sexualität versteckt auszuleben. Sie fürchten um die Konsequenzen auf ihr Sozialleben. Der Staat mag uns nicht mehr strafrechtlich verfolgen. Aber im Tiefsten eines jeden Kubaners stecken immer noch sehr große Vorurteile gegenüber Homosexuellen."

Von Vorurteilen könnte Monica stundenlang reden. Die zierliche Brünette ist 19 Jahre alt. Sie arbeitet in einem Ministerium und im Gegensatz zu ihren lesbischen Freundinnen hat sie aus ihrer Homosexualität nie einen Hehl gemacht.

"Hin und wieder lassen einige meiner Arbeitskollegen schwulenfeindliche Bemerkungen fallen. Manch ein Kollege im vorgerückten Alter will mir das Leben erklären. Von wegen: Zu jeder Frau gehört unbedingt ein Mann! Dass eine Frau weiblich aussehen muss. Aber ich wehre mich gegen solche Vorurteile. Ich leiste Aufklärung, zeige ihnen Zeitungsartikel über das Thema oder Videos von Transvestiten."

Monica gibt sich selbstbewusst, weil sie weiß, dass sie vom Regime nichts zu fürchten hat - was bis vor einigen Jahren anders war. Von der Machtübernahme durch Fidel Castro 1959 bis spät in die achtziger Jahre hinein blieb Homosexuellen der Weg zu leitenden Positionen im Partei- und im Staatsapparat versperrt. Der Schwulen- und Lesbenhass des Regimes ging sogar so weit, dass manche Homosexuelle zur sogenannten "Umerziehung" in Arbeitslager gesteckt wurden.

Heute werden Schwule und Lesben nicht mehr vom kubanischen Staat verfolgt. Aber nicht nur das: Die Regierung Raul Castros will sogar eine Vorreiterrolle bei der Verteidigung ihrer Rechte spielen.
"Dialogo Abierto - Tacheles" heißt das Programm, das zur besten Sendezeit läuft. An jenem Montagabend wird den kubanischen Fernsehzuschauern weisgemacht, dass jeder seine sexuelle Orientierung frei wählen darf. Dem linientreuen Dichter Anton Arrufat fällt die Aufgabe zu, den Paradigmenwechsel zu erläutern.

"Schluss mit der Heuchelei! Die kubanische Gesellschaft war auf die sozialistische Revolution von 1959 überhaupt nicht vorbereitet. Die Menschen sehnten einen Systemwechsel herbei, aber keine Revolution! Das gleiche gilt heute für Homosexualität. Dieser Prozess muss langsam vorangehen. Und wir müssen uns davor hüten, die heterosexuelle Bevölkerung - also die Mehrheit der Kubaner - auszugrenzen."

In einer Ecke des Fernsehstudios verfolgt eine modisch angezogene Frau kopfnickend die Tirade Anton Arrufats. Sie heißt Mariela Castro. Seit Ende Februar dieses Jahres hat ihr Vater Raul Castro das Amt des Staatspräsidenten inne. Seit 15 Jahren setzt sich die 46-jährige Frau für die Rechte der Homosexuellen und Transsexuellen in Kuba ein. Nun ist Mariela Castro dabei, eine sexuelle Revolution zu entfachen.

In den kommenden Wochen soll das kubanische Parlament über ein Gesetz abstimmen, das sie mit vorbereitet hat. Es geht um geschlechtsanpassende Operationen für Transgender-Personen, die das öffentliche Gesundheitssystem übernehmen soll. Das Gesetz sieht außerdem eine Eingetragene Partnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare vor.

Ursprünglich war sogar von einer "Schwulen-Ehe" die Rede gewesen. Mariela Castro sah dann aber ein, dass das keine Mehrheit in der kubanischen Bevölkerung finden würde. Denn die Insel, so die Nichte Fidel Castros, hat noch viel Aufklärungsarbeit nötig.

"Wir möchten zum Beispiel mit dem Christopher Street Day nichts zu tun haben. Meiner Meinung nach tragen solche Veranstaltungen in keiner Weise zur Bevölkerungsaufklärung in Sachen Homosexualität bei. Wir wollen weder provozieren noch schockieren. Unser Ziel ist es, die Menschen mit einzubeziehen, ihnen zu zeigen, dass diese Gesellschaft mehr Respekt nötig hat."

In den vergangenen Monaten wurde Mariela Castro wegen ihres unermüdlichen Engagements zu einer Ikone der kubanischen Homosexuellenszene. Der Mehrheit der Kubaner scheint aber die Eingetragene Partnerschaft für Schwule und Lesben schlichtweg egal zu sein, so auch Camilo. Mit seinem Job als Schulwächter verdient er etwa zwölf Euro monatlich und kommt somit kaum über die Runden. Ihm wäre viel lieber, Raul Castro würde sich der schwachen Kaufkraft seiner Landsleute statt der Rechte einer Minderheit annehmen.

"Glaub bloß nicht, dass Raul Castro dabei ist, irgendetwas zu verändern! Diese sogenannten Reformen sind eine glatte Lüge! Die dienen nur dazu, Raul als einen 'Reformisten' aussehen zu lassen. Seit 50 Jahren werden die Homosexuellen verfolgt und in Lager gesteckt. Seit 50 Jahren behauptet Fidel Castro, dass Schwulsein inakzeptabel ist. Und plötzlich will uns der kleine Bruder glauben machen, dass er die Schwulen lieb hat?"

Kuba gilt als eine Hochburg des lateinamerikanischen Machismos. Ob zwei Männer oder zwei Frauen sich ungestört das "Ja"-Wort werden geben können, wird sich in den kommenden Monaten zeigen - wenn das Parlament dem Gesetz Mariela Castros seinen Segen gibt.

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