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StartseiteKultur heuteKunst macht nervös01.07.2009

Kunst macht nervös

Eine Studie über die Wirkung von Kunstwerken auf den Körper

Im Kunstmuseum von Sankt Gallen werden Besucher an einen Art Lügendetektor angeschlossen. Damit soll gemessen werden, wie sie auf die Ausstellung reagieren. Eines stehe jetzt schon fest, so der Projektleiter Martin Tröndle: Kunst habe einen sehr starken körperlichen Einfluss.

Martin Tröndle im Gespräch mit Christoph Schmitz

Was fühlen Museums- besucher? - Das fragt das Forschungsprojekt "Emotion". (Stock.XCHNG / Thad Zajdowicz)
Was fühlen Museums- besucher? - Das fragt das Forschungsprojekt "Emotion". (Stock.XCHNG / Thad Zajdowicz)

Christoph Schmitz: Das Kunstmuseum von Sankt Gallen in der Schweiz verfügt über eine herausragende Sammlung von Monet bis Warhol, von Hodler bis Taeuber-Arp. Ihr eigentümliches Profil erhält der Bestand durch das, was zahlreiche Privatsammler zusammengetragen und dem Museum geschenkt haben.

In der aktuellen Ausstellung 11:1 stehen die Meisterwerke genauso im Zentrum wie ihre Sammler. Zugleich ist die Ausstellung Teil des Forschungsprojektes "Emotion", der Hochschule für Gestaltung und Kunst der Nordschweiz. Dabei geht es um die psychogeografische Wirkung des Museums und seiner Objekte auf das Erleben der Museumsbesucher, wie es im Programmheft heißt. Martin Tröndle ist der Projektleiter. Was hat Sie dabei interessiert, habe ich ihn zuerst gefragt.

Martin Tröndle: Was uns in dem Projekt interessiert, ist eigentlich dieser Moment, den Sie vielleicht selbst kennen: Sie gehen in ein Museum, Sie laufen an zehn, 15 oder 20 Werken vorbei, sind wenig tangiert von diesen Werken - und plötzlich bleiben Sie stehen und haben diesen Moment, diesen Wow-Moment und haben vielleicht auch noch eine Gänsehaut bekommen und sind von diesem Werk angezogen oder abgestoßen. Uns geht es darum, diese einzelnen Momente der Kunstwerdung, diese besonderen Momente zu analysieren und zu verstehen, wie die denn zustandekommen.

Schmitz: Die Daten erheben Sie durch Museumsbesucher des Kunstmuseums von St. Gallen. Welche Daten, welche Emotionen, kognitive Strömungen erheben Sie und wie machen Sie das?

Tröndle: Die Versuchsanlage, die wir in den letzten drei Jahren entwickelt haben, die ist relativ komplex. Wir haben zwei ausführliche Befragungen, eine Eingangsbefragung und eine Ausgangsbefragung. In der Eingangsbefragung werden verschiedene soziodemografische Daten abgefragt, aber auch eben die Erwartungshaltung der Besucher und Besucherinnen, die in das Museum kommen, ihre momentane psychologische Verfasstheit. Dann bekommen die Besucher einen von uns entwickelten Datenhandschuh angezogen, und dieser Datenhandschuh erlaubt uns, mehrere Messgrößen abzufragen.

Schmitz: Welche?

Tröndle: Zum einen können wir, wenn die Besucher durch die Räume gehen, fünfmal pro Sekunde bis auf zehn Zentimeter Genauigkeit deren Weg "tracken". Das heißt, wir wissen ganz genau, wo sie lang laufen, wie lange sie welches Werk anschauen, ob sie die Texte lesen et cetera.

Dann sind da zwei weitere "Rater" eingebaut, die von uns weiterentwickelt wurden. Das eine, könnte man sagen, ist so ein kleines EKG. Das heißt, wir messen die Interbeat-Intervalle, und die Interbeat-Intervalle, also die Unregelmäßigkeiten des Herzschlags, sind ein Indikator dafür, ob ein Besucher eher geistig angesprochen wurde. Und die zweite Messgröße, die wir abfragen, dafür haben wir so eine Art des Prinzips eines Lügendetektors. Dafür haben wir einen kleinen Computer entwickelt; und der misst die Hautleitfähigkeit. Und Sie kennen das: Sobald man nervös ist, bekommt man schwitzigere Hände, und das ist ein Indikator für emotionale Erregtheit.

Wichtig ist nun noch ganz kurz zu sagen: Das eine ist nicht klar nur kognitiv und das andere nicht nur emotional. Also man kann nicht denken, ohne zu fühlen, und auch nicht fühlen, ohne zu denken. Aber man kann doch die beiden Werte eher dem einen oder dem anderen zuschlagen.

Schmitz: Und diese Werte, wie werden die ausgewertet, wie werden sie gedeutet, was machen Sie damit?

Tröndle: Die Werte werden dann an unseren Server gesendet, und die Besucher, die durch die Ausstellung gegangen sind, kommen dann in eine Installation, und für jeden Besucher errechnen wir dann eigentlich ein bestimmtes Klangbild.

Wir haben in dem Projekt einen Medienkünstler mit dabei und einen Spezialisten für Sonifikation von der ETH Zürich; und es gibt einerseits Projektionen, das sind zwei große Beamer, und andererseits eben den Klang. Und da kann man dann hören in Echtzeit die emotionale und kognitive Angesprochenheit der Besucher im Museum, die sich gerade im Museum befinden. Und sehen kann man sich selbst, wie lange man verweilte, wo man eher geistig oder wo man eher emotional angesprochen wurde.

Schmitz: Sie haben ein Beispiel dafür mitgebracht, wie das klingt?

Tröndle: Ganz genau. Wir haben jetzt mal sechs Besucherinnen gemappt, und Sie hören einen kleinen Ausschnitt daraus. Der obere Ton ist jeweils das einzelne Kunstwerk, vor dem die Leute stehenbleiben - je länger sie stehenbleiben, desto öfter wird der Ton wiederholt. Und was Sie unten hören, dieses grummelnde Geräusch, das ist sozusagen gesteuert über die Herzrate und den Hautleitwert.

Schmitz: Sie machen also aus diesen empirischen Daten Klänge, ein eigenes Kunstwerk. Welche konkreten Ergebnisse liegen bisher vor? Was stellen Sie, wenn Sie das in zwei, drei Sätzen sagen müssten, fest? Wie reagieren die Leute?

Tröndle: Zunächst ist es verwunderlich, dass der Versuchsaufbau so gut funktioniert, das hätten wir selbst nicht erwartet, und dass die Ergebnisse so differenziert sind. Man sieht sehr klar, dass kein Mensch ähnlich oder auch nur gleich wie ein anderer Kunst wahrnimmt - die einzelnen Rundgänge sind eigentlich so differenziert wie die einzelnen Fingerabdrücke von Menschen - und dass die Kunstwahrnehmung einen sehr starken körperlichen Einfluss nimmt. Das sind, glaube ich, zwei Dinge, die wir jetzt schon vorwegnehmen können, bevor wir die gesamte Datenauswertung gemacht haben.

Schmitz: Martin Tröndle über das Projekt "Emotion" am Kunstmuseum von Sankt Gallen.

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