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StartseiteKultur heuteSozialistische Kunst soll positiv sein15.03.2015

Kulturzensur in ChinaSozialistische Kunst soll positiv sein

Die Überwachung von Medien und Kultur zwingt Regisseure und Autoren in China zu viel Fantasie. Unter Staatschef Xi Jinping wird die kulturelle Freiheit derzeit weiter eingeschränkt und auf Parteilinie eingeschworen. Probenvideos mit gefälschten Bildern, Happy Ends oder seichte Themen erleichtern die letztendliche Genehmigung.

Von Ruth Kirchner

Eine chinesische Gruppe des Training Centers for Warrior Monks of Shaolin Temple tritt in Santiago/Chile auf. (Imago / Xinhua)
Die Freiheit der Kunst wird in China immer weiter eingeschränkt: Die Aufführungsstätten sind mittlerweile alle mit Überwachungskameras versehen. (Imago / Xinhua)
Weiterführende Information

Kulturpolitik - Peking will Künstler ideologisch auf Linie bringen
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 26.12.2014)

Chinesische Forschung - Konfuzius-Institute auf dem Prüfstand
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Eine Inszenierung von Wang Chong, einem der bekanntesten Avantgarde-Regisseure Chinas. Als er 2009 eine chinesische Adaption der "Vagina Monologe" aufführen wollte, musste er zunächst seine Zensoren überzeugen: Er musste den Text vorlegen und dann beim Kulturkomitee seines Bezirks eine Genehmigung einholen. Außerdem wollten die Behörden die Aufführungsgenehmigung von Wangs Theatertruppe sehen, die Ausweise aller Schauspieler sowie Videos der Proben. Manchmal winken die Behörden schon bei der Vorlage des Textes ab - ohne Begründung. Aber selbst wenn es zur Aufführung kommt, bleiben die Zensoren wachsam, sagt Wang Chon: "In den letzten drei Jahren hat es eine neue Entwicklung gegeben. Alle Aufführungsstätten sind jetzt mit Überwachungskameras ausgestattet. Sie erfassen nicht nur die Bühne, sondern auch den Zuschauerraum. Die Theater in Peking werden komplett überwacht."

Wang Chong hat es trotzdem geschafft, in China Theatergeschichte zu schreiben. Als erster hat er etwa Heiner Müllers "Hamletmaschine" ins Reich der Mitte geholt. Beharrlich versucht er, Chinas Theater in die Gegenwart zu katapultieren. Leicht ist das nicht. Die Überwachung führe zwar nicht zwangsläufig zu Verboten, sagt er, aber zur Schere im Kopf: "Natürlich beschränken wir uns selbst und versuchen heikle Themen zu vermeiden. In Theaterkreisen tendiert man daher eher zur seichten Unterhaltung und entfernt sich mehr und mehr von den Realitäten in China."

Undurchschaubare Genehmigungsverfahren

Auch Filmemacher vermeiden oft kontroverse Themen - um ja nicht anzuecken. Die Genehmigungsverfahren sind beim Film ebenfalls undurchschaubar - und absurd. Der neue Film von Zhang Bingjian etwa beruht auf einer wahren Begebenheit. Es geht um einen Serienvergewaltiger während der Kulturrevolution. Schon diese Kombination - Gewalt, Sex und die jüngere Geschichte - ist heikel. Wang Chon: "Die Gewalt, Vergewaltigungen - das darf nicht gezeigt werden. Außerdem muss die Polizei in einem guten Licht dastehen. Daher musste sogar die Polizei den Film genehmigen."

Regisseure müssen sich immer neue Tricks einfallen lassen, um die Zensur zu umgehen. Eine Filmhandlung in die Vergangenheit zu verlegen, kann helfen. Ein Happy End erhöht ebenfalls die Chancen auf eine Drehgenehmigung, denn im Sozialismus soll die Kunst ja positiv sein. Auch internationale Preise sind gut, aber keine Garantie dafür, dass ein Streifen die Zensur passiert. Der Berlinale-Gewinner von 2014 etwa, "Feuerwerk am hellichten Tag" von Diao Yinan, durfte nur nach insgesamt 18 Änderungen und Kürzungen in Chinas Kinos gezeigt werden.

Besonders streng ist die Zensur in den staatlichen Medien. "Unter dem Firmament", der Film über den Smog in China, war deshalb im Internet veröffentlicht worden, im Staatsfernsehen hätte die Dokumentation der Journalistin Chai Jing nie gezeigt werden können. Seit dem Aus für den Film wird spekuliert, bei wem sie angeeckt ist. Vielleicht passte die politische Großwetterlage gerade nicht - vielleicht hat der Film aber auch nur einem einzigen Spitzenfunktionär missfallen. Generell gilt aber: "as erlaubt, was verboten ist, haben die meisten Mitarbeiter von Staatsmedien längst verinnerlicht. Huang Liangtian: "Nach mehr als einem halben Jahrhundert der Kontrolle sind alle so genannten Medienarbeiter als Propagandisten der Partei ausgebildet, sagt der langjährige Journalist Huang Liangtian. Jeder Redakteur ist heute Zensor der Partei. Jeder versucht außerdem, sich selbst politisch zu schützen und nicht den Nerv der Partei zu treffen."

Ringen mit Lektoren und Zensoren

Die journalistische Zensur ist dabei noch relativ klar. Es gibt Anweisungen, die manchmal schriftlich, oft nur telefonisch übermittelt werden. Chefredakteure, die sich dem nicht beugen, werden ins Ministerium einbestellt oder kalt gestellt. Schriftsteller hingegen müssen zunächst selbst entscheiden, wie weit sie gehen wollen. Manche erzählen vom Ringen um Szenen und Formulierungen mit Lektoren und Zensoren. Theatermann Wang Chong wiederum geht mit seinem jüngsten Projekt ins Ausland. Er probt in Singapur ein Stück über Jiang Qing, die Mao-Witwe und Anführerin der berüchtigten Viererbande. In China könne er so ein Stück nicht auf die Bühne bringen, sagt er. Trotzdem lässt auch er sich einiges einfallen, um die Zensur auszutricksen: "Wenn wir Aufführungen in China durchkriegen wollen, legen wir oft 'gefälschte Bilder' vor. Wir produzieren manchmal ein oder zwei Tage lang extra Videos, die wir als Probenvideos vorlegen - nur für das Genehmigungsverfahren."

Dass das auf Dauer keine Lösung ist, weiß der Regisseur natürlich selbst. Zumal unter Parteichef Xi Jinping die Freiheit der Kunst derzeit noch weiter eingeschränkt und die Kultur auf Parteilinie eingeschworen wird. Die Genehmigung für die "Vagina Monologe" hat Wang Chong letztes Jahr wieder verloren. Und auch die "Hamletmaschine" könnte er derzeit vermutlich nicht mehr in China inszenieren.

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