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Seit 01:10 Uhr Hintergrund
StartseiteKalenderblatt"Kumpel Franz" wollte nah bei den Menschen sein10.09.2010

"Kumpel Franz" wollte nah bei den Menschen sein

Vor 100 Jahren wurde Kardinal Franz Hengsbach geboren

Der Theologe Franz Hengsbach hatte wegen seiner Nähe zur Gemeinde den Beinamen "Kumpel Franz". Er ist Gründer des Bischöflichen Werks Adveniat und wurde 1988 von Papst Johannes Paul II. zum Kardinal ernannt.

Von Peter Hertel

Kardinal Hengsbach galt bei den Gläubigen als nah an den Menschen. (AP)
Kardinal Hengsbach galt bei den Gläubigen als nah an den Menschen. (AP)

Neujahr 1958: Franz Hengsbach, der erste Bischof des neugegründeten katholischen Bistums Essen, wird in sein Amt eingeführt. Auf dem Essener Burgplatz spricht er anschließend vor 15.000 Menschen:

"Nun ist der neue Bischof gleichsam hier vor Ort gegangen. Nun gehören wir zusammen. In Gottes Namen wollen wir die erste Schicht verfahren. Glück auf!"

"Kumpel Franz", wie ihn manche nannten, wollte, so sein Wahlspruch, nah bei den Menschen sein, auch bei ihren sozialen Sorgen. Als er Bischof in Essen wurde, brach gerade die erste Bergbaukrise herein. Hengsbach verhandelte mit Gewerkschaftern, Unternehmern, Politikern. Sein Wort wurde gehört.´Dabei hat sich der Ruhrbischof von seiner Herkunft aus einer katholisch-bäuerlichen Welt nie verabschiedet. Am 10. September 1910 war er im sauerländischen Velmede geboren worden. Und gelegentlich erzählte er als Bischof über den Glauben seiner Heimat, der ihn geprägt hat:

"Himmel und Erde sind darin so launig geradezu verbunden, dass man spürt: Die Gläubigkeit und auch die Griffigkeit der Sauerländer, die mit ihren schiefen Ländern fertig werden mussten und auch mit ihrem einfachen Leben, das Jahrhunderte ja unsere Heimat Sauerland gekennzeichnet hat."

Franz Hengsbach galt als fortschrittlicher Bischof im deutschen Katholizismus. Doch nach 1968 vollzog er eine Wende. In jenem Jahr fand im Ruhrbistum Essen der 82. Deutsche Katholikentag statt. Es war die Zeit der Studentenunruhen und der Demonstrationen gegen die Notstandsgesetzgebung. Auch in der katholischen Kirche gärte es: Im Aufbruchsgeist des Zweiten Vatikanischen Reformkonzils formierten sich Gruppen im Kirchenvolk. Sie opponierten gegen Papst Paul VI., der kurz zuvor seine umstrittene Enzyklika zur Geburtenregelung veröffentlicht hatte. Katholikentagsteilnehmer skandierten einen Text, der sich an ein Vorbild der APO anlehnte:

"Hengsbach, wir kommen
Wir sind die linken Frommen.
Fürchtet euch nicht."

Fast der gesamte Katholikentag stimmte in die Kritik gegen den Papst ein. Auf deutsche Oberhirten wirkte das wie ein Schock. Die Ereignisse des Jahres 1968 haben zweifellos Hengsbach wie andere deutsche Kirchenführer zu einer Kehrtwende veranlasst. Mit dem Kölner Erzbischof Kardinal Höffner argwöhnte er erschreckt, es gehe vor allem gegen den Papst, eine marxistisch beeinflusste katholische APO beginne den langen Marsch durch die Kirche, um die Hierarchie zu beseitigen. Einige Jahre danach verteidigte Bischof Hengsbach in zwei Büchlein den "wahren", für ihn leider arg umstrittenen katholischen Glauben. Zitat Franz Hengsbach:

"Als Bischof [möchte ich] das klar zur Sprache bringen, was eindeutige und gewisse apostolische und katholische [Lehre], was gesunde Lehre ist."

1972 wurde Franz Hengsbach auch gegen die lateinamerikanische Befreiungstheologie und ihre Kirche des Volkes tätig, wohl als erster europäischer Bischof überhaupt. Zitat Franz Hengsbach:
"Die sogenannte Theologie der Befreiung führt ins Nichts. In ihrer Konsequenz liegt der Kommunismus."

Sein Interesse am amerikanischen Subkontinent hatte sich bereits 1961 gezeigt, als er das Bischöfliche Werk Adveniat gründete. Seitdem spendeten die deutschen Katholiken jährlich am ersten Weihnachtstag viele Millionen Mark bzw. heute Euro für kirchliche Projekte in Lateinamerika. Dieses Werk hat Hengsbachs Ruhm in der katholischen Weltkirche begründet. Als Vorsitzender von Adveniat und als Verantwortlicher für die weltkirchlichen Aufgaben der Deutschen Bischofskonferenz wuchs ihm universaler kirchenpolitischer Einfluss zu. Zwei Jahrzehnte lang galt er als der mächtigste, einflussreichste deutsche Bischof.

1988 ernannte Papst Johannes Paul II. den Essener Kirchenführer zum Kardinal. Drei Jahre später gab Kardinal Hengsbach sein Amt als Ruhrbischof auf. Vier Monate danach, am 24. Juni 1991, ist er, 80 Jahre alt, in Essen gestorben.

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