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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturEin Plädoyer für die Faulheit08.12.2014

Kursiv KlassikerEin Plädoyer für die Faulheit

Von Günter Rohleder

Der Ursprung des Wortes "Arbeit" lässt sich unterschiedlich deuten. Sämtliche Varianten stehen für nichts Gutes: Sie reichen von "Strapaze" über "zu schwerer Tätigkeit verdungenes Waisenkind" bis zu "Sklaverei". Der Ursprung des französischen Pendants zu Arbeit ist eindeutig: "Travail" leitet sich von "trepalium" ab. So hieß im frühen Mittelalter ein Folterinstrument aus drei Pfählen.

Wie konnte ein Wort mit dieser Geschichte zur zentralen Sinnstiftungsvokabel moderner Gesellschaften avancieren? In seiner Verteidigung der Faulheit diagnostiziert der Arzt und revolutionäre Sozialist Paul Lafargue um 1880 bei seinen Mitmenschen eine geistige Verirrung: Eine merkwürdige Liebe zur Arbeit, eine rasende Arbeitssucht quäle die traurige Menschheit seit dem Aufstieg des Kapitalismus.

"Statt gegen diese geistige Verirrung anzukämpfen, haben die Priester, die Ökonomen und die Moralisten die Arbeit heiliggesprochen. Blinde und beschränkte Menschen, haben sie weiser sein wollen als ihr Gott; schwache und unwürdige Geschöpfe, haben sie das, was ihr Gott verflucht hat, wiederum zu Ehren zu bringen gesucht. Ich, der ich weder Christ noch Ökonom, noch Moralist bin, ich appelliere von ihrem Spruch an den ihres Gottes, von den Vorschriften ihrer religiösen, ökonomischen oder freidenkerischen Moral an die schauerlichen Folgen der Arbeit in der kapitalistischen Gesellschaft."

Hauptsache Arbeit, heißt es heute. Wer Arbeitsplätze schaffen will, hat automatisch recht. Paul Lafargues Plädoyer für die Faulheit ist immer noch eine Provokation. Aus der Sicht des Aufklärers Lafargue zahlt das Lohnarbeiterproletariat des 19. Jahrhunderts - Frankreich steht hier exemplarisch für die kapitalistischen Länder - einen hohen Preis für seine Arbeitssucht: Bis zu 16 Stunden pro Tag verdingen sich Männer, Frauen und Kinder in Maschinenfabriken, Baumwollspinnereien und Kohlebergwerken.
Allen brutalen Ausbeutungsverhältnissen zum Trotz nimmt Lafargue das Proletariat direkt in die Verantwortung. Es habe sich, seine Instinkte verleugnend und seine geschichtliche Aufgabe verkennend, vom Dogma der Arbeit verführen lassen, schreibt Lafargue.

"Statt in den Zeiten der Krise eine Verteilung der Produkte und allgemeine Belustigung zu verlangen, rennen sich die Arbeiter vor Hunger an den Toren der Fabriken die Köpfe ein. Mit eingefallenen Wangen, abgemagerten Körpern überlaufen sie die Fabrikanten mit kläglichen Ansprachen: ‚Lieber Herr Chargot, bester Herr Schneider, geben sie uns doch Arbeit, es ist nicht Hunger, der uns plagt, sondern die Liebe zur Arbeit!'"

Formuliert hier nicht doch ein zynischer Salonsozialist? - Nein. Lesen wir weiter.

"Und kaum imstande, sich aufrechtzuerhalten, verkaufen die Elenden 12 bis 14 Stunden Arbeit um die Hälfte billiger als zur Zeit, wo sie noch Brot im Korbe hatten. Und die Herren industriellen Menschenfreunde benutzen die Arbeitslosigkeit, um noch billiger zu produzieren."

Arbeitsplätze werden nun einmal nicht aus Barmherzigkeit vergeben, mit Witz und Ironie versucht sich Lafargue als Aufklärer in revolutionären Angelegenheiten. Ein Recht auf Arbeit? Nur Sklaven seien so würdelos, so etwas zu fordern, wirft der Autor den Aufständischen von 1848 an den Kopf. Wer traut sich heute, das Dogma der Arbeit öffentlich infrage zu stellen? Gewiss, was die äußeren Arbeitsbedingungen angeht, sind seit Lafargues Zeiten, zumindest in Europa, deutliche Verbesserungen erkämpft worden. Aber hat uns die verinnerlichte Arbeitsmoral nicht stärker im Griff denn je? Wie stellt sich Lafargue nun das Recht auf Faulheit in der Praxis vor?

"Wenn die Arbeiterklasse sich das Laster, welches sie beherrscht und ihre Natur herabwürdigt, gründlich aus dem Kopf schlagen und sich in ihrer furchtbaren Kraft erheben wird, nicht um die 'Menschenrechte' zu erlangen, die nur die Rechte der kapitalistischen Ausbeutung sind, nicht um das Recht auf Arbeit zu fordern, das nur das Recht auf Elend ist, sondern um ein ehernes Gesetz zu schmieden, das jedermann verbietet, mehr als drei Stunden pro Tag zu arbeiten, dann wird die alte Erde, zitternd vor Wonne in ihrem Innern eine neue Welt sich regen fühlen."

Maximal drei Stunden Lohnarbeit pro Tag. Ein würdiges Einkommen vorausgesetzt, hieße das: Zeit für Muße. Zeit für selbstbestimmte Tätigkeit. Zeit, um über das gute Leben nachzudenken. Ein solcher Bruch mit der herrschenden Arbeitsmoral käme einer Kulturrevolution gleich, kommentiert der Soziologe Stephan Lessenich treffend in seiner Einleitung zur Neuerscheinung des "Rechts auf Faulheit". Und Lessenich verweist auf die Kluft zwischen kapitalistischer Verwertungslogik und gesundem Menschenverstand: Warum sollen Menschen immer mehr Arbeit leisten, wenn ihre Arbeitsleistung durch den ständigen Produktivitätszuwachs immer größer wird? Das Dogma der Arbeit bleibt virulent. Paul Lafargue bleibt aktuell.

Stephan Lessenich zu Paul Lafargue: "Das Recht auf Faulheit" (Marxist Pocket Books Bd. 4), Laika Verlag 96 Seiten, 9,90 Euro, ISBN: 978-3-942-28154-6.

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