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StartseiteInterview"Kultur des Prangers"20.05.2011

"Kultur des Prangers"

Ehemaliger französischer Kulturminister kritisiert mediale Vorverurteilung Strauss-Kahns

Dass der ehemalige IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn gefesselt im Fernsehen vorgeführt wurde, sei "schockierend und erniedrigend", findet sein Parteifreund Jack Lang. Es sei nicht hinnehmbar, dass jemand an den Pranger gestellt werde, der nicht verurteilt wurde, betont der ehemalige französische Kulturminister.

Jack Lang im Gespräch mit Christoph Heinemann

Dominique Strauss-Kahn kommt aus der New Yorker Polizeistation (picture alliance / dpa)
Dominique Strauss-Kahn kommt aus der New Yorker Polizeistation (picture alliance / dpa)

Christoph Heinemann: Der zurückgetretene IWF-Chef Strauss-Kahn ist gestern in New York formell angeklagt worden. Die Geschworenen der Grand Jury haben gegen den Franzosen Anklage in allen sechs Punkten erhoben. Das teilte die Staatsanwaltschaft mit. Das ist die schlechte Nachricht für DSK, wie er in Frankreich genannt wird. Die gute: gegen eine Kaution in Höhe von einer Million Dollar soll der mit dem Vorwurf der versuchten Vergewaltigung konfrontierte 62-Jährige aber aus der U-Haft frei kommen. Strauss-Kahn soll am vergangenen Samstag eine Angestellte in einem New Yorker Luxushotel sexuell angegriffen haben.

Bis zu einem Richterspruch sollte für jeden Menschen eigentlich die Unschuldsvermutung gelten, also jenes Prinzip Hoffnung, das besagt, so schlecht sind die Menschen nun auch nicht, dass man schon vor einem richterlichen Schuldspruch den Stab brechen sollte. Dass diese Unschuldsvermutung auch für Dominique Strauss-Kahn gilt, bezweifelt dessen Parteifreund, der frühere französische Kulturminister Jack Lang, den ich vor dieser Sendung gefragt habe, wie er auf die Bilder vom gefesselten IWF-Direktor reagiert hat.

Jack Lang: Es war schockierend und erniedrigend. Seine Würde wurde verletzt. In Frankreich hat es die Linksregierung unter Lionel Jospin gesetzlich verbieten lassen, dass Personen gefesselt abgelichtet werden dürfen. Auch in Gerichtssälen sind Kameras nicht zugelassen. Dies ist eine andere Kultur als die amerikanische. Wir haben es dort mit der alten, aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammenden Kultur des Prangers zu tun: die öffentliche Zurschaustellung einer Person, um sie zu bestrafen.

Aber es ist nicht hinnehmbar, dass jemand an den Pranger gestellt, bestraft und durch die Medien öffentlich hingerichtet wird, der nicht verurteilt wurde und der nicht einmal die Möglichkeit zur Verteidigung hatte.

Heinemann: Schließen Sie Verschwörungstheorien, also dass Strauss-Kahn in eine Falle getappt ist, aus?

Lang: Das weiß ich nicht, ich verfüge über keine Beweise. Von Seiten der Polizei und des Staatsanwalts war erkennbar, dass sie ihn destabilisieren wollten. Sie wollten möglichst schnell entscheiden und möglichst viele Anklagepunkte anführen. Die Richterin hat ihn nicht unter Auflagen freigelassen, was in den USA sonst nur passiert, wenn jemand eines Mordes oder eines Verbrechens überführt wurde.

Heinemann: Was Dominique Strauss-Kahn betrifft, gab es immer wieder Gerüchte; nun haben sich weitere Frauen zu Wort gemeldet, die ihm Übergriffe vorwerfen. War die Sozialistische Partei und die französische Presse zu nachsichtig mit ihm?

Lang: Ich bleibe da meiner Linie treu: keine Einmischung in das Privatleben. Gerüchte? Nun, Gerüchte kommen und gehen. Man kann nicht auf der Grundlage von Gerüchten leben, dabei kann es sich ja auch um Manipulationen handeln. Wir sollten das Privatleben respektieren.

Heinemann: Wer sollte die Sozialisten in die Präsidentschaftswahl 2012 führen?

Lang: Ich kann nicht antworten.

Heinemann: Sie können nicht antworten?

Lang: Ich muss mit einigen Leuten sprechen. Ich habe meine Entscheidung noch nicht getroffen.

Heinemann: Der frühere französische Kulturminister Jack Lang von der Sozialistischen Partei.

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