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Seit 09:05 Uhr Kalenderblatt
StartseiteKultur heuteKulturstätten im Nahen Osten retten20.10.2014

KunsthandelKulturstätten im Nahen Osten retten

Der illegale Kunsthandel hat in Syrien und dem Irak durch die fehlende staatliche Kontrolle deutlich zugenommen. Ein Gesetz, das die Einfuhr nach Deutschland beschränkt, reicht nach Ansicht der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy allein nicht aus. Mehr Unterstützung vor Ort sei unabdingbar.

Bénédicte Savoy im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

Die Ruinen der alten Handels- und Königsstadt Palmyra in Syrien sind von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden. (dpa / picture alliance / Backhaus)
Die Ruinen der alten Handels- und Königsstadt Palmyra in Syrien sind von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden. (dpa / picture alliance / Backhaus)
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Doris Schäfer-Noske: Der illegale Kunsthandel ist ein äußerst lukratives Geschäft. So schätzt das FBI, dass mit solchen Geschäften sieben Milliarden Dollar im Jahr eingenommen werden. Damit rangiert der illegale Kunsthandel bei der Organisierten Kriminalität auf Platz drei, hinter dem Drogen- und dem Waffenhandel.

Die UNESCO, aber auch die amerikanische und die irakische Regierung berichten nun derzeit über umfangreiche Plünderungen in Syrien und dem Irak. Viele Kulturstätten im Nahen Osten sind ohne staatliche Kontrolle und es verdichten sich die Hinweise darauf, dass die Terroristen des IS den illegalen Handel mit antiken Kulturgütern als eine Haupteinnahmequelle entdeckt haben. Die Bundesregierung will darauf nun mit einer Gesetzesänderung reagieren. Dazu Kulturstaatsministerin Monika Grütters:

O-Ton Monika Grütters:"Wir möchten künftig alle Kunstwerke, die hier reingebracht werden, nur dann zulassen für eine Einfuhr, wenn sie ein Ausfuhrzertifikat des nationalen Landes, aus dem sie kommen, dabei haben."

Schäfer-Noske: Ab 2016 soll es das neue Gesetz geben.

Frage an die Berliner Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy: Inwieweit hat es denn in der Geschichte erfolgreiche Initiativen gegeben, um den Handel mit Kulturgütern aus Kriegsgebieten zu verhindern?

Bénédicte Savoy: Vielleicht muss man anfangen mit der Feststellung, dass Kriege, Krisenzeiten immer gut gewesen sind, und das muss man jetzt nicht zynisch sagen, sondern leider immer gut gewesen sind für den Kunsthandel. Das kennen wir aus den Napoleonischen Kriegen, aus den Kriegen des 19. Jahrhunderts, aber auch aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Das sind Momente generell, wo Kunst zirkuliert, illegal und legal wird beschlagnahmt, kommt in Museen, in Kunsthandlungen, und immer in diesen Momenten der Krisen kommen auch die Bemühungen, das zu verhindern.

Ob diese Bemühungen historisch schon mal erfolgreich gewesen sind? Ja! Man muss wahrscheinlich sagen, ja, zum Teil. Zum Beispiel für Deutschland, wenn man hier um die Ecke guckt: Einfach diese berühmte Liste, das Verzeichnis der national wertvollen Kunstwerke, das heute noch Geltung hat, ist eine Erfindung des Ersten Weltkrieges zum Beispiel in Deutschland. Ob das die Auswanderung der Tagebücher von Alexander von Humboldt, oder der Nibelungen-Handschriften geholfen hat, das muss man noch im Detail und ganz nuanciert sich angucken. Aber das hat schon funktioniert.

Schäfer-Noske: Seit Ende 2013 gibt es bereits ein Handels- sowie ein Ein- und Ausfuhrverbot für syrisches Kulturgut in der EU. Auf der anderen Seite sagen aber Experten beim Bundeskriminalamt, dass nach deutschem Recht ein normales Hühnerei besser deklariert sein muss als die wertvollste Antike. Wie Erfolg versprechend ist denn Ihrer Meinung nach die aktuelle Gesetzesinitiative von Frau Grütters?

Mehr Unterstützung vor Ort

Savoy: Ein Erfolg ist auf jeden Fall, dass ein allgemeines Bewusstsein für diese sehr schwierigen und tragischen Fragen entsteht. Es ist traurig, dass man Kriege, Terrorismus und Organisierte Kriminalität abwarten muss, um sich daran zu erinnern, dass Kulturgüter, ob sie aus Syrien kommen, aus Italien, aus Griechenland, aus Ägypten, dass sie das Allgemeingut der Menschheit sind und dass hier alle eine Verantwortung dafür haben.

Ein Erfolg dieses Gesetzes wäre, auf jeden Fall zu zeigen, dass die Bemühungen da sind und das Bewusstsein dafür da ist. Ob das juristisch erfolgreich sein kann und wird, das kann man jetzt nicht sagen. Das ist wahrscheinlich fraglich, weil diese Organisierte Kriminalität keine Grenzen kennt, und wenn ein Land wie Deutschland sich erfolgreich abwehrt, wird diese Kunst weiter zirkulieren. Dann hat Deutschland vielleicht saubere Hände, aber der illegale Handel und die Verscherbelung, die Zerstörung dieser Kunstwerke wird trotzdem stattfinden.

Man müsste Formen der Unterstützung sich ausdenken, die vor Ort stattfinden. Die Kollegen, Museumsleute, Kunstwissenschaftler, Archäologen vor Ort sind sicherlich sehr angewiesen auf Hilfe und da kann man vielleicht etwas machen. Ob das ein gutes Gefühl sein wird, in Deutschland oder in ganz Europa sich zu sagen, ja, wir haben nichts gekauft von dort, und die Sachen sind kaputt gegangen, aber wir haben damit nichts zu tun, ich weiß es nicht. Man könnte sich überlegen, ob man die nicht versucht, ganz zu retten, diese Objekte.

Schäfer-Noske: Haben Sie da konkrete Vorschläge, welche Initiative da die Bundesregierung oder auch andere Regierungen ergreifen könnten?

Savoy: Nein, ich habe als Historikerin keine konkreten Vorschläge. Natürlich nicht. Aber ich kann mich, glaube ich, erinnern, dass Frankreich in der Zeit, als der Krieg wütete in Mali, Handschriften exfiltriert hat, dass die Bibliothèque Nationale in Paris Agenten dort hingeschickt hat, die diese wertvollen Handschriften von den Familien mitgenommen haben, um sie zu schützen eine Zeit lang und um sie natürlich sofort zurückzugeben. So etwas stelle ich mir vor. Oder in der Zeit Napoleons gab es Initiativen oder Lobbys, würde man heute sagen, von Menschen, die gesagt haben, das was in Rom geplündert wird von der napoleonischen Armee, das muss dort gerettet werden vor Ort. Es müssen große Depots dort eingerichtet werden und das Ganze darf nicht zirkulieren. Ich weiß nicht genau, wie man das machen könnte. Jedenfalls ist es ethisch vielleicht nicht ausreichend, sich zu sagen, wir haben es nicht gekauft, es ist zerstört worden, aber wir haben es nicht gekauft.

Schäfer-Noske: Das war die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy über einen Gesetzentwurf, der den Handel mit Kunst aus Kriegsgebieten verhindern soll.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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