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Kunst in China

"China macht Druck. Zeitgenössische chinesische Druckgrafik", "New China - New Art", "Young Chinese Artists"

Derzeit bieten die Verlage interessante Publikationen zum Thema zeitgenössische chinesische Kunst. Während das Buch "Young Chinese Artists" die neue Generation vorstellt, bietet der Band "New China - New Art" einen hervorragenden Überblick über die Entwicklungen bis zurück in die neunziger Jahre.

Von Martina Wehlte

Auch das ist Kunst: Das neue Nationaltheater in Peking (AP)
Auch das ist Kunst: Das neue Nationaltheater in Peking (AP)

Seine Geschäftsidee verfolgt der aus Ludwigshafen stammende Jungunternehmer mit Verve. Von Hause aus weder Kunsthistoriker noch Sinologe sondern Betriebswirtschaftler, ist er kein träumerischer Idealist sondern ein Macher.

" Wir haben unter dem Namen "The Ministery of Art" eine Plattform gegründet, und im Rahmen dieser Plattform möchten wir insbesondere jungen chinesischen Künstlern die Möglichkeit geben, im Ausland sie zu promoten, das kann zum einen sein über Kunstaustellungen, das kann zum anderen sein - wie jetzt zum Beispiel in dem Fall mit dem Prestel-Buch - über Publikationen. "

Von etwa 300 Künstlern, die er zusammen mit Cordelia Steiner ins Visier genommen hat und von denen übrigens 60 Prozent im klassischen Medium der Malerei arbeiten, begegnet der Leser und Betrachter des englischsprachigen "Young Chinese Artists. The next generation" 30 Künstlern. Sie werden von professionellen Kennern und Kritikern der chinesischen Gegenwartskunst vorgestellt. Peking ist das Hauptkunstzentrum; weitere Zentren sind beispielsweise Shanghai und Chongqing (Tschungking) mit Kunsthochschulen, mit Museen, Galerien, Ausstellungshallen, dort ansässigen Kuratoren, Kunstkritikern und Magazinen. In den letzten drei Jahren ist das Interesse der chinesischen Bevölkerung an Kunst gestiegen und die Museen sind gut besucht.

Die beiden Herausgeber des "Young Cinese Artists"-Bandes, die in der 15-Millionen-Stadt Peking nicht weit vom Künstlerviertel Dashanzi entfernt wohnen und als Kunstvermittler mit der jungen Szene gut vertraut sind, haben sich ganz auf die Produktion des einundzwanzigsten Jahrhunderts konzentriert. Ihr reichhaltig und qualitätvoll bebilderter Überblick gibt davon ein relativ homogenes Bild und vermittelt den Eindruck, dass die nach 1970 geborene Generation, auf die sich die Werkauswahl beschränkt, weniger drastische Positionen vertritt als die vorangegangene sogenannte "85er-Bewegung".

Die Ausbildung der Künstler verläuft in China sehr akademisch. Im Studium stehen die Handwerklichkeit, - wie gehe ich an ein Material heran - und das technische Können im Vordergrund. Es gehört durchaus zum Lehrprogramm der Studenten, klassische europäische Werke zu kopieren, sich Kompositionsprinzipien, Stil und Technik anzueignen und später der eigenen Intention anzuverwandeln. So kommt es zu Übertragungen in den eigenen kulturellen Zusammenhang, aber auch zu einer ironischen Kommentierung westlicher Lebensart, Statussymbole und Kulturgüter. Zahlreiche Arbeiten spiegeln die Auseinandersetzung mit der eigenen Tradition, mit nationaler und gesellschaftlicher Identität.

Die Nationalgalerie Peking hatte mit einer großen Ausstellung erstmals 1989 auf die kraftvolle Kunstbewegung im ganzen Land aufmerksam gemacht. Kurz darauf brachte eine neue Ära politischer Gewalt ein Ende der freien kulturellen Blüte und beispielsweise Formen der Konzeptkunst verschwanden. Stattdessen kam der sogenannte zynische Realismus auf, für den Yue Mingjun ein typischer Vertreter ist. Darunter ist eine anti-idealistische Stilrichtung zu verstehen, die Bedeutungsinhalte wie zügellos, schurkenhaft, gleichgültig und resigniert enthält.

Richard Vine hat in seinem Band Bildbeispiele versammelt, die den ironisch-spielerischen Umgang mit der Ikone Mao zeigen, ihn hinter Gitter setzen oder mit einer Blüte im Mund und androgynen Gesichtszügen versehen haben. Der Einfluss von Andy Warhols Serienbildern und der Pop Art ist an einer Reihe chinesischer Kadetten-Mädchen ersichtlich, die das Ideal der kämpferischen ungeschminkten Soldatin konterkarieren, indem sie die vollen roten Lippen zum Schmollmund schürzen. Geradezu satirisch wirkt Feng Zhengjies "Chinese Portrait No 8" von 2004, das die Künstlichkeit eines Vamps á la Marilyn durch eine schrille rot-grüne Farbkombination deutlich macht.

Und: Neben einem "Hamburger"-Altarbild begegnen idealische Tonfiguren oder ein Diskuswerfer aus bemaltem Fiberglas, der in seiner sportlichen Haltung einen Anzug trägt und – ein weiterer Anachronismus – eine gelockte Haarpracht nach antikem Vorbild. Neben raumgreifenden Installationen begegnen Fotos und Standaufnahmen aus Videos und von Performances, die ein entindividualisiertes, zum Teil brutal materielles Menschenbild zeigen: Reihen von teilnahmslosen nackten Menschen, zerstückelte Körper auf einem Tablett serviert, malträtierte Haut, trostlose Personen. Eine schwer erträgliche, nachdenklich stimmende Zumutung an den Betrachter.

Als Technik durchaus lebendig ist noch der Holzschnitt, der Käthe Kollwitz zu einer bekannten Größe in China machte, und die traditionelle und auch gelehrte Tuschmalerei. In deren Manier ist bei Richard Vine eine nur wenige Jahre alte Landschaft von Yun-Fei Ji wiedergegeben, die in ihren Einzelszenen mit ihrer perspektivischen Eigenwilligkeit wie eine Erzählung gelesen werden will. Christoph Noe sagt über das Medium:

" Die Tuschemalerei, die gibt es noch, die ist auch weiterentwickelt mit zeitgenössischen Motive. Das ist der eine Aspekt, der bei uns weniger bekannt ist und der in China vielleicht gar nicht so interessant ist, das andere wiederum ist sehr spannend, wenn wir sehen, dass teilweise Stilelemente aus der Tuschemalerei dann eben in Ölgemälde übernommen wurden, als Beispiel: es gibt ja in China diese klassischen Rollenzeichnungen, wo man die Bilder entweder von oben nach unten oder von rechts nach links bzw. von links nach rechts liest und dieses Element aus der Tuschemalerei gibt es im Ölgemälde mit einem sehr zeitgenössischen Thema."

Blickt man auf die Bilder, die von den nach Mitte der siebziger Jahre geborenen Künstlern in den letzten fünf oder acht Jahren geschaffen wurden, so lässt sich ein gravierender Themenwechsel feststellen. Standen für die vorangegangene Generation als Themen Gesellschaft und Gesellschaftskritik im Vordergrund, so sind es für die junge Generation Individualität und Individualisierung.

"Dieser Wandel und Werteverlust kann auch zu einem Gefühl von Zerrissenheit führen. Ich glaube, diese Zerrissenheit sehen wir in sehr vielen Bildern. "

Da ist zum Beispiel ein kleiner, verlorener Junge mit gesenktem Blick, der in Li Jikais Bildern der traurige Held ist und keine Spielkameraden, keine Geschwister hat: ein Reflex auf die propagierte Ein-Kind-Ehe, auf deren Einzelkindern ein hoher Erwartungsdruck und Einsamkeit lastet. Beziehungslosigkeit herrscht auch in der exklusiven Konsumwelt oder den Fitness-Studios von Chi Peng. Und selbst die Geschwister- oder Liebes-Paar-Beziehungen in den Fotos von Li Yu und Liu Bo sind nicht mehr als ein emotionsloses Nebeneinander. Woher dieses trostlose Lebensgefühl, diese innere Leere, die unsichtbaren Tränen und verschwiegenen Sehnsüchte kommen, wird in den Begleittexten durchaus deutlich.

" Wichtig war es, in unserem Buch nicht nur die Kunst zu haben, sondern die Kunst auch im Kontext zu sehen. Wir wollten sagen, was hat denn die Künstler die letzten dreißig Jahre über geprägt, damit man sich die Stufe vorher ansehen kann, also was ist in der Wirtschaft passiert, was ist in der Politik passiert, wie hat sich der Lebensstandard entwickelt, um dann Rückschlüsse ziehen zu können, warum malen die eben so, wie sie heute malen. "

Das ist den Herausgebern gelungen und der Vergleich zwischen den Künstlergenerationen ist erhellender als ein sozialgeschichtlicher Vortrag über Chinas jüngere Vergangenheit und Gegenwart.

China macht Druck. Zeitgenössische chinesische Druckgrafik.
Hg. von Oliver Kornhoff und Isabell Schenk-Weininger. Deutsch/Englisch, 144 S., Preis: 25,- €. Kehrer Verlag.

New China – New Art.
Richard Vine. Englisch, 240 S., Preis: 49,95 €. Prestel Verlag.

Young Chinese Artists. The next generation.
Hg. Von Christoph Noe und Cordelia Steiner. Englisch, 296 S., Preis: 39,95 €. Prestel Verlag.

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