Sonntag, 17.12.2017
StartseiteBüchermarktKuckuckskind22.02.1999

Kuckuckskind

oder Was ich ihr unbedingt noch sagen wollte

Eine alte Frau liegt im Zimmer jenes Pflegeheimes, in dem sie seit langer Zeit schon lebt. Sie wartet. Wartet auf Besuch, auf das Leben. Und wartet zugleich auf das endgültige Alleinsein, das Sterben. Doch einzig die Erinnerung findet sich bei ihr ein und überfällt sie mit unerwünschten Bildern ihrer Vergangenheit. Denn unerträglich ist ihr Leben, doch ein anderes zugleich unerreichbar – so konstatiert es Sophie Morlang, die Ich-Erzählerin des neuen Romanes von Erica Pedretti.

Claudia Kramatschek

Dabei fing dieses Leben doch vielversprechend an: eine Kindheit in Mähren, mit einem liebevollen Vater, einer behütenden Mutter, einem bewunderten Bruder und einer zwar eigenwilligen aber geliebten Schwester. Dann ein Pensionat in Dresden und Studium in Wien; Klavierunterricht und Französischstunden. Paris aber, wo der Bruder mittlerweile lebt, ist der Tochter schon verwehrt. Und mit ihrer Liebe fällt sie auf einen Heiratsschwindler herein. Das Studium wird abgebrochen. Plötzlich schlägt alles fehl, was das Herz begehrt: 'Strich drunter', lauten die kurz angebundenen Worte, mit denen die alte Frau die Bitternis des Unerfüllten zu verscheuchen sucht.

Was Pedretti da ausbreitet vor den Augen des Lesers, ist somit die Bilanz einer lebenslangen Verfehlung, eines Daseins im Konjunktiv, im beharrlichen Wartezustand. Von Resignation aber kann nicht eigentlich die Rede sein. Vielmehr flüchtet Sophie sich bedingungslos in die Entsagung und bejaht als Schicksal, was das eigene Leben vernichtet. Erst nach und nach erkennt der Leser diese Flucht als Überlebensstrategie des einstmaligen Flüchtlingskindes, das Sophie gewesen war. Die Ort-, ja Heimatlosigkeit aber wird zu ihrer grundlegenden Existenzform werden. Darüber wird auch eine baldige Ehe nicht hinweghelfen. Im Gegenteil: die rasche Gewißheit, keine eigenen Kinder haben zu können, sondert die Erzählerin erneut von den anderen ab. Und erneut münzt sie das Schicksal um in ihre eigene Lebensdevise und macht es sich von nun an zur Aufgabe, all jenen Kindern ein Zuhause zu geben, die aufgrund des Krieges selbst keines mehr besaßen.

Eines dieser Pflegekinder aber ist Trude. Zwei bis drei Monate sollte sie bei Sophie bleiben; 25 Jahre lebt sie nun schon bei ihr. Trude ist daher das Kuckuckskind im eigenen Nest, das es doch nie gab. Nur scheinbar ist es Liebe, was die beiden verbindet. Wie könnte es auch, zwischen zweien, die nur der Verlust aneinanderkettet sowie die Hoffnung, im anderen Rettung zu finden vor der eigenen Verlassenheit. Mit Sehnsucht erwartet daher die alternde Sophie die Besuche von Trudi, und verabscheut sie, sobald sie nur das Zimmer betritt. Maßlos sei Trude, schimpft Sophie, fordernd und bestimmend. Denn wie Sophie sich der Entsagung verschrieben hat, so stürzt Trude sich mit unersättlicher Gier auf das Leben, das sie beide benachteiligt hat.

Gekonnt unterwandert Pedretti jedoch die Parteinahme, die Sophie von ihren Zuhörern, uns Lesern, einzuklagen scheint. Denn alles, was Sophie berührt, Menschen und Dinge, lernen wir Leser nur kennen durch die subjektive Verzerrung aus ihrer Innensicht heraus. Wie schon in früheren Büchern, konfrontiert Pedretti uns mit einem erratischen aber gleichwohl emanzipativen Ich-Monolog einer Erzählerin, der sich Vergangenheit und Gegenwart schon längst ineinander verwischen. Demonstrativ verweigert sich Pedretti so erneut der glatten Erzählbarkeit von Geschichten, von Geschichte überhaupt. Dennoch fügen sich die eigenwillig aneinandergereihten Erinnerungsfetzen, Momentaufnahmen und Landschaftseindrücke wie in einem wohlkonstruierten Puzzle zu einem Ganzen, aus dem sich noch das erklärt, was Sophie nur zwischen den Zeilen andeutet.

Nur auf den ersten Eindruck kommt Sophies Monolog in seiner Momenthaftigkeit leichtfüßig daher. Tatsächlich aber macht er es dem Leser in jeder Hinsicht schwer. Nicht nur erzählt er vom bitteren Ringen um die Essenz angesichts des Todes. Was Pedretti vor allem abbildet, ist jener Verlust von Bewußtseinskontrolle, der dem Sterben selbst eigen ist.

"Erleichtert" — so lautet denn auch das letzte Wort von Sophie, einer Ortlosen, die bis zuletzt noch ein Ankommen sucht. Und sei es nur in der Sprache selbst. Erica Pedretti, Schweizer Autorin mährischer Herkunft, hat mit "Kuckuckskind oder Was ich ihr unbedingt noch sagen wollte" mehr geschrieben als allein einen Roman über das Sterben. Vergegenwärtigt sie uns doch auch die bittere Aporie der Sprache selbst. Denn vergessen kann nur, wer sich erinnert. Nichts aber, auch die Sprache nicht, heilt den Schmerz, vergessen zu müssen.

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