• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 16:10 Uhr Büchermarkt
StartseiteEuropa heuteKurden klagen die PKK an26.02.2008

Kurden klagen die PKK an

Reaktionen auf die türkische Bodenoffensive

Der türkische Militäreinsatz im Nordirak löst gewaltige Unruhe in den USA und bei der Europäischen Union aus. Im Südosten der Türkei wächst derweil die Wut der Kurden - nur richtet sie sich nicht etwa ausschließlich gegen die türkische Armee, sondern auch gegen die PKK.

Ein türkischer Soldat patrouilliert an im kurdischen Senoba. (AP)
Ein türkischer Soldat patrouilliert an im kurdischen Senoba. (AP)

Ein Militärhubschrauber knattert über den Kasrik-Pass in der südosttürkischen Provinz Sirnak und verschwindet hinter der nächsten Gebirgskette. Am Boden geht es mühsamer voran. Die Landstraße ist mit Barrikaden und Stacheldraht gesperrt, am Straßenrand steht ein gepanzerter Militärtransporter. Soldaten mit Maschinenpistolen kontrollieren alle Fahrzeuge, kopieren die Daten der Insassen und überprüfen die Ladungen. Unbemerkt soll sich niemand mehr durch diese Berge bewegen können. Seit Jahren wird hier in Sirnak gekämpft zwischen der PKK und der türkischen Armee, seit ein paar Tagen verfolgt die Armee die Rebellen von hier aus in den Nordirak.

Viel Zeit, gute Nerven und einwandfreie Papiere sind deshalb notwendig, um die Provinzhauptstadt zu erreichen, die sich an einen entlegenen Berghang klammert. Das einstige Bergdorf hat sich in ein improvisiertes Lager aus Beton und Schlamm verwandelt – halb militärisches Lager für den Krieg gegen die PKK, halb Flüchtlingslager für tausende vetriebene Bewohner der Dörfer, die es in diesen Bergen früher gab.

In einem Teehaus mit Aussicht auf die schneebedeckten Berge sitzen einige der kurdischen Bauern, die früher ihre Herden über diese Hänge trieben. Seit vielen Jahren sitzen sie hier, trinken Tee und warten darauf, in ihre Dörfer zurückkehren zu können. Manche warten schon seit mehr als 20 Jahren. Der 40jährige Yusuf hat es satt:

"Wir können uns wegen des Terrors in unserer eigenen Heimat nicht bewegen, wir können unser Land nicht betreten und unseren Boden nicht bestellen, uns geht es dreckig. Seit 20 Jahren können wir unsere Felder nicht bestellen, wir möchten endlich Ruhe und etwas Glück. Und die wird erst geben, wenn die PKK erledigt ist. "

Die anderen Männer am Tisch nicken und murmeln ihre Zustimmung. In dieser Kurdenrunde zumindest hat die türkische Armee vollen Rückhalt für ihren Angriff auf die Rückzugslager der PKK in Nordirak. Mit ihrer Meinung sind die Männer nicht allein im Teehaus. An einem Tisch am Fenster sitzt Abdullah Cakar über seinem Glas Tee und wünscht den Soldaten gutes Gelingen.

"Ich halte diese Militäroperation für eine gute Sache. Die Terroristen kommen von Nordirak hierher, erschießen Soldaten und normale Leute, dann hauen sie ab und verstecken sich dort. Meinen Vater haben sie umgebracht, meine Brüder haben sie umgebracht, alle haben sie umgebracht – wofür denn? Für nichts und wieder nichts. Wer die nicht unterstützt, wird umgebracht. Der Staat hat das Recht, sie zu verfolgen. "

Auch Cakar stammt ursprünglich aus einem Dorf in den Bergen. Als 15jähriger wurde er 1985 von der PKK zwangsrekrutiert – eine damals übliche Praxis der Rebellen, die sich ihre Kämpfer mit Gewalt aus den Bergdörfern holten. Weil Cakar sich widersetzte und aus ihren Reihen flüchtete, kamen die Kämpfer wieder ins Dorf und erschossen seinen Vater und seine drei Brüder, Haci, Münir und Mehmet - der jüngste war acht Jahre alt. Ungewöhnlich war das nicht in jenen Jahren, als die PKK sich mit Furcht und Schrecken den Respekt der kurdischen Bevölkerung zu verschaffen versuchte. Viele Flüchtlinge in Sirnak haben ähnliche Tragödien erlebt, sagt Yusuf:

"Hier gibt es Waisen, deren Familien von der PKK ermordet wurden, ich kenne Leute, die bei einem einzigen PKK-Überfall 13 Verwandte verloren haben. Die Rebellen haben in den Dörfern die Lehrer ermordet, sie haben die Imame ermordet, sie haben die Schulen niedergebrannt – bis die Leute alle ihre Kinder genommen haben und in die Stadt geflohen sind. Jetzt gibt keine Dörfer mehr in den Bergen. "

Wie viele andere Kurden hat auch Abdullah Cakar jahrelang auf Seiten des türkischen Staates gegen die PKK gekämpft, in der staatlichen Kurdenmiliz, die noch heute hunderttausend Mann im Südosten der Türkei unter Waffen hat. Nach der Ermordung seines Vaters und seiner Brüder hat er sich freiwillig gemeldet, um sie zu rächen. Was ihn an der PKK bis heute am meisten aufregt, ist deren Alleinvertretungsanspruch für die Kurden.

"Ich bin ja auch Kurde. Warum zerstören sie unser Leben, warum bringen sie uns um? Warum? Weil wir anderer Meinung sind als sie. "

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk