Corso / Archiv /

Kunst auf Plakatwänden

Kunstwerke auf Werbeflächen in Berlin

Von Oliver Kranz

In Berlin wird Kunst auf Werbeflächen gezeigt.
In Berlin wird Kunst auf Werbeflächen gezeigt. (AP)

Kunst, die normalerweise in Museen hängt, wird auf Plakatwänden in Berlin präsentiert. Eine Werbefirma stellt 14 Tage lang dafür ihre Flächen zur Verfügung. Neben Künstlern aus dem klassischen Kunstbereich werden auch Werke von Tofa gezeigt, der einen Streetart-Hintergrund hat.

Die Plakatwände stehen an Straßen, die nicht gerade zum Flanieren einladen. Sie sind riesig. Die Fläche, die der Medienkünstler Tofa füllen darf, ist zehn Meter breit und zwei Meter hoch.

"Das ist hier zentral an der Kreuzung gelegen. Das heißt man hat viel Ampelverkehr, wo Leute anhalten, gucken und eine Minute Zeit haben oder eine halbe, mal etwas wirken zu lassen."

Tofa kennt sich mit Werbung aus. Bürgerlich heißt er Christopher Noelle und ist Artdirector im Berliner Technoklub Tresor. Er entscheidet, wie der Klub aussieht - von der Raumgestaltung bis hin zum Logo auf den Tresor-T-Shirts.

Für die Plakatwand hat er ein Muster aus weißen und schwarzen Strichen entworfen, die so ineinander verschachtelt sind, dass sie dreidimensional wirken.

"Das wird mit der Hand aufgemalt. Das ist im Prinzip eine Mischtechnik aus klassischer Malerei mit Acrylfarbe, wetterfest natürlich, und Stencils. Also eine Mischung zwischen zwei verschiedenen Macharten."

Stencils sind Sprühschablonen, wie sie auch von Graffiti-Sprayern benutzt werden. Tofa hat seine Bilder früher an Häuserwände gesprüht, ohne um Erlaubnis zu bitten. Das macht er heute nicht mehr.

"Interessant wird es, wenn das Ordnungsamt vorbeikommt und denkt, man arbeitet nicht legal. Solche Situationen sind dann eher das, wo ich Interesse dran habe, ein bisschen Reiberei zu haben mit dem Publikum, das da vorbei läuft."

Tofa ist der einzige Künstler mit Streetart-Hintergrund, der sich an der Ausstellung beteiligt. Alle anderen kommen aus dem klassischen Kunstbereich.

Initiator ist die Firma AV-Außenwerbung, die sich auf Werbung für Kulturveranstaltungen spezialisiert hat. Auf ihren Plakatwänden werden normalerweise Konzerte, CDs oder Filme angekündigt. Doch im Sommerloch sind nicht alle Flächen vermietet. Da fiel es dem Geschäftsführer leicht, großzügig zu sein.

"Berlin hat in den letzten Jahren immer davon profitiert, Raum für Kunst zu bieten und bereitzustellen. Dieser Raum wird immer enger. Hier wollen wir gegensteuern."

Alexander Veitengrubers Firma stellt nicht nur die Flächen zur Verfügung, sie bezahlt auch die Reproduktion der Kunstwerke in Plakatform. Zu sehen sind Fotos, Collagen und Gemälde, die auf Papier gedruckt werden. Nur wenige Künstler kreieren für die Plakatwände neue Werke.

Reproduktionen auszustellen, ist natürlich ein Risiko - das weiß auch Julia Schramm, die Fotos ihrer Ölgemälde zeigen wird. Die Plakate wirken anders, als die Originale.

"Weil man die Oberfläche vom Ölbild nicht mehr mitbekommt, die Materialität. Weil die Bilder eigentlich sehr viel Struktur haben. Das fällt weg. Aber ich bin gespannt, was übrig bleibt, wenn man diese glatte Fläche hat."

Julia Schramm malt menschliche Körper mit stark verwischten Konturen, Geisterwesen, die sich in Luft aufzulösen scheinen. Doch das erkennt man nicht auf einen Blick – schon gar nicht auf einer belebten Straße. Drei Bilder will Julia Schramm auf der ihr zur Verfügung stehenden Plakatwand zeigen – nicht wie in der Galerie vor einem weißen Hintergrund, sondern vor einem Schwarzen.

"Das ist auch ein Teil des Experimentes und ich hoffe, dass die dadurch noch kräftiger rauskommen. Mal schauen, wie das funktioniert."

Angst, dass ihr Image als Künstlerin durch die Aktion leiden könnte, hat Julia Schramm nicht. Natürlich ist ihr bewusst, dass sie der Firma AV-Außenwerbung hilft, sich als kulturbegeistertes Unternehmen darzustellen. Doch der Vorteil liegt, wie sie sagt, auf beiden Seiten. Die Werbefirma stellt Flächen an vielbefahrenen Straßen zur Verfügung. Kunst, die dort präsentiert wird, erreicht auf jeden Fall ein großes Publikum. Davon ist auch Tofa überzeugt.

"Würde ich als Künstler mir die gleiche Fläche kaufen wollen für den Zeitraum, dann könnte ich mir das Budget nicht leisten. Insofern ist es ein fairer Deal."

Völlig unabhängig vom Kommerz agiert in der Kunstwelt ohnehin niemand. Künstler müssen ihre Werke zeigen, um bekannt zu werden, und mit dem Bekanntheitsgrad steigt ihr Marktwert. Von der Aktion "Kunst braucht Fläche" profitieren also alle – die Künstler, die Werbefirma und das Publikum.



Mehr bei deutschlandradio.de

 

Externe Links:

Kunstprojekt der AV-Aussenwerbung

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Corso

Tony Visconti zum 70.Kein Ruhestand im Studio

Der Musikproduzent Tony Visconti in seinem Element

Mit Tony Visconti wird heute einer der einflussreichsten Produzenten der Popgeschichte 70 Jahre alt. Geboren und aufgewachsen in Brooklyn, hat er den Sound von Weltstars wie David Bowie oder Marc Bolan (T. Rex) geprägt und damit Publikum wie Kritiker gleichermaßen überzeugt.

Corso-Gespräch"Wir berichten, bevor wir recherchieren!"

"Postillon24 - Wir berichten, bevor wir recherchieren" Die Satire-Website "Der Postillon" kommt zum NDR: Ab dem 25. April 2014 wird es immer freitags um 0.00 Uhr im NDR Fernsehen 15-minütige satirische Nachrichten unter dem Titel "Postillon24 - Wir berichten, bevor wir recherchieren" geben. Präsentiert von Anne Rothäuser und Thieß Neubert (Foto).

Im Netz folgen schon Tausende dem satirischen Nachrichtenportal "Der Postillon", das 2013 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde. Nun startet die Site den Angriff auf die alten Medien: In der Nacht auf Samstag laufen die TV-Nachrichten "Postillon24" ab Mitternacht im NDR. Corso hat die Moderatoren getroffen. Ihr Motto: "Wir berichten, bevor wir recherchieren!"

Hip HopNew Yorker Street Credibility

Was haben die Rapper Notorious B.I.G., Ol' Dirty Bastard und MCA gemein? Sie stammen aus New York, sind Ikonen des Hip Hop und bereits tot. Nun sollen in ihrer Heimatstadt Straßen nach ihnen benannt werden - zumindest wenn es nach dem Hip-Hop-Aktivisten LeRoy McCarthy geht. Aber die Lokalpolitik will nicht so recht mitspielen.