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StartseiteBüchermarktKunst als kritische Instanz21.07.2008

Kunst als kritische Instanz

Boris Groys misstraut den großen Allgemeinbegriffen

Die Kunst des Denkens und das Denken in der Kunst. Schon lange ist die Kunst aus dem Zwang zur Dokumentation entlassen und frei geworden. Seit geraumer Zeit, wann sie beginnt, darüber ließe sich streiten, ist ihr auch die bloße Anschauung abhanden gekommen. Ohne die Gedanken der Künstler zu kennen, lässt sich ihr Werk nicht mehr ohne weiteres entschlüsseln. Obwohl sie nach wie vor auf die Anschauung angewiesen bleiben und die Dokumentation wieder zu einer zeitgenössischen Technik der Kunst geworden ist. Es ist eine verworrene Lage, in der der Kunsttheoretiker und Philosoph Boris Groys über die Kunst des Denkens reflektiert. Zumal die Bilderproduktion schon lange nicht mehr Sache der Kunst allein ist.

Von Joachim Büthe

Angesichts eines bewusstlosen und sich wiederholenden Bilderstroms wird die Kunst zur kritischen Instanz (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)
Angesichts eines bewusstlosen und sich wiederholenden Bilderstroms wird die Kunst zur kritischen Instanz (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)

"Die Frage ist, welche Position die Kunst einnehmen kann in der Situation, in der alle Bilder produzieren. Die ganze Welt produziert Bilder. Das heißt das Entscheidende für unsere Zeit ist die Tatsache, dass die Kunst ihr früheres Monopol auf die Bildproduktion verloren hat und zwar unwiederbringlich. Es ist nicht so, dass der Künstler Bilder setzt und Bilder aufstellt in einer bilderlosen Welt. Ganz im Gegenteil, der Künstler wehrt sich gegen die Bilder, wehrt sich gegen den Überfluss der Bilder. Er will diesen Fluss der Bilder stoppen, um sie genauer anzusehen und über sie zu urteilen. Zu einem gewissen Grad, wird die Kunst zur Kunstkritik."

Angesichts eines bewusstlosen und sich wiederholenden Bilderstroms wird die Kunst zur kritischen Instanz, denn eine andere haben wir nicht. Es ist aber nicht nur die unermüdliche Bilderproduktion der Massenmedien, dem sie sich zu stellen hat. Auch wir selbst, jeder einzelne von uns, steht unter dem Zwang, sich ästhetisch zu präsentieren. "Die Pflicht zum Selbstdesign" heißt gleich der erste Aufsatz in diesem Band. Früher, in gläubigeren Zeiten, hat man sich mit der Gestaltung der Seele beschäftigt. Heute gilt die ganze Aufmerksamkeit dem Körper, und auch im Anti-Design manifestiert sich eine Haltung, zum Beispiel Gleichgültigkeit. Diese Verschiebung in glaubenslosen Zeiten, die Groys konstatiert, bedeutet jedoch nicht, dass man sich aus der christlichen Tradition gänzlich verabschiedet hätte.

"Es gab mal eine Unterhaltung zwischen einem berühmten byzantinischen Heiligen und seinem Schüler. Der Schüler hat ihn gefragt, warum christliche Ikonen immer bekleidete Menschen zeigen und niemals nackte, wie in der Antike, der klassischen Antike. Und da hat er gesagt, weil sich die Antike nur für die Körper interessiert, das Christentum aber für die Seele. Die Seele kann sich aber nicht anders manifestieren als durch die Kleidung. Das heißt die Funktion der Kleider ist es, Zeichen zu setzen, die den Anderen verweisen auf das Innere."

So einfach ist es also nicht mit dem Körper und der Seele, schon gar nicht bei Groys. Wenn er sich der Begriffe annimmt, beginnen sie zu tanzen und selbst so fest gefügte Gegensätze wie Leben und Tod verschwimmen. In einer völlig durchgestylten Umgebung zum Beispiel verliert der Mensch seine Lebendigkeit, er wird zum Accessoire der Dinge. Und der Traum von der Unsterblichkeit ist mit dem Verschwinden der Seele auch nicht aus der Welt.

" Wir glauben jetzt, im Unterschied zu früheren Zeiten, dass die Seele stirbt, aber die Leiche überlebt. Die Leiche jetzt in erweitertem Sinn, das heißt Aufzeichnungen, Bücher, Texte, Erinnerungen, die materiellen Reste der menschlichen Existenz überleben uns. Wir glauben das, obwohl dieser Glaube genauso grundlos ist wie der klassisch katholische Glaube, der christliche Glaube an die Unsterblichkeit der Seele. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen einfach nicht anders können als diese virtuelle Leiche, die eigene Leiche zu gestalten. Sonst würde man überhaupt keine Bücher schreiben und überhaupt nicht über den eigenen Tod hinaus planen. Das tun aber alle. Man würde auch kein Geld akkumulieren, sondern sofort das alles verbrauchen, was man hat. Eine gewisse Geldsumme ist auch so ein Körper, so eine Leiche unserer aktuellen Existenz."

Auf Bilder von Krankheit und Tod stößt man in diesem Buch immer wieder. Da wird das Archiv allgemein und das Museum speziell zum Friedhof, in dem die Objekte der Sammelleidenschaft aufgebahrt werden. Das Kunstwerk wird zum Patienten, der im Museum aus dem Lebenszusammenhang herausgerissen und zur Ruhe gebettet wird, um gelegentlich vom Kurator oder vom Betrachter reanimiert zu werden. Wer darin einen Protest gegen die immer mehr um sich greifende Verpflichtung zur Gesundheit sieht, liegt sicher nicht ganz falsch. Mehr noch aber ist es ein Verweis auf die ästhetische Tradition der Moderne.

"Wenn man sich die Geschichte der modernen Kunst ansieht, das ist die Geschichte der Krankheit. Sie beginnt mit der Décadence, Ende des 19. Jahrhunderts. Es beginnt damit, dass man alles, was lebendig ist, alles, was gesund ist, schon irgendwie in Auflösung, als krank imaginiert, dass man Verwesung antizipiert. Das sieht man auf vielen Bildern der Moderne. Dass man eine extreme Reduzierung von allem Lebendigen bis hin zum schwarzen Quadrat praktiziert usw. usf. Das heißt die Kunst war immer schon skeptisch in Bezug auf diese ständige Beschwörung des Lebens und der Gesundheit. Und ich glaube schon, dass mein Buch in dieser Tradition steht."

Neben Essays, unter anderem zur "Politik der Unsterblichkeit" und zu den Bildern des Terrors, enthält der Band auch brillante Analysen zu Andy Warhol und Ilya Kabakov, sowie eine Lobrede auf den Herausgeber Peter Weibel, deren Hereinnahme sich eben dieser besser verkniffen hätte. Dem Kern der Groysschen Denkbewegungen ist man jedoch auf der Spur, wenn man sich seine Verschleifungen des scheinbar Gegensätzlichen näher ansieht. Es ist ein antihierarchisches Denken, das den großen Allgemeinbegriffen zutiefst misstraut.

"Was ich sicherlich anstrebe ist so etwas wie ein Paradox, aber nicht im Sinne einer witzigen Bemerkung oder was auch immer, sondern, ich möchte zeigen, dass pro und contra sich irgendwie ausbalancieren. Das man nicht beweisen kann und nicht zeigen kann, das eine ist eigentlich, das andere nicht, das eine überwiegt, das andere nicht, das eine ist gut, das andere schlecht. Ich möchte mich selbst und den Leser in einer Unbestimmtheit und Unentscheidbarkeit verweilen lassen. Ich möchte zeigen, dass es diese verpflichtenden Wertungen einfach nicht gibt und dass man, wenn man sich entscheidet, in die eine oder andere Richtung, auch nicht weiß, wo für man sich eigentlich entschieden hat. Geht man in eine Richtung, gerät man gleichzeitig in eine andere. Man ist immer in einer verworrenen, unbestimmten Lage und in dieser verworrenen Lage müssen wir agieren."

Boris Groys: Die Kunst des Denkens
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Peter Weibel
Philo Fine Arts (Fundus-Bücher Nr. 169), geb., 260 S., Euro 18,00

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