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Kurden im syrisch-türkischen Grenzgebiet

Furcht vor der PKK und der Türkei

Von Gunnar Köhne

Die syrischen Kurden beteiligen sich bislang gering an den Demonstationen gegen Assad.
Die syrischen Kurden beteiligen sich bislang gering an den Demonstationen gegen Assad. (dpa / picture alliance / Sana / Handout)

Die Kurden leben mitten im Dreieck politischer Unruhen: im Norden des Iraks, im Südosten der Türkei und im Osten Syriens. Dort bilden sie die größte Minderheit. Die kurdische Bevölkerung zögert dabei, sich am Aufstand gegen das Assad-Regime zu beteiligen. Und die PKK verfolgt eigene Interessen.

Einst waren Kamischli und Nusaybin eine Stadt. Doch heute sind sie durch Stacheldraht und Wachposten geteilt: Kamischli liegt auf syrischer, Nusaybin auf türkischer Seite. Der einzige Grenzübergang zwischen den beiden Städten ist seit Ausbruch der Unruhen in Syrien gesperrt. Auf beiden Seiten leben überwiegend Kurden. Auf syrischer Seite demonstrieren auch sie seit Monaten gegen das Assad-Regime – Internetvideos zeigen Demonstrationen aus der vergangenen Woche, auf denen die kurdischen Fahnen grün-gelb-rot geschwenkt wurden.

In der Schwesterstadt Nusaybin auf türkischer Seite haben viele Verwandte in Kamischli. Die Händler in der Haupteinkaufsstraße kennen die Skepsis der Kurden auf der anderen Seite genau:

"Die Widerstandsbewegung dort ist ja überwiegend religiös und nicht so sehr demokratisch begründet. Darum wollen sich die Kurden an dem Kampf nicht vollständig beteiligen."

"Sie sollten sich an dem Sturz von Assad beteiligen – aber sie müssen darauf achten, dass ihre Rechte zukünftig garantiert werden."

Tatsächlich zögern die syrischen Kurden ihre Beteiligung am gesamtsyrischen Aufstand immer wieder heraus. Den oppositionellen Syrischen Nationalrat SNC verließen die kurdischen Vertreter in Protest – der SNC-Vorsitzende hatte in einem Interview erklärt, es gebe kein "Kurdistan" in Syrien. Man sei sich mit der sunnitisch-arabischen Mehrheit des syrischen Widerstandes in einem entscheidenden Punkt uneinig, sagt der in die Türkei geflohene syrisch-kurdische Oppositionspolitiker Luqman Suleiman:

"Mag sein, dass unsere Söhne eines Tages Unabhängigkeit oder Föderalismus fordern. So weit gehen wir heute noch nicht. Aber was wir heute fordern ist, dass in der zukünftigen Verfassung die Existenz des kurdischen Volkes in Syrien anerkannt wird. Das ist unverhandelbar."

Doch nicht nur mit der arabisch-sunnitischen Mehrheit des Widerstands gibt es Probleme. Auch untereinander sind die Kurden gespalten.

Das Assad-Regime versucht das zu nutzen und hat offenbar den syrischen Ableger der kurdischen PKK an sich gebunden. Abdullah Öcalan, der Chef der PKK, hatte seine Organisation jahrelang von Damaskus aus gesteuert, bis er nach türkischen Kriegsdrohungen 1999 ausgewiesen und in Kenia von türkischen Spezialkräften gefangen genommen worden war. Danach verbesserten sich die türkisch-syrischen Beziehungen zusehends: Vor zwei Jahren vereinbarten beide Staaten sogar Visumsfreiheit. Doch mit dem Ausbruch der Unruhen in Syrien und der klaren Parteinahme der Erdogan-Regierung für die Opposition wurde das syrisch-türkische Verhältnis wieder feindselig. Darum wohl ließ das Assad-Regime Schätzungen zufolge 2000 bis 3000 Kämpfer der kurdischen PKK ins Land. Die Kämpfer kommen aus dem Nord-Irak, wo ihnen die türkische Luftwaffe immer wieder zusetzt.

Ein aus Syrien geflohener kurdischer Student berichtet, dass die PKK, die sich in Syrien PYD nennt, in einigen Orten inzwischen sogar bewaffnet patrouilliert:

"Ich habe in dem Ort Afrin Checkpoints gesehen. Sie behaupten, sie wollten so Provokationen verhindern. Es scheint eine Zusammenarbeit zwischen dem Regime und der PYD zu geben. Aber welcher Art diese Zusammenarbeit ist, kann ich nicht sagen."

Der Student möchte anonym bleiben. Denn Kritiker müssen auch in der Türkei die Rache der PKK fürchten. Besonders in den grenznahen Kurdengebieten ist der politische Einfluss der PKK stark. Nusaybin gilt als Hochburg der militanten kurdischen Nationalisten, hier hat sich selbst das türkische Militär weitgehend zurückgezogen.

Im Falle eines Eingreifens der Türkei in den Konflikt in Syrien hat die PKK mit Vergeltung gedroht. Der amtierende PKK-Chef Murat Karayilan erklärte, man werde dann "ganz Kurdistan zum Kriegsgebiet" machen. Eine direkte Zusammenarbeit mit Assad bestreitet die PKK jedoch. Die Bürgermeisterin von Nusaybin, Ayse Gökkan, gehört einer Kurdenpartei an, die der PKK nahesteht. Sie will sich zu den Aktivitäten der verbotenen PKK nicht äußern. Aber einen Unterschied zwischen Assad und dem türkischen Ministerpräsidenten sieht sie nicht:

"Man kann an den Todesopfern beurteilen, ob ein Regime gut oder schlecht ist. Aber sollen wir die Opfer von Assad und Erdogan etwa gegeneinander aufrechnen?"

Die türkische Regierung beobachtet die PKK-Präsenz in Syrien mit zunehmender Nervosität. Die Zusammenarbeit der syrischen Führung mit ihrem Staatsfeind Nummer 1 hat nach einem Bericht der Zeitung "Milliyet" die Regierung Erdogan dazu gebracht, die Pläne für eine Intervention in Syrien zu konkretisieren. Offiziell kommt die Errichtung einer Sicherheitszone auf syrischem Territorium erst dann in Frage, wenn die nationale Sicherheit der Türkei gefährdet sei. Das wäre nach Meinung der Nahostexpertin Asli Aydintasbas dann gegeben, wenn Assad der PKK erlauben würde, die Türkei von Syrien aus attackieren zu dürfen:

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass das syrische Regime so dumm ist, der PKK zu erlauben , die Kontrolle in der Grenzregion zu übernehmen. Denn das würde der Türkei den Vorwand liefern, einzumarschieren. Und glauben Sie mir, die türkische Armee würde das ohne zu zögern tun. Die PKK-Führung besteht überwiegend aus Männern jenseits der 60. Sie sind es gewohnt, ständig irgendwelche Deals mit den mächtigen Führern in der Region zu ihrem Vorteil zu machen. Gleichzeitig haben sie offenbar das Ausmaß des arabischen Frühlings nicht verstanden. Sie sind ja in ihren Bergcamps von der Außenwelt abgeschnitten und wissen mit dem Internet nichts Rechtes anzufangen. Dass sie sich auf Assad eingelassen haben, wird sich als ein großes Risiko erweisen."

Denn fällt das Regime in Damaskus, dann könnte die PKK zugleich ihr syrisches Rückzugsgebiet verlieren.

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