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StartseiteKultur heute"Es gibt immer noch genug zu sehen"02.07.2015

Kulturstätten in Nepal"Es gibt immer noch genug zu sehen"

Auch Monate nach dem schweren Erdbeben in Nepal liegen viele Kulturdenkmäler noch in Trümmern oder sind vollständig zerstört. Der Aufbau könne nur in kleinen Schritten geschehen, sagte Axel Michaels vom Südasien-Institut der Universität Heidelberg. Dennoch liege den Menschen vor Ort sehr viel daran, die Stätten wieder aufzubauen und für Touristen zugänglich zu machen.

Axel Michaels im Gespräch mit Antje Allroggen

Ein Helfer trägt nach dem Erdbeben in Nepal Heiligenfiguren aus den Trümmern eines Tempels. (Imago / Xinhua)
Axel Michaels, Indologe an der Universität Heidelberg: "Man schätzt, dass ein größerer Tempel doch ungefähr eine Million Euro braucht, um wiederaufgebaut zu werden." (Imago / Xinhua)
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Antje Allroggen: Seit Mitte Juni sind einige der Kulturerbe-Stätten wieder für Besucher geöffnet. Dabei waren die historischen Gebäude durch das Erdbeben Ende April stark beschädigt worden. In welchem Zustand befinden sich die Tempel denn? Liegt alles noch in Trümmern? Das habe ich Axel Michaels, Indologe am Südasien-Institut der Universität Heidelberg gefragt.

Axel Michaels: Man schätzt, dass etwa 50 bis 70 Prozent der Kulturdenkmäler zerstört oder stark beschädigt waren. Einige davon sind total zerstört, da sind die Backsteine weggeräumt worden und es ist praktisch überhaupt nichts mehr zu sehen, vielleicht noch der Sockel. Bei anderen sind Stützbalken zu sehen, mit denen man versucht, provisorisch zu stabilisieren.

Allroggen: Dennoch will die Tourismus-Industrie, die ja für die nepalesische Bevölkerung ein wichtiger Geldgeber ist, die Stätten wieder eröffnen. Wird diese Wiedereröffnung der Tempel vor allem von wirtschaftlichen Gründen getrieben, wenn der Zustand der Stätten es doch vielleicht gar nicht zulässt?

Michaels. Das glaube ich nicht, denn sie werden schon für die Sicherheit sorgen. Es ist auch so genug noch zu sehen, vor allen Dingen von außen. Man kann die Tempel ja ohnehin oft nicht betreten und da ist dann auch genügend Abstand möglich, vor allen Dingen auf den Plätzen der drei Königsstädte Kathmandu, Patan und Bhaktapur.

Noch fehlen die Gelder

Allroggen: Sie sprachen gerade von 50 bis 70 Prozent der Tempel, die zerstört wurden. Die UNESCO geht sogar von 80 Prozent aus. Viele Orte wie der einstige Königssitz Bhaktapur wurden urplötzlich ja zu Geisterstätten. Ist das Land denn mental überhaupt schon wieder in der Lage, sich mit dem Wiederaufbau seiner Kulturstätten zu beschäftigen?

Michaels: Ja, ich glaube, dass ihnen sehr viel daran liegt. Das geschieht sehr intensiv bereits, wenngleich die großen Gelder noch nicht geflossen sind, sodass man noch nicht so wahnsinnig viel sieht.

Das wird sicherlich auch noch einige Zeit brauchen und das muss ja auch koordiniert geschehen. Und die Ruhe in den ersten Wochen war natürlich auch dadurch bedingt, dass das Kathmandu-Tal sehr viel von Bewohnern bewohnt ist, die aus den Bergen kommen, die dann aber zunächst mal zurückgegangen sind in ihre Dörfer, weil da die Not am größten war.

Allroggen: Viele Menschen aus der Erdbebenregion haben ja ihr komplettes Hab und Gut verloren. Wie sieht es denn da mit dem illegalen Kunsthandel aus? Der dürfte doch auch florieren.

Michaels: Der floriert bestimmt in einem gewissen Maße. Allerdings sorgt die Regierung doch sehr stark dafür und der Zoll, dass nichts herauskommt. Ein Doktorand von mir wollte ganz neue Masken mitnehmen, die in diesem Jahr produziert wurden, und durfte sie nicht mitnehmen, weil man irgendwie befürchtete, dass es sich um alte Masken handelte. Da wird schon sehr darauf geachtet.

Allroggen: Die UNESCO will alle Tempelanlagen wieder aufbauen nach eigener Aussage. Die Kulturorganisation tagt ja gerade in Bonn und dort hat man für mehr Solidarität mit den Menschen in Nepal aufgerufen. Stehen denn genügend finanzielle Mittel für den Wiederaufbau zur Verfügung, vielleicht sogar verbunden mit der Absicht, noch mehr Kulturstätten in die Welterbe-Liste aufzunehmen?

Michaels: Man schätzt, dass ein größerer Tempel doch ungefähr eine Million Euro braucht, um wiederaufgebaut zu werden. Das ist in einem armen Land sehr viel. Wenn man nur zurückdenkt an das letzte Erdbeben, da stehen ja immer noch Ruinen von dem Erdbeben von 1934. Also ich glaube, da muss man einen langen Atem haben, und die große Sorge ist, dass es vielleicht sogar zu früh ist, damit anzufangen, weil noch so viel Energie in der Erde ist. Es hat ja hier noch täglich Nachbeben bis zur Stärke von vier, 4,5 auf der Richterskala gegeben.

Wiederaufbau muss in Schritten passieren

Allroggen: Wäre es da nicht wirklich angeraten, noch zu warten?

Michaels: Man kann es ja in Schritten machen. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel. Zum Beispiel sind diese sehr schönen holzgeschnitzten Fenster ja oft beschädigt worden bei dem Zusammenbruch der Tempel. Da kann man schon mal anfangen, diese wiederherzustellen, und die sind dann fertig, wenn es darum geht, die Backsteine wieder aufeinanderzuschichten.

Allroggen: Gibt es denn für den Wiederaufbau der Stätten einen Masterplan, oder überhaupt architektonische Pläne, oder kann der Wiederaufbau der Tempel nur nach Vorlagen von Fotos beispielsweise erfolgen?

Michaels: Für die meisten größeren Tempel gibt es Pläne, nicht zuletzt durch deutsche Ingenieure und Architekten, die dort jahrzehntelang gearbeitet haben. Bei einigen kleineren Tempeln muss man vielleicht nach fotografischen Vorlagen arbeiten.

Allroggen: Ihr Institut lädt ja morgen Besucher zu einem umfangreichen Nepal-Tag ein. Wird es da auch Informationen zum aktuellen Wiederaufbau geben?

Michaels: Ja. Wir haben ungefähr acht Vorträge und ein buntes Programm, was wir machen, um noch einmal Spenden zu sammeln.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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