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StartseiteKultur heuteGegen die "Ideologie des Multikulturalismus"29.04.2016

Kulturprogramm der AfDGegen die "Ideologie des Multikulturalismus"

An diesem Wochenende findet der Parteitag der AfD statt, an dem das Bundesprogramm auch im Bereich Kultur verabschiedet werden soll. Im Programmentwurf wird die "Ideologie des Multikulturalismus" abgelehnt, und die Aufgabe des Schutzes einer Leitkultur, die sich aus Christentum, wissenschaftlich-humanistischer Tradition und dem römischen Recht herleiten soll, betont.

Von Stefan Maas

Ein Mitglied der Partei AfD (Alternative für Deutschland) nimmt in Mainz an einer Wahlkampfveranstaltung seiner Partei teil. (dpa-Bildfunk / Fredrik Von Erichsen)
Im Kulturprogramm der AfD: Definition einer Leitkultur, die nicht mehr zeitgemäß ist? (dpa-Bildfunk / Fredrik Von Erichsen)
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"Deutschland gehört zu den großen europäischen Kulturnationen." So beginnt das Kapitel im Programmentwurf der Alternative für Deutschland mit dem Titel "Kultur, Sprache und Identität". Wenige Zeilen später heißt es:

"Die AfD erachtet es als eines ihrer vorrangigen politischen Ziele, dieses große Kulturerbe für die kommenden Generationen nicht nur zu bewahren, sondern es im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung weiterzuentwickeln und seine unverwechselbaren Eigenheiten zu erhalten."

Olaf Zimmermann, dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates fallen beim Blick in den Programmentwurf vor allem zwei Dinge auf. Erstens: Der Teil, der sich unter der Überschrift Kultur konkret mit ebendieser beschäftigt, ist mit zwei Seiten sehr übersichtlich. Man dürfe sich von diesen knappen Stichpunkten aber nicht beirren lassen, sagt er:

"Ich glaube, es ist nicht nur dort Kultur zu finden, wo auch Kultur draufsteht, sondern man findet fast in jedem anderen Kapitel auch Kultur."

Kultur als Schutzschild: Wagenburgkulturmentalität

Denn, zweitens, der AfD gehe es um eine neue Standortbestimmung. Religion und Islam – eine Kulturfrage. Die Zukunft Europas, Gesellschaft und Familie – Kulturfragen.

"Das Spannende ist, dass die AfD die Kultur als Schutzschild für sich benutzt und sagt, wir sind ja noch diejenigen, die die Kultur schützen. Nämlich unsere Kultur schützen. Letztendlich ist es eine Wagenburgkulturmentalität. Das heißt, wir sitzen drinnen und von außen kommen wilde Horden, Europäer, Moslems, Geflüchtete, und die wollen, letztendlich uns unsere Kultur streitig machen."

Um das zu verhindern, verlangt die AfD ein Bekenntnis zu einer deutschen Leitkultur statt zu einer – Zitat - "Ideologie des Multikulturalismus", die importierte kulturelle Strömungen auf geschichtsblinde Weise der einheimischen Kultur gleichstelle und deren Werte damit zutiefst relativiere. Alexander Gauland, der stellvertretende Parteivorsitzende versteht unter Leitkultur Folgendes:

"Man definiert das meistens über die Sprache, aber dann gibt es natürlich Gebräuche, Gewohnheiten und Traditionen, die über Jahrhunderte lang oder Jahrzehnte lang mit Deutschland verbunden sind. Und die dann in unterschiedlicher Stärke und Ausprägung zur Leitkultur dazugehören."

Der Islam habe in Deutschland über die Jahrhunderte keine prägenden kulturellen Spuren hinterlassen. Gauland verweist - wie der Programmentwurf - auf die religiösen Überlieferungen des Christentums, die wissenschaftlich-humanistische Tradition und das römische Recht.

Zimmermann: Definition einer Leitkultur, die nicht mehr zeitgemäß ist

"Und ich möchte diese Leitkultur so weit es geht erhalten und fördern."

Damit hänge die AfD einer Definition der Leitkultur nach, die längst nicht mehr zeitgemäß sei, weil sie, als sie das erste Mal diskutiert wurde, zu sehr auf Einengung ausgerichtet gewesen sei, sagt Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat.

"Die aktuelle Debatte ist eine wertebasierte Debatte, aber keine einschränkende Debatte. Keine, die sagt, wir sagen jetzt deutsche Leitkultur und meinen damit, dass es so etwas gibt wie Undeutsches, das man quasi außen vorlässt."

Über den Wert von Kultur macht sich die AfD auch dort Gedanken, wo es im Programmentwurf um Kultur im engeren Sinne geht. Sie will, so steht es im Entwurf, den Einfluss der Parteien auf das Kulturleben zurückdrängen und die Kulturpolitik generell an – "fachlichen Qualitätskriterien" - ausrichten statt an politischen Opportunitäten. Was genau die AfD damit meint, erklärt sie nicht. Die Haushaltsabgabe jedenfalls lehnt sie ab und möchte den öffentlich-rechtlichen Rundfunk reformieren.

Alleine das Ansinnen, Kultur nach fachlichen Kriterien bewerten zu wollen, lässt Olaf Zimmermann aufhorchen. Wer solle diese Kriterien denn festlegen und überprüfen, fragt er, außer der Kulturszene selbst, die ständig mit sich ringe, um Qualität, um ihr Selbstverständnis?

Auch die AfD müsse lernen, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates:

"Kunst muss der Politik nicht gefallen. Und auch nicht der AfD. Und muss trotzdem möglich gemacht werden."

Ob das mit der AfD möglich wäre, bezweifelt er.

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