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StartseiteKultur heuteAufbegehren gegen die Rückwärtsgewandten01.01.2016

Kunst in RusslandAufbegehren gegen die Rückwärtsgewandten

Die russische Gesellschaft ist nicht offen für die Freiheit der Kultur. Für ein falsches Bild kann man ins Gefängnis kommen. Wer aus der Reihe tanzt, wird sanktioniert. Die Reaktion der Künstler: Frust, Angst, Selbstzensur - und die Überlegung, auszuwandern.

Von Thomas Franke

Man sieht den früheren Museumsdirektor Juri Samodurow mit einem Papierflugzeug in der Hand. (picture-alliance / dpa / Itar-Tass)
Der frühere Museumsdirektor Juri Samodurow hat wegen einer Ausstellung schon vor Gericht gestanden. (picture-alliance / dpa / Itar-Tass)
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Es gäbe für ihn eigentlich keine Tabus, meint Andrej Mitenjow. Er ist sich aber sicher, sollte er versehentlich eines verletzen, werde das Folgen haben.

"Als Künstler kannst du jetzt ins Gefängnis kommen, weil du das falsche Bild gemalt hat. Aber das widerspricht dem Sinn von Kunst. Weil ein Künstler wohl oder übel immer sakrale Fragen berührt. Kunst ist an sich eine religiöse Angelegenheit. Denn ein Künstler denkt ja darüber nach, wie die Welt gebaut ist, und versucht, sich auszudrücken."

Andrej Mitenjow ist 41 Jahre alt, Künstler und lebt in Moskau. Er wundert sich ein wenig, dass noch nichts passiert ist. In das Fenster seines Ateliers hat er ein großes Foto gehängt. Darauf, kopfstehend ein Mann, nackt, der Kopf ist in der Erde. Einer seiner Freunde gab der Fensterscheibe mit dem Foto zwei Stunden, Mitenjow rechnete mit zwei Tagen, nun hängt das Bild bereits zwei Monate.

In seinen Werken sieht man immer wieder Eisenbahnschienen, die sich verengen, Menschen, teils ikonographisch, leidend, geknechtet. Ein großer Mann aus Teppichboden gebaut, der Kopf in Heldenpose. Der Körper jedoch verstümmelt, Teile des Körpers aufgerissen. Das Problem gehe tiefer, sagt er, das Problem sei nicht allein die Darstellung eines nackten Mannes. Mitenjows Verständnis von der Schaffensfreiheit der Künstler kollidiert mit der restaurativen Entwicklung großer Teile der russischen Gesellschaft.

"Man versucht, zu einer Orthodoxie zurückzukehren, in der es einen Kanon gibt. Das ist ein traditionelles russisches Thema: Das Bewahren von Traditionen. Wenn Europa nach Fortschritt strebt, streben wir nach dem Bewahren."

Fruchtbarer Boden für rückwärtsgewandtes Denken

Der gesellschaftliche Boden für rückwärtsgewandtes Denken ist fruchtbar. Die Sowjetunion hat die wesentlichen, emanzipatorischen Umbrüche des 21. Jahrhunderts nicht mitgemacht. So gab es zum Beispiel keine Bewegung, wie die der 68er im Westen. Die Emanzipation nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion versank im Chaos, aufgefangen wurde es durch ein immer autoritärer handelndes Regime.

Das Ergebnis ist erschreckend: Wer aus der Reihe tanzt, so die verbreitete Meinung in Russland, ist selbst schuld, wenn die Mehrheit ihn dafür bestraft. Wobei die Mehrheit immer die sind, die gerade an der Macht sind. Die ästhetischen Ideale des ultrareligiösen Mobs, der herumzieht Bilder zerstört und Ausstelllungen überfällt, sind die Ikonen aus dem 15. Jahrhundert.

Diese Fanatiker meinen, das Recht auf ihrer Seite zu wissen. Denn das Gesetz zum Schutz religiöser Gefühle verstehen sie als Einladung, alles, was vom Massengeschmack abweicht und irgendwie religiös ist, zu zerstören oder zumindest zu verhindern.

Eines der ersten Opfer dieser Entwicklung war Juri Samodurow, 2003 Museumsdirektor in Moskau und für die Ausstellung "Vorsicht Religion" verantwortlich. Die Werke waren, verkürzt zusammengefasst, Kirchen- und Kapitalismuskritisch. Orthodoxe Gläubige verwüsteten die Ausstellung und blieben straffrei. Anders die Organisatoren. Sie wurden wegen Aufwiegelung zu religiösem Hass zu Geldstrafen verurteilt. Auch Samodurow. Mittlerweile ist er im Ruhestand.

"Während des Prozesses bin ich, wenn ich abends nach Hause kam, ums Haus gegangen, habe geguckt, ob dort jemand wartet, ich dachte, ich könnte im Hauseingang überfallen und zusammengeschlagen werden – so wie das vielen Journalisten passiert ist. Aber mit der Zeit ließ das nach. Ja, ich wurde natürlich bedroht, ich war auf irgendwelchen Listen der Feinde Russlands."

Zeichen von totalitärer Gesellschaft

Die Angst, Tabus zu brechen, lähme die Kunstszene, so Samodurow.

"Moderne Kunst ist dazu da, den Leuten zu zeigen, dass etwas ganz Neues möglich ist, etwas Interessantes, mit Sinn. Aber dazu braucht man Drive und Eifer. Den sehe ich zurzeit nicht. Künstler müssen ja auch irgendwie leben, ihre Arbeiten bei Ausstellungen zeigen, es gibt Ratings."

Diese Art von Selbstbeschränkungen ist nicht allein ein Merkmal postsowjetischer Gesellschaften, es ist eine Erscheinung in jeder Art von totalitärer Gesellschaft. Auch der Moskauer Galerist Sergej Popow hat mittlerweile solche Erfahrungen.

"Die Ausstellung, die wir zum Jubiläum unserer Galerie in einem öffentlichen Raum geplant hatten - ich sage Ihnen jetzt nicht, wo das war - wurde aus politischen Gründen zensiert. Der Betreiber des Ausstellungssaals hat uns gesagt: Wir können so eine Ausstellung bei uns nicht machen."
Popow hat vor eineinhalb Jahren das erste Mal darüber nachgedacht, Russland zu verlassen.

 

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