• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 17:30 Uhr Kultur heute
StartseiteKultur heuteKunst und Kamelle15.02.2010

Kunst und Kamelle

Politik und Kulturpolitik im Kölner Karneval

Die Rosenmontagszüge: trommelnde und pfeifende Uniformgruppen, die wahlweise den "Treuen Husaren" oder "Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein..." und so weiter spielen. Eine nach dem anderen ergießen sie sich gnadenlos langweilig aus dem Bildschirm, und jedes Jahr erhebt sich von Neuem die Frage, wer das sehen will.

Von Beatrix Novy

Ein Clown freut sich beim Rosenmontagsumzug in Düsseldorf. (AP)
Ein Clown freut sich beim Rosenmontagsumzug in Düsseldorf. (AP)

Seit Jahren kann der karnevalsfreie Teil der Republik auch die vielen Sitzungen verfolgen, die das immer besser vermarktete Produkt Karneval ins Fernsehen bringt – mit der paradoxen Konsequenz, dass die Kölnerin/ der Kölner sich auswärts immer fragen lassen muss, warum die Leute in den Karnevalshochburgen so verrückt sind auf die fünfte Jahreszeit.

Die Wahrheit ist, dass dieses eigentlich schlichte Vergnügen nur in der Realität funktioniert. Der temporäre Wahnsinn, mit dem man sich von vornherein auf bestimmte Spielregeln einlässt, nämlich für eine bestimmte Zeit die Verkleidung , das Singen verblödeten Liedguts und das schunkelnde Anfassen wildfremder Leute als Normalität zu akzeptieren, dieses dem Gesetz des Spiels folgende Wahnsystem funktioniert mit Selbsteinsatz, nicht durch Anschauung. Im virtuellen Sein verlischt es fast gänzlich.

Wenngleich ein Blick auf den Bildschirm, wo der Rosenmontagszug geht, auch sein Erheiterndes haben kann. Ist es nicht total interessant, zu hören, wie der eine Kommentator zum anderen sagt: "Da ist die Soundso-Gesellschaft von anno soundso. Und das hier ist der Präsident, Hans Kölschbach, seines Zeichens Jungfrau des Jahres 2001 ..."

Die Rede ist jetzt vom Kölner Rosenmontagszug. - Motto: "In Kölle jebütz". Sollen doch andere, wie die große Konkurrenz in Düsseldorf, originell sein und "Jeck we can" ausrufen – in Köln reicht es, zo bütze.

Und doch: Auch das System Karneval hat sich, in angemessener Geschwindigkeit, in den letzten Jahren verändert. Seit linksalternative Karnevalisten die rheinischen Saturnalien aus dem Muff der Sitzungssäle und von zotigen Büttenreden befreiten, seit Fortschrittler und Traditionelle sich immer näherkamen und schließlich in kölscher Manier mehr und mehr verschmolzen, seitdem kann auch der Zug nicht derselbe bleiben. Neu ist das gleich mehrfache Auftauchen kulturpolitischer Themen, im von der mittelständischen Wirtschaft dominierten Karneval galt lange, dass man sich selbst Kultur genug sei. Ein Wagen der Bürgerinitiative, die gegen den vom Rat beschlossenen Abriss des Schauspielhauses protestiert, wurde zugelassen – der Protest, der nicht durch die Weichmacher-Gremien der Karnevalsgremien gespült wurde, fuhr unter dem Titel "Ihr seid Künstler und wir nicht", was eine bitter-ironische Anklage gegen selbstgerechte Kulturpolitiker sein soll, aber auch die selbstgerechte Tonlage der Initiative wiedergibt. Ein anderer Wagen zeigt die Politik als bösen Doktor, der der armen Colonia das Herz aus dem Leib reißt – die Kultur. Der Wirtschaftsfaktor Karneval – auch ihm ist ein Wagen gewidmet – hat seine Verwandtschaft mit dem Wirtschaftsfaktor Kultur begriffen und ins Herz geschlossen. Da durfte der Mann nicht fehlen, der seit Jahrzehnten Bananen dorthin sprayt, wo er Kunst vermutet. Thomas Baumgärtel. Auf seinem Wagen sprengt eine Riesenbanane das Brandenburger Tor. Ganz beeindruckt zeigte sich Baumgärtel, dass der Kölner Karneval in diesem Jahr der Kultur so viel Raum im Rosenmontagszug spendet, Zitat: "Kunst und Karneval geben sich dort wirklich die Hand". Damit ist die Tendenz, Differenzen in einem Fass Kölsch zu ersäufen und sich versöhnlich in die Arme zu fallen, auch bei diesem neuesten Kapital des Karnevals angekommen. Ein Wagen im Rosenmontagszug – weiter kann man es nicht bringen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk