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StartseiteBüchermarkt"Warum ich kein Christ bin"05.02.2014

Kurt Flasch"Warum ich kein Christ bin"

Schon der Philosoph Bertrand Russell erklärte 1927, warum er kein Christ ist – und riskierte damit seinen Ruf. Für Kurt Flasch steht heute weniger auf dem Spiel. Und auch sonst unterscheiden sich seine 280 Seiten von den wenigen Russells: Vom antiken Rom bis Ratzinger analysiert er die christliche Lehre – ausführlich und kenntnisreich.

Von Hans-Martin Schönherr-Mann

Kurt Flasch stammt aus einem katholischen Elternhaus. Er machte auch keine schlechten Erfahrungen mit dem Christentum. Er hatte eher Vorteile davon. Auch die neueren Skandale oder die älteren Verbrechen beispielsweise der Inquisition hätten ihn schwerlich dazu motivieren können, kein Christ zu sein. Dagegen bemerkt er:

"Für mich ist es sehr wichtig, was im Alten und im Neuen Testament steht. Mich interessieren auch sehr die öffentlichen Glaubensbekenntnisse aller westlichen Kirchen, nicht der Ostkirche, auch was bei Luther steht. Insofern interessiert mich das Faktische sehr, aber nicht das Faktische der Ungehörigkeit von irgendwelchen Klerikern."

Daher setzt sich Flasch mit der christlichen Dogmatik auseinander und diskutiert die großen Themen des christlichen Glaubens. Er widmet beispielsweise ein Kapitel dem Stand der historischen Forschung, ein anderes Weissagungen und Wundern, ein weiteres dem der Unsterblichkeit.

So nimmt Flasch die Grundlagen des Christentums beim Wort. Im Römischen Imperium machte es mit der Behauptung auf sich aufmerksam, dass es die einzig wahre Religion sei und alle anderen falsch, während in Rom religiöser Pluralismus und religiöse Toleranz herrschten. Doch wenn die christliche Lehre wahr sein soll, dann muss sie sich auch überprüfen lassen, noch dazu wenn sie mit Ansprüchen auftritt, die wohl keinesfalls von Bescheidenheit künden. So schreibt Flasch:

"Da ihr Gott der einzige Gott sein soll, muss er es für alle sein. Und was die monotheistischen Religionen als sein Wort verkünden, soll für alle gelten. Weil wahr ist, was sie sagen, soll, muss es für alle wahr sein. (. . .) Sie haben, sagen sie auf Nachfrage, ihre Meldungen überprüft. Sie behaupten, sie verfügten über eine lückenlose Liste von Zeugen. Sie beanspruchen die Autorität, ihre Meldungen als wahr zu bestätigen oder zu bestimmen, sie seien prinzipiell nicht überprüfbar und dienten der Erprobung des Glaubensgehorsams. Beides ist, zumindest in einigen Fällen, nachweisbar falsch."

"Mich hat schon immer gewundert, wie dumm die Leute sind"

Diesen Anspruch auf Wahrheit hat der emeritierte Papst Benedikt XVI. Joseph Ratzinger, mit dessen Texten sich Flasch intensiv auseinandersetzt, keinesfalls aufgegeben. Flasch überprüft dagegen historisch kritisch die Weissagungen genauso wie die Wundergeschichten, die selbstredend historisch nur schlecht oder gar nicht belegt sind, während Ratzinger auf der Jungfrauen-Geburt als wahrem Ereignis insistiert.

Natürlich setzt sich Flasch auch mit der christlichen Gottesvorstellung auseinander. Dabei ist es nicht so einfach, die Frage zu beantworten: Wie sieht der christliche Gott aus?

"Die Christen geben auf diese Frage zumeist die sehr dumme Antwort, es sei ein persönlicher Gott. Mich hat das, als ich noch Christ war, schon immer gewundert, wie dumm die Leute sind. Denn gleichzeitig sagen sie, es sind drei Personen: Ist es ein einpersönlicher Gott oder ist es ein dreipersönlicher Gott? Sie möchten sich bitte mal entscheiden. Sie meinen mit dem persönlichen Gott wahrscheinlich, dass es ein Gott ist, zu dem es sinnvoll ist zu beten. Das gibt es vielleicht so her. Aber es ist auch ein Gott, der von seinem Sohn verlangt, dass er sein Blut hergibt, damit die böse Menschheit wieder mit ihm versöhnt ist."

Flasch führt vor, das sich in der Bibel sehr unterschiedliche Gottesvorstellungen finden: Gott als der Herr, der Gehorsam verlangt und zornig Moses töten wollte; Gott als Vater, was weniger mit Liebe als mit Besitz des Volkes Israel zu tun hatte; Gerechtigkeit bestimmt er nach Gutdünken; mal geht er im Garten Eden spazieren, dann soll er körperlos sein, dafür aber der Urgrund allen Seins. Flasch schreibt:

"Historisch gesehen, ist Gott ein werdendes, ein vergängliches Wesen. Was wir von ihm haben, was wir von ihm wissen, steht in Texten, die seine Wandlungen belegen. Früher war er eifersüchtig bis zur wilden Wut auf Menschen, die einen anderen Gott verehrten. Er forderte Intoleranz, die Zerstörung fremder Kultstätten, die Zerschlagung von Götterbildern und das Umbringen der Götzendiener. Sollte er das heute nicht mehr wollen, war das ein unvorhersehbarer Wandel."

Ohne Erbsündenlehre kein Opfertod

Umfänglich analysiert Flasch auch die Lehre von der Erlösung, die eng mit derjenigen der Erbsünde verknüpft ist. Denn das Neue Testament und die großen Theologen von Augustin bis hin zu Luther gehen dabei von folgender Sachlage aus:

"Die haben die Vorstellung, erstens,  die Menschheit ist als Ganzes dem Tode geweiht, weil Adam falsch gegessen hat. Das haben alle die genannten Theologen als den Ausgangspunkt der Erlösungslehre behauptet. Und sie wird übertragen durch den Geschlechtsverkehr bei der Erzeugung eines neuen Menschen. Deswegen ist Jesus von einer Jungfrau geboren, weil der frei ist von der Erbsünde. Und Gott hat dann seinen Sohn geschickt, damit der durch sein Blut, durch sein Kreuzesopfer die Schuld sühnt, die die göttliche Güte wieder auf uns zieht, seinen Zorn besänftigt, der aufgrund der Erbsünde auf uns allen immer gelastet hat und der auch auf der übrigen Menschheit immer noch."

Das Christentum ist nicht nur eine Offenbarungsreligion: Man soll etwas glauben, weil es bestimmte Leute gesagt haben. Es ist auch eine Erlösungsreligion: Es wird einem offenbart, dass man grundsätzlich erlösungsbedürftig ist, auch unabhängig von eigenen Sünden. Und wer meint, in der protestantischen Theologie würde der Erbsündenbegriff abgeschwächt, den belehrt Flasch eines Besseren:

"Und dann sehe ich, dass den Luther sogar noch zuspitzt, dass er gegenüber Erasmus den augustinischen Erbsündenbegriff noch schärfer gefasst haben will und dass er Erasmus, dem gelehrteren Erasmus vorwirft, er schwäche das ab."

Ohne diese Erbsündenlehre verliert indes der Opfertod Christi seinen weitreichenden Sinn, abgesehen davon, dass es sein könnte, dass manche Menschen gar nicht erlöst werden wollen, entweder weil sie sich nicht als Sünder verstehen oder erst gar nicht als Christen. Auf solche Reaktionen antwortete das Christentum, als es in Rom zur Staatsreligion avancierte bzw. seit es politische Macht ausüben konnte, bekannter Weise mit Feuer und Schwert. Doch Flasch geht es um die christlichen Lehren. Ob deren Obskurität kann er kein Christ sein:

"Wie kann man Schuld als vererbbar konzipieren! Wie kann man die ganze Menschheit als sündig bezeichnen wegen des Apfelbisses des angeblich ersten Menschen! Also das sind doch so ungeheuer weitgehende Behauptungen. Wie kann man einen Gott lieben, der aus Gerechtigkeitseifer nicht, bevor wir seinen Sohn getötet haben, mit uns wieder gut ist?

Nun könnte man dem entgegenhalten, dass die Erbsünde im Grunde ja die Sexualität als solche meint. Dadurch sollen die Menschen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität animiert werden, also zu einer monogamen Ehe. Für Flasch hat diese Vorstellung indes ganz andere Konsequenzen. Die christliche Sexualmoral schwächt vielmehr die christliche Ethik selbst:

"Wenn Augustin behauptet, dass durch den ehelichen Verkehr – auch durch den in der christlich gesegneten Ehe erfolgenden Geschlechtsverkehr – die Erbsünde verbreitet wird, dann sieht man doch, wie verdreht auch die tatsächliche christliche Ethik ist."

Flasch geht auch auf neuere Interpretationen ein

Nicht dass Flasch das Gebot der Nächstenliebe ablehnen würde. Aber sehr viele Forderungen – und gerade jene der Sexualethik – erweisen sich als sehr fragwürdig: Wer kann schon die Feindesliebe praktizieren? Soll jeder wirklich seine Eltern ehren, auch wenn diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben? In der Bergpredigt verlangt Jesus gar eine reine Gesinnungsethik und Gehorsam. Stattdessen erheben heute viele den Anspruch auf Mündigkeit. So stellt Flasch fest:

"Die Bergpredigt kann heute nicht ohne neue Prüfung der ethischen Orientierung dienen. Kleine radikale Gruppen mögen sich eine Weile an ihr orientieren; Familienväter, Republiken und Großkirchen können das nicht. Unter ihren Bedingungen sackt die Ethik der Bergpredigt zur Utopie zusammen. Sie wird zu desorientierenden Rhetorik."

Bei seiner Konsolidierung wollte das Christentum die Welt richtig erklären. Diese Erklärungen haben sich als obsolet erwiesen. Seit der Aufklärung flüchten sich viele Christen daher in die Ethik als dem eigentlichen Sinn des Christentums. Doch auch dieser Anspruch steht auf tönernen Füßen. Obendrein wandelten sich seit dem späten 20. Jahrhundert die ethischen Orientierungen vieler Menschen. Gerade in der Sexualethik entwickeln für Flasch der Romantiker Friedrich Schlegel, Sigmund Freud und Michel Foucault neue Perspektiven, denen innertheologische Bemühungen nicht viel entgegensetzen können. Aber haben das nicht viele gläubige Menschen längst erkannt und sich darum bemüht dem Christentum einen zeitgemäßen Sinn zu geben? Dem hält Flasch entgegen:

"Es macht sich heute fast jeder sein Christentum selbst zurecht. Deswegen halte ich mich mit einer gewissen Vorliebe sowohl an die Bibel wie an die öffentlichen Glaubensbekenntnis."

Doch Flasch geht auch auf neuere Interpretationen des Christentums ein: Sören Kierkegaard fordert eine Entscheidung zum Glauben, gerade weil der Glaube sich nicht begründen lässt. Selbst Ratzinger bleibt davon nicht unberührt. Flasch hält dem entgegen:

"Joseph Ratzinger, der die Vernünftigkeit des Glaubens predigt, überrascht, indem er den Glauben als 'Sprung' erklärt und die Glaubensentscheidung zum 'Abenteuer' macht. Ein Abenteuer ist ein Unternehmen mit hohem Einsatz und ungewissem Ausgang. Wer springt, möchte doch wissen, wohin er springt und warum er das tun soll. Ein Sprungtuch, sagt die Feuerwehr, darf nur bei einem Sprung aus einer Höhe bis zu 8 Metern benutzt werden. So präzis reden die Spezialisten für Sprünge. Wahrscheinlich hätte niemand den Mut, zum 'Sprung' aufzufordern, hätte es nicht seit etwa 1850 Tradition; die Bibel tut das ja nicht."

Blaise Pascal formuliert im 17. Jahrhundert seine berühmte Wette: Wer an Gott glaubt, der verliert nichts, wenn Gott am Ende nicht existiert, gewinnt aber das Paradies, wenn er existiert. In einer Welt, in der man die christlichen Vorschriften zwangsweise befolgen musste, verliert man vielleicht nichts. Heute müsste man sich der christlichen Sexualethik unterwerfen und dürfte gemäß des Vatikans nicht mal innerhalb der monogamen Ehe verhüten. Dagegen kann man die Lüste heute ungestraft auch auf andere Weise gebrauchen. Darauf zu verzichten, wäre für viele ein Verlust, den ein ungewisses ewiges Leben nicht selbstredend kompensiert.

Wenn der christliche Glaube als Wette oder als Sprung propagiert wird, hat er jedenfalls jede Selbstverständlichkeit verloren.

 

Kurt Flasch: Warum ich kein Christ bin, C.H. Beck, München, 280 Seiten, 19,95 Euro

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