Freitag, 15.12.2017
StartseiteInterview"Wir brauchen mehr Poesie, mehr Musik, mehr Philosophie"02.04.2017

Kunst in prekären Zeiten"Wir brauchen mehr Poesie, mehr Musik, mehr Philosophie"

Documenta in Kassel und Athen, Biennalen in Venedig, Istanbul und Lyon: 2017 wird das Superkunstjahr. Kunst könne die Welt zwar nicht retten, aber sie sensibilisiere für eine größere Unabhängigkeit, erklärte der Kurator und Kunstexperte Kasper König im DLF. Die aktuelle Situation sei prekär, und darum sei Kunst gerade besonders wichtig.

Kasper König im Gespräch mit Jonas Reese

Kaspar König (dpa/picture-alliance/Friso Gentsch)
Der Ausstellungsmacher und Kurator Kasper König sieht Kunst jeglicher Form als Antwort auf die prekären Verhältnisse in der Welt. (dpa/picture-alliance/Friso Gentsch)
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Jonas Reese: 2017 wird das Superkunstjahr. Ein Großereignis jagt da das nächste: Documenta in Kassel und Athen, Biennalen in Venedig, Istanbul und Lyon. Und die Skulpturen-Projekte in Münster. So viele Kunst-Events sind selten. Und mehr gehen wohl auch kaum. Droht da die Überdosis Kunst? Das habe ich Kasper König gefragt. Kurator der Skulpturen-Projekte und einer der bedeutendsten Ausstellungsmacher in Deutschland.

Kasper König: Nein, das glaube ich nicht, weil sie doch sehr, sehr unterschiedlich sind. Ich kann natürlich nicht umhin, in eigener Sache zu reden, weil Münster ist schon ungewöhnlich. A kostet es keinen Eintritt, umsonst sozusagen, und es ist draußen. Ich glaube, dass dieser Sommer möglicherweise so was wie eine Geschichte schreiben wird, weil die prekäre politische Situation, dass diese autoritären Leute solch eine Dominanz haben, wie Trump, der sagt, wir bauen jetzt eine Mauer in Mexiko, die Mexikaner sollen die bezahlen, das sind ja ekelhafte Attitüden. Und die Leute, die das unterstützen, sind die doppelten Verlierer. Der spielt sich auf, Lügenpresse, Wutbürger und so weiter, und die, die ihm folgen, sind eigentlich die, die ohnehin wirklich berechtigte Angst haben, ihren Status aus der Mittelklasse zu verlieren. Und da werden Methoden angewandt, die wir jetzt aus Polen hören, die wir quasi aus dem eigenen Land kennen, aber da ist es doch noch Gott sei Dank irgendwie transparent, und es ist natürlich brandgefährlich, aber es ist viel wichtiger, dass man die Gefahr erkennt, und das ist ja eigentlich ganz gut.

Aber ich weiß nicht: Vor zweieinhalb Monaten gab es eine Wahl in Österreich und es hätte sehr wohl ein Faschist sein können, der da Bundespräsident geworden wäre. Das ist aber nicht so gewesen und wenn es so gewesen wäre, würden wir heute anders miteinander reden.

Die Situation ist prekär und Kunst, wissen wir alle, wird die Welt nicht retten und auch nicht unbedingt verbessern, aber die sensibilisiert für eine größere Unabhängigkeit, Scharfstellen, Populismus zu unterlaufen. Auf der anderen Seite ist natürlich die Kunst auch wiederum System, wo man denkt, na ja, da werden viele reiche Leute ihr Schwarzgeld unterbringen und so. Es gibt eben auch die Gegenseite.

Aber Venedig ist immer toll, Kassel ist interessant, weil man konnte ja nicht ahnen, dass im Kalten Krieg so was entsteht, direkt an der DDR-Grenze, und sich ganz und gar auf die zwölf Jahre konzentriert, wo man keine modernen Gedanken haben durfte – das wurde unterbunden – und plötzlich ist daraus eine Tradition gekommen, ähnlich wie auch in Münster sehr viel später. Das ist zumindest für meine Generation ungewöhnlich, dass man in Deutschland eine relativ souveräne Nachkriegssituation,-Tradition wieder hat. Man war gegen alles das und jetzt gibt es das. Und die Amerikaner – das erleben wir in Münster sehr stark -, die Künstlerinnen und so, die kommen, die sagen, so, jetzt seid ihr dran. Jetzt sind wir in einer ganz beschissenen Situation, jetzt müsst ihr uns helfen. Und das, glaube ich, ist jetzt etwas, was mit Athen und Kassel und Venedig und Münster schon sehr stark in Asien, in Afrika und so wahrgenommen wird.

"Es muss etwas geben, wo es sich lohnt, darüber sich zu streiten und zu diskutieren"

Reese: Sie sagen, wir brauchen mehr Kunst in diesen Zeiten der Krisen, der mentalen Krisen vielleicht, der wachsenden Komplexität.

König: Ja, ich würde es nicht auf die Kunst beschränken. Wir brauchen mehr Poesie, mehr Musik, mehr Philosophie. Ich würde das jetzt nicht so sehr nehmen, mehr das ästhetische Erlebnis, sozusagen die Enttäuschung, die damit einhergeht, in einem produktiven Sinne, nicht unbedingt das Ansammeln von Artefakten. Aber es muss natürlich irgendeinen Beleg geben. Es muss etwas geben, wo es sich lohnt, darüber sich zu streiten und zu diskutieren und so. Und das, würde ich sagen, trifft unbedingt zu, aber eben auch für die Literatur und für den Film und ein gutes Radio, klar!

Reese: Im Hinblick auf die anstehenden großen Ausstellungen frage ich mich dann aber: Was steht da im Vordergrund? Ist es die Politik oder doch die Kunst?

König: Nein, nein. In Münster ist es die Kunst. Da geht es um ästhetische Fragen, aber die sind nicht von oben herab, sondern die müssen eine gewisse Plausibilität haben. Die haben sie dadurch, dass es 34 Künstlerinnen und Künstler gibt, die alle ihren eigenen Standort mehr oder weniger wählen und wo es auch bestimmte Schwerpunktthemen gibt, die sich ergeben durch diesen Prozess.

Wir laden ja jene ein, von denen wir glauben, dass es perfekt ist, diese Herausforderung für sich anzunehmen und für uns wiederum auch der Sache eine kritische lebendige Dimension zu geben, wo wir intelligente Fragen stellen und keine Antworten, nicht unbedingt darauf bestehen. Das ist nicht mehr an der Methode, wie sie _77 entwickelt wurde, und die ist noch immer relevant. Die Politiker wollen gerne irgendeinen kleinen Skandal oder so; das interessiert uns nicht. Aber wir wollen tief bohren, keine Leuchttürme, sondern in die Tiefe bohren.

"Die Kunst ist wahnsinnig wichtig, man darf sie aber nicht zu wichtig nehmen"

Reese: Was ist denn da Ihr Ziel als Kurator einer Ausstellung? Was wollen Sie da bei einem Besucher erreichen?

König: Na ja, dass man ein vitales Werkzeug hat und dass man sich nicht einfangen lässt, indem das einfach nur abgefeiert wird und dann gefragt wird, was ist das nächste. Nein, wir wollen schon irgendwie quasi die Umstände zum Tanzen bringen, intelligent, emotional. Man muss es ja nicht alles gut finden, aber man muss oder sollte merken, dass das eine Seriosität hat.

Die Kunst ist wahnsinnig wichtig. Man darf sie aber nicht zu wichtig nehmen. Keine Bevormundung, keine herablassenden Sachen und so. Und das ist dann die Frage, wie ist das mit der Vermittlung. Es gibt jetzt schon über tausend Leute, die sich angemeldet haben für Führungen. Aber eigentlich ist die Ausstellung selber eine Form der Vermittlung, und da sie nur alle zehn Jahre stattfindet, ist es ein ideales Format, weil zehn Jahre ist verdammt lang. Viele Dinge verändern sich, aber man ist selber Teil dieser Veränderung. Manchmal ist es gut mit dem Abstand, ich bin ein alter Mann, arbeite aber zusammen mit der Marianne Wagner, die ist Mitte 30, und der Britta Peters, die ist 50. Das heißt, wir arbeiten mit drei Generationen und ich bin mehr sozusagen Intendant, indem ich darauf achte, dass die Autonomie das höchste Gut ist. Wir arbeiten mit Geldern von Steuerzahlern und das ist sehr wichtig. Das ist eine Form sozusagen des Öffentlichen.

Reese: Herr König, ich würde zum Ende des Interviews gerne noch mal auf den Anfang zurückkommen. Da haben Sie nämlich geschwärmt von den diesjährigen Standorten oder Schauplätzen des großen Superkunstjahres 2017, von Venedig, von Athen und so weiter. Sie haben da unsere Hörer sozusagen eingeladen, man sollte die Gunst der Stunde nutzen und da hinreisen. Aber es hat ja auch einfach was mit dem Geldbeutel zu tun. Ist die Kunst immer noch auch etwas elitär, vielleicht etwas exklusiver sogar geworden?

König: Nein! Sie fliegen nach Athen hin und zurück für 150 Euro. Die Stadt kann sehr günstig sein. Und nach Kassel fahren Sie mit dem Intercity; gut, das ist relativ teuer. Aber hier in Münster nehmen Sie sich ein Fahrrad, das mieten Sie für was weiß ich, fünf Euro am Tag und kurven da herum. Zum Beispiel die Jugendherberge das letzte Mal in Münster, die haben immerhin 860 Schlafgelegenheiten, ist vom ersten bis zum letzten Tag ausgebucht gewesen, und fast alles aus Asien, aus Korea und Japan und so weiter. Und das ist ohne Altersbegrenzung.

Ich würde zum Beispiel nicht gerne in einer Jugendherberge wohnen, aber wenn ich so 20 bin, dann würde ich immer noch in einer Jugendherberge wohnen. Das kostet nicht viel Geld. Auch in Athen oder Kassel, das kann man sehr günstig machen. Man wird nicht ausgenommen. Natürlich: In Venedig, wenn Sie auf den Markusplatz gehen, ehe Sie sich versehen: Ein Kaffee und einen Cognac, dann sind Sie 20 Euro los. Aber dann kriegen Sie wunderbare schmalzige Musik zu hören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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