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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenEine kleine Sozialgeschichte der Trinkhalle15.09.2016

KulturanthropologieEine kleine Sozialgeschichte der Trinkhalle

Es ist so ähnlich wie beim sogenannten Weißwurstäquator: Der Main bildet die Trennlinie. Südlich davon gibt es auch sie nicht mehr: die Trinkhallen, Kioske, Büdchen, Spätis. Letzte Bastion ist Frankfurt mit den "Wasserhallen". Das Zentrum der Trinkhallenkultur lag und liegt aber im Ruhrgebiet.

Von Ulrike Burgwinkel

Kioskbesitzer Andreas Kontny posiert am 15.08.2016 in Kontny's Kiosk in Mülheim an der Ruhr (Nordrhein-Westfalen). Am 20.08.2016 soll am 1. Tag der Trinkhallen mit Auftritten von Künstlern die Buden-Kultur im Ruhrgebiet gefeiert werden (picture alliance / dpa / Marcel Kusch)
Schon vor 150 Jahren kauften die Bergleute in den Trinhallen Wasser. (picture alliance / dpa / Marcel Kusch)

"Einerseits haben wir die große Industrialisierung, Mitte des 19. Jahrhunderts, ab den 1850er-Jahren geht es massiv los hier im Bergischen und natürlich im Ruhrgebiet."

Dietmar Osses ist Historiker. Er leitet das Industriemuseum Zeche Hannover des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Bochum.

"Und auf der anderen Seite haben wir im bergischen Raum viele ganz alte, traditionelle Mineralwasserquellen. Und die sehen, dass es mit der neuen Arbeiterschaft im Ruhrgebiet einen neuen Markt gibt, neue Nachfrage und setzen sich dafür ein, dass es erste Verkaufsstände, Verkaufsbuden für dieses Mineralwasser gibt."

Das war die Geburtsstunde der Trinkhallen. "Nach der Schicht anne Bude"- das war ein Ritual für die Bergleute. Rund 3.000 verließen bei Schichtende die Zechen und garantierten den Betreibern ihr Auskommen. Das  Ladenschlussgesetz schützte ebenfalls die Trinkhallen in ihrem Bestand und so erweiterte sich nach und nach das Sortiment: Neben Mineralwasser wurden Lebensmittel und Süßigkeiten, Zeitungen, sowie Bier und Zigaretten angeboten.        

"Bis 1996 hatten wir ja ein einheitliches Ladenschlussgesetz, da können sich junge Menschen sich gar nicht mehr vorstellen, wie man überleben konnte mit Ladenzeiten von 8.30 bis 17.30 Uhr. Heute haben wir vor allem die Tankstellenshops. Gehen Sie mal in eineTankstelle rein, da finden Sie komplett ausgestaltete Bäckereien, Zeitschriftenläden, Tabakwaren, alles, was das Herz begehrt. Das ist eigentlich das Marksegment, was die Trinkhallen in den Siedlungen früher hatten. Das heißt, die Trinkhallen stehen sehr stark unter Druck. Auf der anderen Seite sehen wir aber auch, dass sie sich mit diesem Typischen, nämlich ein Punkt zu sein, wo man im Ruhrgebiet immer ein Quätschchen hält, wo man über alles Mögliche sprechen kann, damit halten die sich eigentlich ganz gut. Und wir sehen zunehmend, dass das sehr geschätzt wird von den Kunden und von den Betreibern eben auch."

"Die Leute wachsen meistens damit auf, also die meisten. Wie ich vor 15 Jahren hier eröffnet hab, die kenn ich heute noch. Die früher als Kinder hier waren und sind dann heute als Erwachsene hier. Früher haben sie Bonbons gekauft, heute kaufen sie Zigaretten."

"Ich sag mal: Für die Älteren ist es einfach die Erinnerung an die Kindheit und für die Kinder ist es einfach der Spaß, die vielen Sachen, Neuheiten, irgendwelche Fruchtgels, die dann besonders verpackt sind oder supersaure Geschichten, die auf den Markt kommen." "Es wird immer noch ein Wort gesprochen, über irgendwas unterhalten, Tagesgeschehen oder Zimperlein, also es ist nicht einfach nur ein Einkaufen."

Denkmalschutz für einige Trinkhallen

Für Nahversorgung und "Notkauf" bieten sich möglicherweise auch andere Verkaufsstellen an, nicht jedoch für soziale Kontakte oder das "Quätschchen". Einen Bestandsschutz gibt es nicht für das Soziotop Trinkhalle, aber der Denkmalschutz greift in vielen Fällen. In den Wirtschaftswunderjahren, als das Ruhrgebiet boomte, entstanden beispielsweise Bauten mit den typischen geschwungenen Dächern, mit runden Fenstern und futuristisch anmutenden Formen. Dietmar Osses.

"Es gab ein ganz tolles Modell von Martin Gropius, entwickelt 1859, der  einen schlichten Holzbau in einer achteckigen Pavillionform entwickelt hat. Das war eine ganze Zeit lang so ein Standardbüdchen. Überhaupt waren ja im Ruhrgebiet die Stadtväter auch an diesen Trinkhallen sehr interessiert, weil sie in einer guten architektonischen Gestaltung, wie es in den Ratsberichten heißt, eine Zierde für die Stadt waren und eine Annehmlichkeit für die Bürger und gleichzeitig auch noch was gegen Alkoholkonsum, Stichwort: Mineralwasser, auch die Temperenzbewegung, Antialkohol, hatte ein großes Interesse daran."

"Die Trinkhalle im Ruhrgebiet, die Wasserhalle in Frankfurt, das Büdchen in Köln, der Späti in Berlin"

Der Kulturanthropologe Dr. Stefan Groth von der Uni Bonn erweitert die Begrifflichkeiten "und da legt man natürlich auch Wert drauf auf solche Unterschiede in der Bezeichnung, die dann auch markieren, dass es spezifische Prägungen gibt, die historisch gefärbt sein können und wo man natürlich stolz drauf ist, auf so eine bestimmte Kultur."

Der "Kiosk", übersetzt aus dem Persischen: die Ecke, das Gartenhäuschen, dient dem Volkskundler als Oberbegriff. Die weiteren Bezeichnungen variieren regional. Die funktionalen Gemeinsamkeiten indes sind abhängig von der spezifischen Ortslage des jeweiligen Kiosk.    

"Man kann differenzieren zwischen Kiosken, die vor allen Dingen für mobile Reisende gedacht sind, an Bahnhöfen und an Flughäfen, die vor allem daran ausgerichtet sind, den schnellen Verkauf zu ermöglichen, auch den Notkauf zu ermöglichen. Und auf der anderen Seite dann eben Kioske oder Trinkhallen in Wohngebieten, die diese soziale Komponente mit hereinbringen, die auch als Treffpunkt dienen."

Interessant für Stefan Groth sind diese sozialen Komponenten. Der rein pragmatische Aspekt eines Notkaufs reiche nicht aus, um die Bedeutung zu erfassen. Es seien Emotionen im Spiel und kulturelle Praktiken erkennbar. 

"Zum Kiosk zu gehen und sich eine gemischte Tüte zusammenstellen, das ist etwas, das aus Kindheitstagen tradiert und dann eben auch weitergegeben wird an die eigenen Kinder. Und dann immer mit einer sehr starken emotionalen Komponente verbunden ist. Der Gang zum Kiosk dient dann nicht immer nur der direkten Befriedigung von Bedürfnissen, im Sinne, dass Milch, Bier oder Eis gekauft wird, sondern dass sozialer Kontakt entsteht. Dass man am Nachbarschaftskiosk auch sich austauschen kann über Neuigkeiten, konkrete Entwicklungen im Viertel."

Man geht zu "seinem" Kiosk

So können ein Kiosk, sein Publikum und sein Betreiber als Spiegel oder Mikrokosmos des Quartiers gelten, in dem er angesiedelt ist. Die  Kundenbindung kann einerseits durch ein spezifisches Sortiment, andererseits durch die persönliche Ansprache erfolgen. Der Kunde hat "seinen" Kiosk, den er aufsucht.

"Da kommt dann natürlich auch die Vorstellung von Heimat mit rein. Die Vorstellung, dass es einen Ort gibt, an den man gehen kann, ganz unverbindlich, ohne dass spezifische Erwartungen an einen gestellt werden und einfach in Beziehung treten kann zu Personen, die in der Nachbarschaft wohnen. Diese Kiosknostalgie lässt sich einordnen in aktuelle Debatten über kulturelles Erbe, kulturelles Eigentum, die auch sehr stark alltagskulturelle Faktoren als wichtig, als schützens- und bewahrenswert auszeichnen."

Nostalgie entsteht immer dann, wenn etwas vom Verschwinden bedroht ist oder kurz vor dem Aussterben. Von einem Kiosk-Sterben müsse man nicht reden, wohl aber von einer Krise. Der Historiker Dietmar Osses.

"Leute, die sich viel mit Trinkhallen beschäftigen, werden immer gefragt: Die sind eigentlich so toll, was kann man tun, damit sie erhalten bleiben? Das ist ganz einfach: hingehen und konsumieren. Die sollen ja nicht nutzlos künstlich am Leben gehalten werden. Sie funktionieren nur dadurch, dass sie tatsächlich wie so eine Art städtischer Dorfplatz sind."

80 Prozent der Kioske werden von Migranten betrieben

In den Innenstädten lässt sich darüber hinaus ein Wandel in der Betreiberstruktur feststellen. Eine Studie belegt zum Beispiel für Hannover, dass 80 Prozent der Kioske von Migranten betrieben werden. Stefan Groth. 

"Das ist durch soziale Entwicklungen bedingt. Dass durch die Reform der Ladenöffnungszeiten das Betreiben eines Kiosk zur prekären Angelegenheit wird und oftmals eben nur noch als Familienbetrieb gehändelt werden kann. Da lassen sich historische Parallelen feststellen. Dass beispielweise nach den Weltkriegen vor allem Kriegsversehrte und Kriegswitwen Kioske betrieben haben und so ihr Einkommen sichern konnten."

Die Trinkhalle fungiert als Nische, erweitert durch einen Paketshop, Internetzugang, mit Stehtischen für den Kaffee, der nicht nur als "to go" ausgeschenkt wird, möglicherweise kann man dort sogar anschreiben lassen. Unabhängig vom Betreiber und seinem Familienverbund sind die Stammkunden, anders als die Laufkundschaft, im jeweils unterschiedlichen Viertel eine relativ homogene Gruppe.           

"Wir haben in den Bergarbeitersiedlungen ein sehr homogenes Milieu, mit ganz gleichen Erfahrungshorizonten. Gleich strukturierte Arbeit, gleich strukturierter Alltag. Man kennt sich untereinander. Und das trifft gleichermaßen auch für jetzige Trinkhallen zu, die vielleicht von Zuwanderern betrieben werden. Auch die versorgen sehr gut ihr Milieu. Das ist auch ein anderes Warensortiment, vielleicht weniger Alkohol, auf jeden Fall mehr Telefonkarten. Manchmal findet ja auch das Leben in oder vor der Trinkhalle statt, aber eben mit anderen Teilgruppen, die dann hingehen.

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