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StartseiteBüchermarktKultivierte Botschafterin Palästinas08.06.2008

Kultivierte Botschafterin Palästinas

In ihrem Roman "Heißer Frühling" erzählt Sahar Khalifa in sensiblem Stil vom Alltag ihres Volkes

Arabische, insbesondere palästinensische Autoren zu lesen, kann für Bürger des Westens zur Herausforderung werden. Denn ihre Sicht der Welt geht immer auch mit dem Engagement für die Sache ihres Volkes einher. Zwar erzählt auch die palästinensische Schriftstellerin Sahar Khalifa von den Folgen der Besatzung aus Perspektive der Verlierer, doch den Sinn für die Kunst verliert sie dabei nicht.

Von Kersten Knipp

Aufgeschlagenes Buch mit Lesebrille (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Aufgeschlagenes Buch mit Lesebrille (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Es hätte etwas werden können aus der spontanen Zuneigung. Wie sie da auf der Schaukel durch die Luft flog, mit wogenden Röcken und wehendem Haar. Oder wie sie mit ihrem Hund spielte, so innig und selbstvergessen. Wunderbar anmutig sah Mira aus, das kleine israelische Mädchen auf der anderen Seite des Zaunes, dort, wo die Menschen keine Sorgen haben.

Aber vermutlich weiß sie das gar nicht, kann sich nicht vorstellen, wie viel komplizierter das Leben diesseits der kleinen Absperrung ist, im Flüchtlingslager Ain Murdschan. Der junge Ahmed lebt hier, im Geist der palästinensischen Sache erzogen und auf Israelis darum nicht sonderlich gut zu sprechen. Das junge Mädchen allerdings, da könnte er schon mal eine Ausnahme machen. Mit Mira, wird er bald bemerken, versteht er sich wunderbar. Die Worte reißen nicht ab, aber wenn die beiden dann doch mal schweigen, ist es auch nicht schlimm, sie sind sich auch ohne sie nahe.

Doch die Romanze, ahnt der Leser, ist schlicht zu schön, um auf Dauer zu bestehen. Denn wie schon in ihren vorhergehenden Romanen entwirft die palästinensische Schriftstellerin Sahar Khalifa auch in diesem Bilder des Herzens im Schatten der Politik. Und weil die Politik so gewaltig, groß und mächtig ist, können die Herzen, die meisten zumindest, unter ihr nicht gedeihen.

Selbst wer von Politik nichts wissen will, kann sich ihr auf Dauer nicht entziehen. Auch Ahmed nicht, ein stotternder, für sein Alter wenig entwickelter Teenager. So scheint es zumindest. Tatsächlich aber hat er sich statt der Sprache den Bildern verschrieben: Ein Griff zur Kamera, und die Welt bekommt neuen Glanz, zeigt sich in Formen und Farben, wie sie bislang noch niemand kannte. Auch Ahmeds Bruder Madschid ist ein Künstler, hat alles andere als Politik im Kopf.

Als hochtalentierter Sänger träumt er von der großen, möglichst internationalen Karriere. Doch zu Hause ist er auf nationalistische Lieder, den Pathos des Widerstands, beschränkt. Aber so leicht ihm diese Verse auch von der Lippe gehen, sind sie ihm doch nur Vorwand, Anlass, das zu tun, was er am liebsten tut: zu singen nämlich. Und zwar ganz gleich was, wenn es sein muss, eben auch politische Lieder.

Mit feiner Feder beschreibt Sahar Khalifa den Zauber der Kunst, die verhaltene Bildersprache Ahmeds ebenso wie Madschids Liebe zur Musik. Wunderbar gerät ihr die Schilderung seines ersten Konzerts: Die vibrierende Spannung des Publikums vor dem Auftritt, der Sprung der Künstler auf die Bühne, die ersten Töne, der sich verdichtende Rhythmus - eine wunderbare Hommage an die Musik, ihre Drang zur Transzendenz, zur Aufhebung der Grenzen, ihre Fähigkeit, das Publikum die Mühsal des Alltags vergessen zu lassen.

Aber Momente sind keine Ewigkeit. Das Konzert findet einige Monate vor der Belagerung des Regierungssitzes von Yassir Arafat in Ramallah im Frühjahr 2002 statt. So sehr Khalifa sich bis zur Schilderung der Kämpfe Zeit für die kleinen Dinge des Lebens ließ, den Wundern der Kunst nachspürte und den Widrigkeiten des Lebens zumindest einen Hauch von Poesie abzutrotzen suchte, so sehr beschleunigt sie nun das Erzähltempo.

Auf der nächtlichen Suche nach seiner entlaufenen Katze gerät Ahmed in die Hände israelischer Soldaten, die ihn für einen Terroristen halten und für Monate in Haft nehmen. Auch Madschids Karriere erhält einen irreparablen Knick. Ihn verschlägt es in die Hände des palästinensischen Widerstands, zuerst des islamistischen, dann den der Fatah. Fortan gehört er zu "einer ganzen Generation, die keine Angst mehr kannte."

Arabische, insbesondere palästinensische Autoren zu lesen, kann für Bürger des Westens zur Herausforderung werden. Denn in ihren Werken können sie eine recht ungewohnte Sicht der Welt zur Kenntnis nehmen. Sicher mag man bei palästinensischen Autoren, die von den Bedingungen im Westjordanland schreiben, immer auch Engagement für die Sache ihres Volkes annehmen. Doch darum allzu skeptisch zu sein hieße, den Autoren schlichte Politpropaganda zu unterstellen.

Das das nicht so sein muss, zeigen Autoren wie Murid Al Barghuti, Elias Khoury, Yahya Yakhlif, um nur ein paar zu nennen. Wie Khalifa handeln sie von den Folgen der Besatzung, erzählen die Geschichte aus der Sicht der Verlierer, ohne darüber den Sinn für die Kunst zu verlieren. Die Perspektiven, die sie aufzeigen, sind zu Teilen ungewohnt. Aber sie lassen ahnen, warum der Frieden zwischen Israelis und Palästinensern so schwierig ist.

Auch Khalifas Schilderungen bieten dem Leser Eindrücke von den direkten und indirekten Folgen des Konflikts. "Besatzung", erläutert die Erzählerin, "das bedeutete Widersprüche: Demütigung und Rebellion, Denunziation und Märtyrergeist, Ehrlosigkeit, Erbärmlichkeit und Bespitzelung, aber auch Opferbereitschaft bis zum Äußersten." Und bisweilen auch ein Martyrium wider Willen. Auch der junge Ahmed wird zu einem solchen "Märtyrer". Aber mehr als explizit politische Überlegungen treiben ihn schlichte Affekte.

Als Sanitäter in die Kämpfe des Frühjahrs 2002 verwickelt, verstört zugleich durch die noch nicht lange zurückliegende Haftzeit, lässt ihn der Kampf alle Ängstlichkeit, alle Bedenken auch vergessen. Zu heftig sind die Gefechte, um immer einen kühlen Kopf zu bewahren. So heizt der sich auf, und Ahmed geht, einmal und für immer aufs Ganze. Fortan wird man den Toten als Helden feiern.

Sahar Khalifa singt kein Hohelied auf den palästinensischen Widerstand. Eher ist sie die nüchterne Chronistin einer politischen Katastrophe, an deren Ende nicht viel anderes als Wahn, Gewalt, Zerstörung stehen kann. Mit ihrem behutsamen, gerade auch für die kleinen Dinge des Lebens so sensiblen Stil gehörten sie selbst zu jenen kultivierten Botschaftern ihres Volkes, die so nötig und derzeit doch so selten sind.

Gewalt und religiöse Militanz, das sind die Bilder, die man derzeit am ehesten mit den Palästinensergebieten assoziiert - es sind die denkbar schlechtesten. Spontane Sympathien zu erzeugen vermögen sie nicht. "Wie sollen wir", sinniert in dem Roman ein palästinensischer Händler, "den Weltmarkt mit Frauen betreten, die nach der Kleiderordnung der Paschtunen und Khomeinis verhüllt sind? Betrachten sie doch ihre Photos! Kartoffeln und Reissäcke sind attraktiver."

Den Satz kann man eins zu eins auch für die Politik gelten lassen. Auch sie hängt, nicht immer rational, zu Teilen von ästhetischen Empfindungen ab. Doch die Dominanz der religiösen Codes ist wenig dazu angetan, spontane Sympathien zu wecken. Khalifas Roman ist gerade in seinen stillen Momenten auch ein Hohelied auf die laizistischen Strömungen der palästinensischen Kultur. Die aber ist gründlich in Vergessenheit geraten. Zum Schaden der Palästinenser. Und darum auch all jener, die für ihr Anliegen in den Tod gehen, sei es nun freiwillig oder eher aus Versehen.

Sahar Khalifa: Heißer Frühling
Aus dem Arabischen von Regina Karachouli,
Unionsverlag, Zürich, 2008, 285 Seiten, 19,90 Euro

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