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StartseiteBüchermarktKunst der Polemik19.02.2004

Kunst der Polemik

Hans Ulrich Wehler über Deutschland, Europa, die Türkei

Hans-Ulrich Wehler führt ein Doppelleben. Einerseits ist er, trotz Emeritierung, immer noch Deutschlands wichtigster Historiker, der Mann, der an der Reformuniversität Bielefeld eine sozialwissenschaftlich orientierte Geschichtsschreibung betrieb – und lehrte. Der Wissenschaftler Wehler ist immer noch höchst aktiv, sein Opus Magnum, die <em>Deutsche Gesellschaftsgeschichte</em>, ist beim entscheidenden vierten Band angelangt und beschreibt unter dem fragwürdigen Leitmotiv der "charismatischen Herrschaft" die Zeit zwischen 1914 und 45, ein fünfter Band über die Bundesrepublik soll folgen.

Christian Gampert

Hans-Ulrich Wehler (Deutschlandradio)
Hans-Ulrich Wehler (Deutschlandradio)

Andererseits aber gibt es den politischen Publizisten Hans-Ulrich Wehler, der sich mit Lust in alle möglichen Debatten einmischt. Zu der in rechten Kreisen umstrittenen Wehrmachtsausstellung und den nationalsozialistischen Infektionen der Wehrmacht-Führungsspitze liefert er eine ebenso luzide motivische Analyse wie zum neuen deutschen Opferkult, der sich im lautstarken Beklagen des Bombenkriegs gegen das Deutsche Reich ausdrückt: nicht die Beschreibung des alliierten Luftkriegs gegen Deutschland durch den Berliner Publizisten Jörg Friedrich sei verwerflich, so meint Wehler, sondern die (charakteristischerweise) fehlende historische Einbettung des Themas. So werde der Aggressor Deutschland in der Endphase des zweiten Weltkriegs dann zum Opfer stilisiert.

Der publizistische Coup, mit dem Wehler letzthin am meisten Staub aufgewirbelt hat, war seine Polemik gegen den EU-Beitritt der Türkei: da waren die kulturrelativistischen Gutmenschen aus dem grünen Lager schwer beleidigt, als Wehler mal eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung einer türkischen EU-Mitgliedschaft vorlegte.

"Die Selbstzerstörung der EU durch den Beitritt der Türkei" hieß der Aufsatz, der in dem jetzt vorliegenden Essay-Band Wehlers an prominenter Stelle wieder auftaucht. Und auch im Interview hält Wehler mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg:

Es taucht ein Problem auf, das wir den "imperial overstretch" nennen: die Dehnung eines großen politischen Verbandes durch all die Aufgaben, die ihm zugemutet werden. Wenn man die Bevölkerungsentwicklung vorsichtig hochrechnet, käme man auf einen Block mit 90 Millionen Muslimen, die in die Europäische Union aufgenommen würden, obwohl sie nichts mit Europa zu tun haben. Sie gehören zu einem Land, das seit der Regierung Kemal Atatürks in den 20iger, 30iger Jahren versucht hat, das politische und das Rechtssystem Europas allmählich hier und da zu kopieren. Aber die politischen Traditionen des Landes, seine Sozialverfassung, seine marode Wirtschaft (das ist ein Fass ohne Boden) – die Brüsseler Behörde rechnet für den Aufnahmefall mit 45 Milliarden Euro allein an Subventionen, um die Türkei hochzupäppeln. Und dann bin ich der Meinung, obwohl das Argument bei manchen nicht als schick gilt, dass es einen tiefen kulturellen Graben gibt zwischen den europäischen Ländern der EU, die im Grunde dem christlichen Kulturkreis angehören, wie blass das auch mancherorts geworden ist, die alle die Aufklärung erlebt haben – und einem Land, das, so finde ich, jetzt den Niedergang der säkularisierten Türkei erlebt und ein Vordringen des Islamismus. Der Wahlsieg von Erdogan und seines Vorgängers Erbakan zeigt, dass da eine mehrheitsfähige Strömung ist.

Man sollte meinen, dass der Wissenschaftler Wehler sich vom erfrischenden politischen Polemiker Hans-Ulrich Wehler signifikant unterscheidet. Das ist aber mitnichten so, und hier liegt auch das Problem von Wehlers voluminöser Deutscher Gesellschaftsgeschichte. Der vierte Band besticht, wie die vorangegangenen, durch stupende Stofffülle und Materialkenntnis; man muss schon ein wenig in die Knie gehen vor soviel Belesenheit. Andererseits ist die Darstellung durchaus parteiisch. Wehler scheut sich nicht vor flotten Urteilen, wo Zurückhaltung vielleicht weiser wäre; vor allem, wenn die Irrtümer der Linken in den zwanziger Jahren betrachtet werden, die der Sozialdemokrat Wehler letztlich nach dem Kriterienkatalog eines aufgeklärten Bundesrepublikaners abarbeitet - Kriterien, die epochebedingte Pathologien, zum Beispiel die Feindschaft zwischen KPD und SPD, nicht wirklich von innen heraus hermeneutisch erfassen können.

Allerdings verändert Wehler nun, da es um den Zeitraum zwischen 1914 und 1949 geht, seine angestammte Position einer erklärtermaßen sozialwissenschaftlichen, oft auch statistiklastigen Geschichtsschreibung. Jetzt, da die krisenhafte Phase der Weimarer Republik und schließlich des Nationalsozialismus behandelt wird, ein zweiter Dreißigjähriger Krieg, wie Wehler sagt, erweist sich das Aufzeigen der historischen Bedingungen allein als unzureichend; jetzt muss es auch wieder vermehrt um die historisch handelnden Personen gehen. Hitler rückt ins Zentrum der Analyse – und damit die Frage, wie man dieser Figur methodisch beikommt.

Erstaunlicherweise verzichtet Wehler, der in den siebziger Jahren die Nutzbarmachung der Psychoanalyse für die Geschichtswissenschaft verfocht, aber auf jedes psychologische, auch massenpsychologische Instrumentarium. Man erinnere sich an Erich Fromms Analyse Hitlers als eines nekrophilen Charakters. Stattdessen bietet Wehler: Handlungstheorie. Er behält sein bewährtes Darstellungs-Schema bei, die vier Achsen Wirtschaft, Sozialstruktur, politische Herrschaft, Kultur. Und so wird einerseits der Nationalsozialismus konsequent, wie bei Martin Broszat, in einen historischen Rahmen gestellt – insofern er in Wehlers Sicht kein Unfall war, sondern Produkt einer langen Entwicklung, der Lösungsversuch einer sehr spät entstandenen, nach Größe hungernden, industriell weit entwickelten und durch den ersten Weltkrieg gedemütigten Nation.

Andererseits taucht nun der von Max Weber entlehnte Begriff der "charismatischen Herrschaft" auf, den Wehler schon bei Bismarck ausprobierte und mit dem er nun Hitler in den Griff zu bekommen sucht:

Max Weber hat die Vorstellung entwickelt, dass manchmal in der Geschichte, in einer Zeit existentieller Krisen, jemand auftaucht, den die Gesellschaft oder der Verband, in dem er lebt, als einen Propheten kommen sahen und sich wünschten, und dass diese Figuren dann durch hervorragende Leistungen oder durch Menschenführung den Lauf der Dinge verändern können. Das hat Ähnlichkeit mit einer Ellipse: es gibt zwei Brennpunkte: das eine ist die Gesellschaft, die auf einen solchen Propheten oder Messias wartet, eine schwer angeschlagene Gesellschaft – und auf der anderen Seite jemand mit einem spezifischen politischen Talent. Bei Hitler, der als anonymer Soldat des ersten Weltkriegs in München auftaucht und sich vorher in Wien als Asozialer durchgeschlagen hatte, ist es vor allem sein rhetorisches Talent. Was dazu führt, dass er im Nu Tausende in den Münchner Bierkellern der rechtsradikalen Szene fasziniert, und dann entsteht so ein Prozess der Bestätigung seines Selbstbewusstseins. Und zwei Jahre später spricht man schon von einem bayerischen Mussolini. Und Hitler besitzt eben diese Gabe, Unternehmer und Offiziere auf seine Seite zu ziehen; und das erreicht er vor allem durch Massenveranstaltungen.

Wehler zeigt die Anfälligkeit der alten Eliten – Großindustrie, ostelbische Landjunker, Reichswehr, Beamtenschaft, Professorenschaft, Bildungsbürgertum - für den vermeintlichen neuen Messias. Diese in ihrem Machtbedürfnis in Weimar frustrierten, monarchistischen Gruppen hungerten angeblich nach einem neuen Bismarck. Nationalismus gingen da eine unheilvollen Melange ein, auch werden Ludendorffs Träume von einem Ost-Imperium durch Hitlers Lebensraum-Philosophie lediglich neu interpretiert.

In der Zeit der Hyperinflation und Massenarbeitslosigkeit in den 20iger Jahren tendiert aber auch die Arbeiterschaft zu radikalen Lösungen, und zwar nach links wie nach rechts. Manch einer findet seine klassenlose Gesellschaft in der braunen Volksgemeinschaft. So stirbt die Demokratie im "Zangengriff" von KPD und NSDAP, so diagnostiziert Wehler unter Zuhilfenahme einer klassischen Interpretationsfigur und der Totalitarismustheorie.

Und der selbst dem linken Spektrum zuzurechnende Wehler geht gerade mit den linken Parteien hart ins Gericht: die Todfeindschaft zwischen KPD und SPD verhinderte in Weimar eine wirksame Alternative zur Hitlerbewegung. Wehler sieht auch in diesen linken Parteien totalitäre Züge: ihr messianischer Glaube an eine Utopie verhinderte sinnvolle Kompromisse.

Gnadenlos, um noch einige Jahre an das Ende des ersten Weltkriegs zurückzuspringen, fällt Wehlers Urteil über die oft idealisierte Rosa Luxemburg aus. Wehlers Hartherzigkeit wird für manche erschreckend sein.

Wenn jemand den Bürgerkrieg nach anfänglichen Bedenken mitträgt und in einem besiegten und chaotischen Land noch einmal einen Krieg im Innern entfesselt, dann hab ich keine emotionalen oder intellektuellen Sympathien mehr. Rosa Luxemburg wird ja immer – weil sie ja imponierend Deutsch gelernt hat und schreiben kann – etwas verklärt; aber die ist hasserfüllt. Zumal nach den Jahren im Gefängnis: die Bestie des Kapitalismus muß gezähmt werden...Na gut, was passiert, wenn Sie im Bürgerkrieg von der überlegenen Gegenpartei erwischt werden? Sie werden entweder sofort erschossen, Sie kommen abends vor ein Standgericht und werden vor ein Peloton gestellt und erschossen. Das Schreckliche ist, dass ...

Aber sie ist ermordet worden....!

Ja, okay, dass man sie mit Kolben erschlägt. Ich kann nicht finden, dass diejenigen, die von den Kommunisten während des Aufstands erschossen und erschlagen wurden, ein anderes Urteil verdienen. Der Bürgerkrieg ist die schlimmste innere Konfliktform, die es gibt. Und Leute, die bewusst zum Bürgerkrieg aufrufen, in einer Gesellschaft, in der dieser Krieg nicht zu gewinnen ist...da hab ich weder emotionale noch politische Sympathien für Menschen, die den Bürgerkrieg auslösen.

Es geht hier nicht um Denkmalpflege oder Pietät, aber bisweilen scheint es, dass Wehler die historischen Protagonisten für Dinge verantwortlich macht, die damals noch höchst unklar waren: die Weiterentwicklung der sozialistischen Bewegung und die Chancen für eine Revolution zum Beispiel.

Andererseits analysiert Wehler überzeugend den Nationalsozialismus als eine Volksbewegung, in der auch die Arbeiterklasse entscheidend mittat – das ist wahrscheinlich die bittere Wahrheit. In der Frage des Holocaust dagegen hält Wehler immer noch Hitler für die entscheidende Figur: er war die letzte Instanz, die die Erlaubnis zum Töten gab. Aber er hatte eben Anhänger, die ihm willig folgten – und die von Wehler eher unterschätzt werden: der Anteil der Intellektuellen, der Wissenschaft am Holocaust bleibt eher unterbelichtet.

Manches an dieser engagiert geschriebenen Erkundung des Dritten Reichs und seiner Voraussetzungen scheint zu wenig aus der betrachteten Epoche selbst heraus und zu sehr ex post, aus der Vogel-Perspektive des Nachgeborenen, vor allem aus der Sicht der Bundesrepublik Deutschland vorgetragen, des nach Wehler bislang besten deutschen Staates, den er nun in einem fünften Band thematisieren will. Man darf gespannt sein, ob der Zeitraum von 1949 bis 91, ob sich die Konfrontation der Bundesrepublik mit der DDR bei Wehler zur endgültigen Apologie der Wiedervereinigung ausweitet oder ob er da jene kritische Distanz zu wahren und analytische Schärfe einzubringen weiß, die seine politischen Essays auszeichnet.

Hans-Ulrich Wehler
Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vom Beginn des ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten
C.H. Beck, 1200 S., EUR 49.90

ders.: Konflikte zu Beginn des 21.Jahrhunderts. Essays
Becksche Reihe, EUR 12.90

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