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StartseiteInformation und MusikSachsen-Anhalt - zwischen Historismus und Leerstand 11.01.2015

KulturbilanzSachsen-Anhalt - zwischen Historismus und Leerstand

Wer heute durch den Osten reist, der fühlt sich wie auf einem anderen Stern, wenn er Bilder von damals sieht. Früher zerbröselten die Städte geradezu, jetzt hat man viel Geld investiert - auch in Sachsen-Anhalt. Zwar erstrahlen die Städte, doch der Leerstand wächst. 38.000 denkmalgeschützte Gebäude haben keinen Besitzer.

Von Christoph Richter, Landeskorrespondent Sachsen-Anhalt

Der Braunschweiger Löwe vor dem kleinen Schloss Blankenburg im Harz (imago / Köhn)
Das Kleine Schloß in Blankenburg im Harz (imago / Köhn)
Weiterführende Information

Spätfolge der Bodenreform - Zurück in die Bürgerhaushalte
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 27.11.2014)

Hochschulen in Sachsen-Anhalt - Streit um Millionen und doppelte Strukturen
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 21.11.2014)

Sachsen-Anhalt - Ausgebremste junge Linke
(Deutschlandfunk, DLF-Magazin, 13.11.2014)

Für die ostdeutschen Innenstädte war der Mauerfall ein regelrechter Glücksfall. Da gebe es keine zweite Meinung, unterstreicht Sachsen-Anhalts Pop-Art Künstler Moritz Götze. Er erinnert an die Händelstadt Halle, deren Innenstadt durch den Krieg zwar nicht zerstört wurde, aber Ende der 1980er Jahre durch den DDR-typischen Verfall fast komplett zerfallen war. Und er hat die Bilder noch im Kopf, wie aus den Fenstern jahrhundertealter Häuser Birken wuchsen, wie viele Dächer offen und zerstört waren.
Ein Prozess, der durch die Wiedervereinigung im letzten Augenblick gestoppt werden konnte.

"Halle war wirklich, wenn man sich Fotos anguckt, total am Ende. Das war alles grau, kurz vorm Einfallen. Also von Jahr zu Jahr kriegt man mit, dass es zumindest in baulicher und städtischer Hinsicht besser wird."

Ähnlich sieht es Sachsen-Anhalts SPD-Kultusminister Stephan Dorgerloh und nickt mit dem Kopf.

"Man hatte das Gefühl, da zerbröselt einem deutsche Geschichte, weil es eben den DDR-Machthabern am Sinn dafür fehlte, das zu bewahren."

Für den Wiederaufbau und Erhalt der historischen Innenstädte und Baudenkmäler wurde allein in Sachsen-Anhalt seit 1990 – so schätzen Experten - etwa eine Milliarde Euro ausgegeben.
Gerettet wurde damit - um nur ein Beispiel herauszunehmen - die einzigartige Fachwerkstadt Quedlinburg, die seit nun 20 Jahren UNESCO-Weltkulturerbe ist. Auf einer Fläche von nur 90 Hektar findet man hier rund 1300 Fachwerkgebäude aus sechs Jahrhunderten, darunter seltene barocke Patrizierhäuser. Ein Großteil des malerischen Ensembles auf mittelalterlichem Stadtgrundriss ist saniert.

"Das ist eine Kraftanstrengung einer Generation gewesen. Obwohl immer noch viele Objekte leer stehen und auf einen Eigentümer warten. Aber diese Stadt ist ja neu in Besitz genommen worden von ihrer Bürgerschaft."

Sanierung der Innenstädte konnte Abwanderung nicht stoppen

Landesweit gibt es allerdings noch viel zu tun. Erinnert sei hier nur an das Schloss Blankenburg im Harz, in der eine Bürgerinitiative versucht, Stück für Stück ein Kleinod zu retten.

Eine Tatsache, die aber nicht darüber hinweghilft, dass in Sachsen-Anhalt immer noch 38.000 denkmalgeschützte Gebäude, darunter Herrenhäuser, jahrhundertalte Villen, gründerzeitliche Fabrikanlagen oder gar Schlösser im Stile Ludwigs des XIV., ohne Besitzer sind. Leer stehen.

Eine Ironie der Geschichte: Denn trotz der Sanierung der Innenstädte konnte die Abwanderung nicht gestoppt werden. Künstler Moritz Götze sieht darin einen Beleg der Vernachlässigung der aktuellen Kultur in Sachsen-Anhalt. Bis heute gebe es beispielsweise – und das sei bundesweit einzigartig - keine einzige renommierte Galerie im Land.

"In den letzten Jahren hat sich so eine depressive Hoffnungslosigkeit eingeschlichen, weil einfach von der Politik gezeigt wird, von der Landespolitik, dass sie Kultur überhaupt nicht interessiert. Also die lebendige Kultur."

Das Wissen um den geschichtsträchtigen Raum würde musealisiert, aber kaum weiter vermittelt, so lautet die Kritik. Die Reibungsflächen der Transformation der früheren Industrie-Gesellschaft zwischen Magdeburg, Halle, Mansfeld und Bitterfeld würden schlicht nicht problematisiert, betont Architekturhistoriker Philipp Oswalt.

"Was nicht gewünscht ist, dass die Kultur relevante Positionen zu streitbaren Themen der Gegenwart bezieht."

Oswalt moniert, dass in Sachsen-Anhalt nicht die dynamische Moderne im Vordergrund stehe, sondern die konservierte bürgerliche Welt eines Luther, Cranach oder Goethe. Die sanierten Innenstädte seien daher vielerorts nur reine Kulissen.

"Ein Land mit unglaublichem Potential"

Und Oswalt erwähnt, dass seit 1990 die Ausgaben für aktuelle Kulturangebote kontinuierlich sinken. Wo Theater, Schauspiel-, und Ballettsparten geschlossen werden, entsteht nichts – nur Ödnis unterstreicht Oswalt. Und ergänzt: Der Blick auf das Alltagsleben, indem lebendige Kulturstätten die erlebte Wirklichkeit reflektieren, sie verschwinden.

Beispiel Filmtheater: Laut einer Studie der Filmförderungsanstalt in Berlin hat es 2013 zwischen Arendsee und Zeitz nur zwölf Kinosäle gegeben, die Arthouse-Filme zeigen. Damit gehört Sachsen-Anhalt zu den Schlusslichtern in Deutschland. Ähnlich sieht die Situation bei den Theatern aus, unterstreicht André Bücker, Noch-Intendant des Anhaltischen Theaters in Dessau. Er ist ein Theatermacher, der gern aktuelle Themen und Debatten auf die Bühne holt. Was aber nicht gut ankam. Statt dass die Politik in inhaltlichen Auseinandersetzungen und Debatten mit einsteige, so Bücker weiter, versuche man querdenkenden Akteuren konsequent einen Maulkorb zu verpassen.

"Ich glaube, dass Sachsen-Anhalt ein Land ist mit unglaublichem Potential, gerade mit einem kulturellen Potential in das man dringend und unbedingt investieren müsste. Weil es dem gesamten Land, weil es der gesamten Entwicklung des Landes zugute kommen würde. Das sind Schätze, dass sind Ressourcen. Dieses kulturelle Erbe, das muss man entwickeln. Und solange man das nicht versteht, wird man auch imagemäßig immer die rote Laterne tragen. Ganz, ganz klar."

Nachdem Sachsen-Anhalt in den letzten 25 Jahren in baulicher Hinsicht mit viel Aufwand auf Hochglanz gebracht wurde, wird es in den nächsten Jahren darauf ankommen, das Land mit kreativem kulturellem Leben zu füllen.

Das heißt: Wenn das Land sich weiter entwickeln soll, muss man die zeitgenössische Kultur und kulturelle Institutionen vor Ort beatmen, sie mit Geld ausstatten. Allein in malerischen Städtchen, in einem schönen Fachwerkhaus zu wohnen, reicht den Menschen nicht. Die alte Rechnung gilt auch hier: Wo keine Kultur ist, siedeln sich auch keine Unternehmen an, da werden keine Zuwanderer oder junge Menschen mit Ideen kommen.

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