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StartseiteHintergrundKurdistan oder: Der ewige Traum vom eigenen Staat23.06.2012

Kurdistan oder: Der ewige Traum vom eigenen Staat

Erbil ist das Zentrum der kurdischen Gebiete im Nordirak. Die Kurden genießen hier eine weitgehende Autonomie gegenüber der Zentralregierung in Bagdad. Sie erleben auch einen kleinen Wirtschaftsboom. Mit dem Aufschwung blüht ein alter Traum: ein eigener, unabhängiger kurdischer Staat.

Von Jan Kuhlmann

Die Flagge der Autonomen Region Kurdistan (picture alliance / dpa - DB Koehler Pool)
Die Flagge der Autonomen Region Kurdistan (picture alliance / dpa - DB Koehler Pool)

Der zentrale Platz im Herzen der nordirakischen Stadt Erbil. Die Männer tragen Schnurrbärte, die Frauen Kopftücher. Springbrunnen plätschern.

In den Cafés rauchen Gäste Wasserpfeife und trinken Tee. Über ihnen, auf einem 32 Meter hohen Berg, thront eine jahrhundertealte Zitadelle, das Wahrzeichen Erbils. Fast eine Idylle in dieser unruhigen Region. Die Grenze zu Syrien ist nah, der syrische Bürgerkrieg gleich um die Ecke. Die irakischen Nachbarstädte Mosul und Kirkuk liegen ebenfalls nur wenige Kilometer entfernt. Auch sie leiden unter Terror und Gewalt.

Erbil ist das Zentrum der kurdischen Gebiete im Nordirak. Die Kurden genießen hier nicht nur eine weitgehende Autonomie gegenüber der Zentralregierung in Bagdad – sie erleben seit einiger Zeit auch einen kleinen Wirtschaftsboom. Überall in der Stadt wird gebaut. Weil die Lage hier - anders als im restlichen Irak - friedlich ist, floriert der Handel. Doch mit dem Aufschwung blüht nicht nur das Geschäft, sondern auch ein alter Traum der Kurden: der Traum von einem eigenen, unabhängigen kurdischen Staat.

Einige Schritte vom Marktplatz entfernt mixt Shwan für seine Kunden Fruchtsäfte. Über die Theke seines Ladens hat der Mann mit runden Wangen und Dreitagebart eine riesige kurdische Fahne gehängt: die Farben Rot, Weiß, Grün; in der Mitte eine gelbe Sonne. Das, sagt Shwan, sei eine heilige Fahne:

"Wir sind Kurden. Und wir wollen unseren eigenen Staat haben. Die Araber haben ihre eigenen Staaten, die Engländer auch. Und eines Tages werden auch wir unsere eigenen Staat ausrufen."

Mustafa kommt dazu, ein Mann Anfang 30, der in dem kleinen Geschäft als Kellner arbeitet. Als sunnitischer Muslim stört er sich besonders an der Zentralregierung in Bagdad, die von Schiiten dominiert wird.

"Es ist das Beste für uns, wenn wir uns selbst regieren. Die eigene Regierung versteht einen am besten. Die Regierung in Bagdad hat keine Ahnung von unseren Problemen. Das ist eine schiitische Regierung, die nur für die Schiiten Politik macht. Die Sunniten sind ihr egal. Sie handelt nur im Interesse des Iran. Das ist eine schiitisch-iranische Regierung."

Mustafa hat auch eine genaue Vorstellung davon, wie groß der kurdische Staat sein sollte:

"Wir fangen im Irak an und gehen dann nach Syrien, in die Türkei und den Iran. Es wird hoffentlich ein Groß-Kurdistan."

Kurden und Iraker sind doch Brüder, lacht Ladenbesitzer Shwan noch. Und es klingt so, als würde er sich darüber lustig machen.

Der kurdische Traum von der Unabhängigkeit ist alt. Die Kurden sind weltweit die größte ethnische Gruppe ohne eigenen Staat. Sie leben im Irak, in Syrien, in der Türkei, im Iran. Aber auch in Westeuropa oder in den USA. Die irakischen Kurden genießen eine weitgehende Autonomie, seitdem die USA und ihre Verbündeten 1991 im Norden des Irak eine Flugverbotszone gegen Saddam Husseins Truppen einrichteten. Heute ist die Autonome Region Kurdistan im Irak so selbstständig, dass sie eine eigene Regierung hat und eigene Gesetze erlässt. An der Grenze vergeben kurdische Beamte sogar eigene Visa. Doch den meisten Kurden reicht das nicht aus.

Und so tun auch die kurdischen Politiker alles, um den Traum vom eigenen Staat immer wieder neu zu beleben. Regelmäßig droht die kurdische Autonomieregierung der Zentralgewalt in Bagdad mit der Unabhängigkeit. An diesem Ziel will auch Arsalan Baiz nicht rütteln. Er ist Präsident des kurdischen Parlaments, Mitglied der Regierungspartei PUK und residiert im Abgeordnetenhaus in einem prunkvollen Büro.

"Haben die Deutschen nicht auch von einem vereinigten Land geträumt? Wir Kurden sind eine Nation mit 40 Millionen Menschen. Wir träumen davon, unseren eigenen Staat zu haben. Wir wollen ihn nicht mit Gewalt erreichen, sondern die anderen davon überzeugen. Tschechien und die Slowakei haben sich auch friedlich getrennt."

Gerade in den vergangenen Monaten hat der Traum von der Unabhängigkeit neuen Auftrieb bekommen. Und das liegt nicht nur am Bürgerkrieg in Syrien, sondern auch an der labilen Lage im Irak. Kurden und andere Kritiker werfen dem irakischen Ministerpräsidenten Nuri Al-Maliki – einem Schiiten - vor, eine neue Diktatur errichten zu wollen. Die kurdische Autonomieregierung und die Zentralregierung in Bagdad liegen darüber im Streit, wer künftig die kurdischen Ölreserven erschließen darf.

Bislang fließen alle Öleinnahmen des Irak in die Kassen der Zentralregierung – auch die Profite aus den kurdischen Gebieten. Im Gegenzug überweist Bagdad 17 Prozent seines Budgets nach Erbil. Doch die Kurden wollen ihr Öl selbst ausbeuten und die Erlöse für sich verbuchen. Deswegen hätten sie auch einen Vertrag mit dem Ölmulti Exxon Mobil geschlossen, sagt Arsalan Baiz.

"Die Ölvorkommen sind eine Frage der Souveränität. Laut einem Abkommen zwischen der Zentralregierung und der kurdischen Regierung haben die Kurden das Recht, eigene Ölverträge mit internationalen Firmen abzuschließen, solange der Irak kein Gesetz erlassen hat, das den Umgang mit den Öl- und Gasvorkommen regelt."

Umstritten zwischen Kurden und Zentralregierung sind auch die nordirakischen Städte Kirkuk und Mosul, wo ebenfalls große Ölreserven liegen. Saddam Hussein hat viele Kurden von hier vertrieben. Unzählige Familien mussten ihre Häuser verlassen. Stattdessen siedelte die Regierung des Diktators dort Araber an. Nach Saddams Sturz kehrten Tausende von Kurden wieder zurück. Bagdad betrachtet die ganze Gegend bis heute als sein Territorium – doch die kurdische Regierung erhebt ebenfalls Ansprüche, macht Parlamentspräsident Arsalan Baiz klar.

"Ich wurde in einem Gebiet geboren, das früher zu Erbil gehörte. Das Grab meines Großvaters liegt noch dort. Aber Saddam Hussein hat dieses Gebiet Mosul zugeschlagen. Die heutige Regierung in Bagdad will es nicht an Erbil zurückgeben. Das können wir nicht akzeptieren."

Jetzt bestärkt auch der Bürgerkrieg in Syrien den Wunsch der irakischen Kurden nach einem eigenen Staat. Die Kurden im Nachbarland haben sich gegen den Diktator in Damaskus, Bashar al-Assad, erhoben. Sie fordern mehr Rechte und Autonomie. Sollte Syrien auseinanderbrechen, dürften die Kurden diesseits und jenseits der Grenze in den beiden Ländern enger zusammen rücken.

Ein modernes Einkaufszentrum in Erbil. Die "Family Mall" ist äußerst beliebt. Sie sieht aus, wie Einkaufszentren überall in der Welt aussehen: mit schicken Geschäften internationaler Handelsketten, viele von ihnen aus der Türkei, mit Mode- und Schmuckgeschäften, Cafés und Restaurants. Am Wochenende strömen die Menschen aus allen Himmelsrichtungen hierher, um einzukaufen, so wie dieses Ehepaar mit seinen Kindern:

"In den anderen Regionen des Irak gibt es solche Malls nicht, nur hier in den kurdischen Gebieten. Wir bummeln, schauen uns die Schaufenster an und kaufen etwas für unsere Kinder." - "Die Mall ist großartig, so ordentlich. Wir wünschten, so etwas würde es überall im Irak geben, nicht nur in den kurdischen Gebieten."

Der Aufschwung in Erbil sorgt für großen Optimismus. Immer wieder ist zu hören, die Stadt werde eines Tages das neue Dubai sein. Nach Jahrzehnten der Unterdrückung unter Saddam Hussein genießen die Menschen ihre neue Freiheit, meint Volker Wildner, Leiter des Deutschen Wirtschaftsbüros in Erbil – und das heißt auch: die Freiheit, einzukaufen und zu konsumieren.

"Das Erste ist, dass hier ein fürchterlicher Nachholbedarf an Wohnungen und Häusern war. Die Baubranche ist die erste tragende Branche gewesen, die hier für sehr viel Aufwind gesorgt hat. Der Bauboom und ganz generell die Wirtschaft. Man hat hier in der Vergangenheit nicht viel gehabt. Und heute ist die Einstellung hier so, dass man das Geld, das man verdient, nicht spart, sondern ausgibt."

Politisch selbstbewusst, wirtschaftlich auf Wachstumskurs – und doch sind selbst die größten Anhänger eines eigenen kurdischen Staates vorsichtig. Und die Zurückhaltung hat gute Gründe. Denn noch immer gibt es gegen eine kurdische Unabhängigkeit allzu große Widerstände.

Mögen die Kurden im Irak auch autonom sein – im Spiel der regionalen Mächte sind sie nur eine kleine Kraft. Denn nicht nur Bagdad wehrt sich gegen einen kurdischen Staat. Auch die Nachbarländer wollen ein unabhängiges Kurdistan mit allen Mitteln verhindern – zu groß ist ihre Angst, eigenes Territorium zu verlieren, erklärt der syrisch-kurdische Journalist Sirwan Berko. Der 35-Jährige ist in Deutschland aufgewachsen und lebt seit einiger Zeit in Erbil.

"Die Türkei hat zwar positive Schritte in letzter Zeit gegenüber Irakisch-Kurdistan unternommen, die Beziehungen sind gut. Aber dennoch betrachtet die Türkei das Projekt in Irakisch-Kurdistan mit großem Misstrauen. Vor allem in der Frage Kirkuk ist die Türkei sehr entschieden gegen Kurdistan. Und natürlich hat der Iran kein Interesse daran, dass es ein starkes Kurdistan gibt. Und das syrische Regime ist zwar jetzt mit den internen Problemen beschäftigt; aber auch bis vor den Ereignissen in Syrien hat Syrien alles unternommen, damit Irakisch-Kurdistan scheitert."

Die Türkei ist in ihrem Kampf gegen kurdische Autonomiebestrebungen im eigenen Land unnachgiebig. Ankara ist für den Erhalt der nationalen Einheit sogar bereit, das Militär jenseits der eigenen Landesgrenze einzusetzen – wie erst in diesen Tagen wieder geschehen. Ohne Zustimmung der Türkei aber wird ein kurdischer Staat nicht zu machen sein. Sowohl politisch als auch wirtschaftlich sind die Kurden von der Türkei abhängig. Die Türken sind der größte Wirtschafts- und Handelspartner der Autonomen Region Kurdistan. Würden sie ihre Grenzen schließen, wäre der kleine Wirtschaftsboom in den Kurdengebieten jäh gestoppt. Das weiß auch Parlamentspräsident Arsalan Baiz. Er hofft dennoch, Ankara überzeugen zu können. Baiz sieht die sunnitische Türkei in Konkurrenz zum schiitischen Iran.

"Gerade jetzt gibt es einen großen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten. Die Türkei träumt davon, in der Region so einen großen Einfluss wie einst das Osmanische Reich zu haben. Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten könnte die Türken zu der Einsicht bringen, dass ein kurdischer Staat in ihrem Interesse ist."

Von großem strategischen Wert seien zudem die kurdischen Ölvorkommen, meint der Parlamentspräsident. Er spielt damit auf Überlegungen an, den Türken Sonderkonditionen für kurdisches Öl einzuräumen, falls Ankara der kurdischen Unabhängigkeit zustimmt. Indes weiß auch Arsalan Baiz: Einen eigenen Staat werden die Kurden nur mit und nicht gegen Ankara bekommen. Das Ja aus der Türkei dürfte aber noch lange auf sich warten lassen.

Das kurdische Nationalbewusstsein entstand Anfang des 20. Jahrhunderts, als das Osmanische Reich nach dem Ersten Weltkrieg zusammenbrach und die Türken ihre Machtstellung im Nahen Osten verloren. Damals entdeckten die Kurden ihre Identität, die sich durch gemeinsame Familienbande auszeichnet – und durch gemeinsame Traditionen, die die Kurden bis heute über die Grenzen der Nationalstaaten hinweg verbinden. Sie sprechen ihre eigene Sprache, das Kurdische, das mit dem Persischen verwandt ist. Es gibt jedoch starke regionale Unterschiede und Dialekte.

In den verschiedenen Nationalstaaten haben sich längst eigene Identitäten herausgebildet. Zu spüren ist das besonders in diesen Wochen und Monaten, da viele syrische Kurden vor dem Assad-Regime nach Irakisch-Kurdistan fliehen. Sie würden zwar freundschaftlich empfangen, sagt der syrisch-kurdische Journalist Sirwan Berko. Und doch hielten sich Zusammengehörigkeitsgefühl und Solidarität in Grenzen.

"Ob man hier als Teil des kurdischen Volkes, als Teil der kurdischen Gesellschaft hier betrachtet wird, das bezweifle ich. Es gibt seit Anfang letzten Jahrhunderts Grenzen. Und diese Grenzen haben ihre Spuren hinterlassen. Wir sind Syrer. Und die Kurden im Irak sind Iraker. Und diese Grenzen zu beseitigen, dafür brauchen wir eine lange Zeit. Vielleicht geschieht das eines Tages, aber zurzeit sind die Differenzen viel größer als die Gemeinsamkeiten. Was uns verbindet, ist die kurdische Herkunft. Das war's aber auch."

Selbst unter den Kurden im Irak sind gesellschaftliche Brüche und Friktionen deutlich auszumachen. Das Land wird seit Jahrzehnten vor allem von zwei Familien beherrscht, den Barzanis und den Talabanis. Ihre beiden Parteien, die Demokratische Partei Kurdistans und die Patriotische Union Kurdistans, waren lange Zeit verfeindet. Heute dominieren beide zusammen das Parlament und die Regierung der Kurden. Zwar gab es Wahlen; doch noch immer beherrschen die Barzanis und Talabanis das Autonomiegebiet, als handle es sich um Familienbesitz. Von einer funktionierenden Demokratie kann in Irakisch-Kurdistan jedenfalls noch keine Rede sein. Das meint auch Mohammed Kardo, früher Mitglied der Patriotischen Union Kurdistans. Heute sitzt er für die Oppositionspartei Gorran im kurdischen Parlament. Er empfängt seine Gäste in einem winzigen Büro, in dem sich auf dem Schreibtisch das Papier stapelt.

"Im restlichen Irak werden die Stellen in Regierung und Behörden nach ethnisch-religiöser Zugehörigkeit vergeben. Bei uns hängt alles davon ab, zu welcher Partei du zählst. Wenn du zur Regierungspartei gehörst, bekommst du ganz einfach eine Stelle. Ohne persönliche Kontakte aber wird es schwer."

Auch die Presse- und Meinungsfreiheit ist in den kurdischen Gebieten begrenzt. Es fehlt an Kontrolle der staatlichen Organe. Mit fatalen Folgen, sagt Kardo.

"Korruption und Intransparenz sind die größten Probleme. In jeder Regierungseinrichtung gibt es Korruption. 95 Prozent der Staatseinnahmen stammen aus dem Ölverkauf. Das Land hängt vom Öl ab, deswegen haben wir keine starke Industrie und Landwirtschaft. Wie aber die Öleinnahmen verteilt werden, das bleibt der Öffentlichkeit verborgen."

Nach den Aufständen in Tunesien und Ägypten kam es im Frühjahr vergangenen Jahres auch in Irakisch-Kurdistan zu massiven Protesten. Vor allem die Jüngeren schlossen sich den Zielen des arabischen Frühlings an: Freiheit, Demokratie, Menschenrechte. Die kurdische Regierung unterdrückte die Demonstrationen mit Gewalt. Es gab Tote und Verletzte. Viele Demonstranten landeten im Gefängnis. Auch hier zeigt sich ein Generationenkonflikt. Die Älteren sind noch stark von der jahrzehntelangen Unterdrückung unter Saddam Hussein geprägt.

Ihnen hat sich vor allem das Massaker von Halabdscha tief ins Gedächtnis eingebrannt: Damals, im März 1988, hatten Saddams Truppen die ostkurdische Stadt mit Giftgas angegriffen. Tausende von Bewohnern fielen diesem Massaker zum Opfer. Die Jüngeren jedoch kennen den Angriff nur noch aus Erzählungen. Diese Generation sei mit dem Internet groß geworden und orientiere sich an den Werten der internationalen Netzgemeinde, sagt der kurdische Publizist Rebwar Karim Weli.

"Sie denken nicht an das, was in der Vergangenheit war. Die früheren Kämpfe der kurdischen Peshmerga, das Massaker von Halabdscha, Massenvernichtungswaffen, Saddam Hussein, das alles kümmert sie nicht. Wir Älteren kennen noch Krieg und Armut. Sie leben in Frieden, Wohlstand und mit moderner Technologie."

Die junge Generation stößt sich am starren Wertesystem der Älteren. Frust und Ärger gären unter der Oberfläche. Zum ersten Jahrestag der Proteste konnte die kurdische Regierung neue Demonstrationen nur mit einem Großaufgebot an Sicherheitskräften unterdrücken.

Gewalt flammte zuletzt auch zwischen Muslimen und Christen auf, die in den kurdischen Gebieten eine Minderheit sind. Viele von ihnen sind Flüchtlinge aus den anderen Teilen des Irak. Sie sind keine Kurden, sondern Assyrer oder Araber. Ende vergangenen Jahres griff ein Mob in der kurdischen Stadt Zakho Läden von Christen an, die Alkohol verkauften. Nicht nur deswegen fordern die Christen in den kurdischen Gebieten mehr Rechte, so wie Diya Butrus Sliwa, Generalsekretär einer christlichen Partei:

"Wir fordern eine politische Selbstverwaltung. Ein territorialer Zusammenschluss der Christen in den kurdischen Gebieten ist nicht möglich. Sie sind über verschiedene Orte verstreut, die nicht vereinigt werden können. Aber man könnte sie zu einer politischen Einheit zusammenschließen und das Zentrum der Selbstverwaltung in einem bestimmten Gebiet ansiedeln."

So steht die kurdische Führung gleich mehrfach unter Druck. Der Konflikt mit der Zentralregierung in Bagdad und Rufe nach einem eigenen Staat kommen da gelegen, um von innenpolitischen Problemen abzulenken. Der syrisch-kurdische Journalist Sirwan Berko hält die Unabhängigkeitsforderungen der kurdischen Regierung deshalb nur für leeres Gerede.

"Irakisch-Kurdistan hat überhaupt keine Pläne dafür, unabhängig zu werden. Die Bevölkerung will das, jeder Kurde will, dass (es) eines Tages einen unabhängigen kurdischen Staat gibt. Aber die Realität zeigt, die kurdische Führung hier pragmatisch genug ist, um solch einen Schritt nicht vorzubereiten und solch einen Schritt auch nicht zu begehen. Eine bessere Situation als die jetzige wird es meines Erachtens für die Kurden im Irak nicht geben."

Tatsächlich hält die große Mehrheit der Kurden am Ziel der Unabhängigkeit fest. Immer wieder bringen Politiker eine Volksabstimmung ins Spiel – so wie damals, 2005, als in einem inoffiziellen Referendum 99 Prozent der Befragten für eine Abspaltung vom Irak votierten. Der Traum von der kurdischen Unabhängigkeit mag noch in weiter Ferne liegen. Er wird erst dann enden, wenn er Wirklichkeit geworden ist.

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