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StartseiteSonntagsspaziergang"Auf andere Art politisch als eine Demonstration"20.05.2018

Kulturelle Landpartie im Wendland"Auf andere Art politisch als eine Demonstration"

Lüchow-Dannenberg wurde bekannt durch Proteste gegen Atommülltransporte nach Gorleben. Aber im Wendland gibt es auch die Kulturelle Landpartie, das größte selbstorganisierte Kulturfestival Deutschlands: Zwischen Himmelfahrt und Pfingstmontag öffnen Künstler jedes Jahr ihre Werkstätten und Ateliers.

Von Gisela Jaschik

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Mann auf dem Seil balancierend während der Hochseildarbietung im Rahmen der Kulturellen Landpartie.  (imago / anemel)
Hochseildarbietung im Rahmen der Kulturellen Landpartie in Meuchefitz im Wendland. (imago / anemel)
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"Es ist ein Stück Paradies auf Erden…."

Ob im Rundlingsdorf Grüstritz, unter hohen Kastanien in Klein Witzeetze oder im Theaterzelt bei Weitsche: Wer in diesen Tagen das Wendland bereist, ist gleich mittendrin im fröhlich-bunten Treiben der Kulturellen Landpartie. Am Dorfteich von Diahren locken südamerikanische Klänge auf die Tanzfläche unter freiem Himmel. Begeistert über die heiter-gelassene Atmosphäre ist auch diese Besucherin aus Celle:

"Die Lebensfreude. Das ist so ursprünglich hier noch, finde ich."

Wendland: Selbstgemachtes auf der KLP in Mützingen.  (imago / Frank Brexel)Wendland: Selbstgemachtes auf der KLP in Mützingen. (imago / Frank Brexel)

Ihren kreativen Alltag und Kunst aus Diahren zeigen Einheimische im Ortskern des kleinen Rundlingsdorfs. Haus Nummer 7 bietet Speis und Trank im Schatten alter Bäume bei Oliver Kranik - Musiker und Gastgeber:

"Wir haben noch Konzerte hier und wir haben Performance. Und wir machen jeden Tag einen Dorfspaziergang mit den Leuten, es wird zum Tanz geladen. Es gibt Lesungen, politische Gesprächsrunden. Wir verkaufen ausschließlich Dinge, die hier im Dorf produziert werden."

Dieses Fachwerkhaus steht seit 1844 in Beutow im Wendland (Johannes Nichelmann)Idyllische Landschaft, alte Höfe: Dieses Fachwerkhaus steht seit 1844 in Beutow im Wendland. (Johannes Nichelmann)

"Das Dorfding"

"Das Dorfding" nennen die Einwohner ihren Veranstaltungsort. Einer von 121 sogenannten Wunderpunkten der diesjährigen Kulturellen Landpartie. Auch im winzigen Dorf Kröte - acht Höfe und eine Straße - prägen ortsansässige Künstler die Veranstaltungen. Drinnen wie draußen sind gestaltete Passagen zu entdecken: Installationen in Stallgebäuden und Scheunen, an Fassaden und am Wegesrand:

"Die Landpartie ist auf eine andere Art politisch als eine Demonstration."

Sagt in ihrem Atelier am Feldrand die Illustratorin Irmhild Schwarz. Immer wieder gelingen Künstlerin der Region Denkanstöße zum wunden Punkt "Atomanlagen" - Hingucker mit politischem Anliegen. Vor einer Scheune hat Schmied Michael Papke seine Feldesse angeheizt.

"Hier machen wir jetzt einen Haken, große Zauberei. Im Dienste der KLP, um zu zeigen, dass wir auch was können. Landpartie ist ne tolle Jahreszeit hier."

Einheimische und Zugereiste machen Kunst

Für Einheimische im Widerstand, wie inzwischen auch für zugereiste Künstler aus Hamburg, Berlin und anderswo. "Blech und Schwefel" heißt eine vielköpfige Combo aus Kassel: zwischen Scheune und Stall begeistern sie mit Blasmusik . Während der KLP, wie die Zeit vor Pfingsten hier heißt, pulsiert das sonst so stille Wendland. Am besten zu erleben von Dorf zu Dorf. Die gelben X - hölzerne Symbole des Atomwiderstands - zeigen den nächsten Wunderpunkt an. Der Widerstand gegen Atomanlagen hat die inzwischen künstlerisch durchmischte Bevölkerung geweckt und verändert. Im Unterschied zu anderen Kunsthandwerkermärkten ist die Kulturelle Landpartie politisch motiviert und basisdemokratisch organisiert, bis heute, freut sich Michael Seelig. Der Initiator der ersten Kulturellen Landpartie erinnert daran:

"Es gibt keinen Vorstand, keine Dachorganisation und keine öffentliche Förderung. Sondern, es kommt alles komplett von den Leuten. Wenn man sieht, wie sich das entwickelt hat: Es ist einfach nur reine Freude."

Kunst- und Werklehrer Michael Seelig hält einen Hahn in der Hand. Er hat gemeinsam mit seiner Frau den Werkhof Kukate - eine Bildungsstätte für handwerkliche Tätigkeiten -gegründet. (Deutschlandradio / Alexander Budde)Kunst- und Werklehrer Michael Seelig hat gemeinsam mit seiner Frau den Werkhof Kukate - eine Bildungsstätte für handwerkliche Tätigkeiten - gegründet. Er ist Initiator der ersten KLP. (Deutschlandradio / Alexander Budde)

Von Konzerten und Kabarett bis zu Wildkräutergängen

Sämtliche 858 Veranstaltungen schafft keiner auch nur annähernd. Die Auswahl ist grenzenlos. Wer auf Skulpturen, Keramik und Handweberei steht, landet vielleicht in den Rundlingsdörfern Lübeln oder Salderatzen. Kleine feine Punkte mit freilaufenden Hühnern, Wildkräuterrundgängen und musikalischen Lesungen sind Beesem und Seedorf. Punkkonzerte, rotzfreche Asphaltkultur und poetisch-politisches Kabarett mit Sunna Huygen erwartet Besucher in Meuchefitz:

"Es gibt keine Zwischenräume…"

Vielleicht ist es gerade die Vielfalt, die immer mehr Menschen anzieht - und die heiter-gelassene Atmosphäre. Ferienwohnungen und Hotels im Wendland sind schon Monate vorher ausgebucht. Nicht alle Wege führen nach Gorleben, aber auch kein Weg dran vorbei, heißt es im Reisebegleiter, dem daumendicken Programmheft.

Blick über das Hüttendorf "Freie Republik Wendland" im Mai 1980. Auf dem von Atomkraftgegnern besetzten Gelände bei Gorleben in Niedersachsen sollten später Probebohrungen zum Erkunden und Lagern von Atommüll beginnen. Das Hüttendorf wurde im Sommer desselben Jahres schließlich gewaltsam geräumt.  (dpa / picture alliance / Werner Baum)Blick über das Hüttendorf "Freie Republik Wendland" im Mai 1980, in dem sich Atomkraftgegner organisiert hatten. Das Hüttendorf wurde im Sommer desselben Jahres schließlich gewaltsam geräumt. (dpa / picture alliance / Werner Baum)

"Menschen, die wach sind, politisch sind"

Auf der idyllischen Seebühne in Reitze begeistern skandinavische und afrikanische Gruppen bei Kerzenlicht und Feuerschein. Mit Wohnmobil und Fahrrädern ist eine Gruppe Mittfünfziger aus Schleswig-Holstein und aus Münster dabei:

"Es ist so ein bisschen ein altes Sehnsuchtsbild. Das Thema Gemeinschaft, verbunden mit Menschen, die wach sind, politisch sind, lebendig in Austausch zu kommen. Wo einfach das Gefühl habe, hier sind Viele, mit denen ich in Austausch kommen könnte. Das ist schön."

Wer in diesen Tagen gemütlich durchs Wendland radelt, taucht rasch ein in eine bunt schillernde Welt voll kreativer Überraschungen für Groß und Klein. Zwischen Kitsch und Kunst, Kultur und Widerstand:

"Ein ganz wunderschönes Fest, so wie es sein soll. Die Kulturelle Landpartie ist politisch, nach wie vor."

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