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StartseiteInterviewKulturwissenschaftler: Islamunterricht an deutschen Schulen ist überfällig30.01.2006

Kulturwissenschaftler: Islamunterricht an deutschen Schulen ist überfällig

Viadrina-Professor Werner Schiffauer begrüßt Vorstoß von Christian Wulff

Der Kulturwissenschaftler Werner Schiffauer verlangt politisches Engagement zur Einführung islamischen Religionsunterrichts in Deutschland. Damit könnte ein wichtiges Zeichen zur Integration von Ausländern gesetzt werden, sagte Schiffauer zu einem entsprechenden Vorstoß des niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU). Zunächst müssten dafür allerdings mehr Islam-Lehrstühle an den Hochschulen geschaffen werden.

Moderator: Dirk Oliver Heckmann

Türkische Schülerinnen nehmen am Unterrichtsfach Islamkunde in Bremen teil. (AP)
Türkische Schülerinnen nehmen am Unterrichtsfach Islamkunde in Bremen teil. (AP)

Dirk Oliver Heckmann: Die Forderung nach Einführung eines islamischen Religionsunterrichtes in Deutschland, sie ist nicht eben neu. Bisher hat man sie allerdings vor allem von Vertretern islamischer Verbände gehört. Nun hat sich ein Spitzenvertreter der christlich-demokratischen Union dieser Forderung angeschlossen, der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff. Man müsse auch muslimischen Schülern eine religiös-ethische Erziehung an öffentlichen Schulen anbieten, so Wulff am Wochenende in einem Interview. Bei uns am Telefon ist jetzt Professor Werner Schiffauer von der Viadrina-Universität Frankfurt(Oder). Er hat sich intensiv mit dem Thema Islam in Deutschland beschäftigt. Guten Morgen!

Werner Schiffauer: Guten Morgen!

Heckmann: Zunächst einmal die Frage, Professor Schiffauer, ist es eigentlich eine gute Idee, die Christian Wulff da in die Debatte geworfen hat?

Schiffauer: Also, die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts ist ja überfällig in Deutschland. Die Forderung wird seit 1980 erhoben von den islamischen Verbänden. Bisher hat der politische Wille auf der deutschen Seite gefehlt das umzusetzen. Das scheint sich jetzt zu ändern. Und das ist sehr zu begrüßen.

Heckmann: Wie erklären Sie sich denn, dass der politische Wille bisher gefehlt hat und dass sich das jetzt offenbar ändert?

Schiffauer: Also, die Einführung eines islamischen Religionsunterrichtes ist ein deutliches Zeichen, dass man anerkennt, dass wir eine Einwanderungsgesellschaft sind, dass die Muslime hier einen Platz in dieser Gesellschaft haben und auf Dauer hier bleiben werden. Dieses Bekenntnis ist vor allem den konservativen Parteien bisher schwer gefallen.

Heckmann: Aber es gibt doch auf der anderen Seite Schwierigkeiten, auch Ansprechpartner zu finden, so wird immer wieder argumentiert.

Schiffauer: Es gibt Schwierigkeiten. Es gibt Schwierigkeiten, beispielsweise was einen Ansprechpartner auf der islamischen Seite betrifft. Diese Schwierigkeiten lassen sich jedoch überwinden, wenn tatsächlich der politische Wille da ist. Wenn der politische Wille fehlt, dann zieht man sich immer wieder auf solche Positionen zurück und sagt, die anderen wollen ja nicht, die anderen sind uneins, et cetera. Wenn man jedoch vorangehen will, dann kann man eine produktive Gesprächsatmosphäre schaffen, in der auch die Einführung eines islamischen Religionsunterrichtes möglich ist. Und ich hoffe, das passiert jetzt.

Heckmann: Wie soll das konkret passieren?

Schiffauer: Nun, das zentrale ist - und hier müssen jetzt tatsächlich Taten folgen - ist die Ausbildung deutschsprachiger Hodschas und Imame, und das an deutschen Universitäten. Das heißt, das A und O ist die Einrichtung islamischer Theologien an deutschen Universitäten und hier kann nicht nur gekleckert werden, sondern muss geklotzt werden. Also zwei Lehrstühle für islamische Theologien, die es bisher in Deutschland gibt, reichen da bei weitem nicht aus, um den Bedarf eines flächendeckenden Religionsunterrichts zu decken.

Heckmann: Es gibt diese beiden Lehrstühle. Es gibt auch in mehreren Bundesländern Pilotprojekte für islamischen Religionsunterricht. Wie kommt es, dass das bis jetzt noch nicht über das Versuchsstadium hinaus gelangt ist?

Schiffauer: Es kostet Geld. Und Geld bedeutet, dass man dann auch wiederum den politischen Willen haben muss, das auch durchzusetzen, entsprechend das Budget bereitstellen muss, das an den Universitäten etablieren muss, et cetera.

Heckmann: Sind Sie denn jetzt sicher, dass wirklich praktische Konsequenzen auch gezogen werden?

Schiffauer: Leider nein. Also immer dann, wenn es darum geht, von wohlfeilen Wochenendreden zur Praxis überzugehen der Integration, wird es schwierig. Und wir haben in der Vergangenheit gesehen, dass dann sehr schnell das Wort fällt, dass man auf jeden Fall deutsche, in Deutschland ausgebildete Theologen braucht für den Religionsunterricht, etwa von Frau Schavan. Ich wüsste aber nicht, dass dann irgendwas schon erfolgt wäre.

Heckmann: Inwiefern kann denn die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts auch helfen, extremistische Strömungen in Deutschland zu bekämpfen, nämlich diesen Unterricht wirklich in den Schulen stattfinden zu lassen, statt ihn zwielichtigen Moscheen oder Koranschulen zu überlassen?

Schiffauer: Da müssen wir zwei Sachen auseinander halten. Der Unterricht in den Schulen wird niemals den Unterricht in den Koranschulen ersetzen. Genauso wie der evangelische Religionsunterricht den Konfirmandenunterricht nicht ersetzen wird. Der Religionsunterricht an der Schule ist eine wissensmäßige Auseinandersetzung mit den Inhalten der Religion. Hier wird Wissen vermittelt und Wissen abgefragt. Der eigentliche Glaubensunterricht muss und darf gar nicht an der Schule stattfinden. Der muss den Religionsgemeinschaften vorbehalten bleiben und bleibt in der Regel den Religionsgemeinschaften vorbehalten.

Heckmann: Jetzt gibt es auch kritische Stimmen, die sagen, die Gefahr bestünde, dass an den Schulen eine Variante des Islam gelehrt wird, der eben nicht den Werten der Demokratie und den westlichen Werten entspricht. Wie kann das verhindert werden?

Schiffauer: Ich glaube, da wird der Teufel an die Wand gemalt. Wir haben natürlich die Schulaufsicht, wir haben die Aufsicht über die Lehrpläne, die verabschiedet werden. Und eine gewisse Kontrolle ist ebenfalls dadurch gegeben, dass natürlich die Eltern partizipieren und das sehr genau registrieren werden, wenn dann islamistische Gehalte an die Kinder weitergegeben werden. Es ist auch zu erwarten, dass ein derartiger Religionsunterricht besonders auch für Eltern interessant sein wird, die ihren Kindern ein islamisches Wissen vermitteln wollen, ohne jetzt notwendigerweise auf andere Organisationen angewiesen zu sein. Die alle werden da aufpassen.

Heckmann: Wenn wir mal in andere Länder blicken, unsere europäischen Nachbarländer beispielsweise, wie sieht das da aus? Hinken wir da hinterher?

Schiffauer: Da gibt es ganz unterschiedliche Modelle. Die Idee eines Religionsunterrichtes, der in der staatlichen Schule angeboten wird - evangelisch, katholisch oder auch islamisch - ist eine spezifisch-deutsche Konstruktion, die gibt es anderswo kaum. In England hat man Religionsunterricht, der ist aber eher dem Ethikunterricht, der in Brandenburg angedacht wird, vergleichbar. Das heißt, der ist religionsvergleichend. Und da ist das große Thema nicht Wertevermittlung, beziehungsweise nur Wertevermittlung in dem Sinne des Respekts vor anderen Religionen. In Frankreich gibt es überhaupt keinen Religionsunterricht an den Schulen. In Holland gibt es Religionsunterricht nur an den konfessionellen Schulen. Also hier hat jedes Land so seinen eigenen Weg gefunden.

Heckmann: Kommen wir zurück auf Deutschland. Wir haben hier in Deutschland die Debatte um den Gesprächsleitfaden für einbürgerungswillige Ausländer. Wir haben die Diskussion um das Thema Deutsch auf dem Schulhof, und wir haben den nichtexistierenden islamischen Religionsunterricht. Haben Sie den Eindruck, dass die Ausländer in Deutschland derzeit sich so fühlen können, dass sie willkommen sind hier in diesem Land?

Schiffauer: Den Eindruck habe ich nicht. Hier könnte allerdings die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts ein wichtiges Zeichen setzen. Maßnahmen wie der Einbürgerungstest zeigen ja ungefähr das Gegenteil. Es ist eben nicht das Zeichen, wir sind froh, dass ihr hier seid, wir empfinden euch als Bereicherung dieser Gesellschaft, sondern eher wir begegnen euch erst einmal mit großem Misstrauen. Das ist die eigentliche Nachricht des Einbürgerungstests.

Heckmann: Zur Forderung nach der bundesweiten Einführung von islamischem Religionsunterricht war das Professor Werner Schiffauer von der Viadrina-Universität in Frankfurt(Oder). Herzlichen Dank.

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