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StartseiteBüchermarktKurzgeschichten unter Kitschverdacht02.06.2008

Kurzgeschichten unter Kitschverdacht

Dejan Enev über den "Zirkus Bulgarien"

Die Gegenwartsliteratur Bulgariens ist kaum ins Deutsche übersetzt. Nach der Wende brachen Buchhandel und Verlagswesen zusammen. Von den mafiösen Verhältnissen erzählte letztes Jahr Vladimir Zarevs großer Wenderoman "Verfall". In dem Balkanland seien noch weitere Entdeckungen zu machen, verspricht der Deuticke Verlag im Klappentext zu Dejan Enevs Erzählungsband "Zirkus Bulgarien".

Von Jörg Plath

Sonnenaufgang in der bulgarischen Haupstadt Sofia (Stock.XCHNG / Katia Stamenova)
Sonnenaufgang in der bulgarischen Haupstadt Sofia (Stock.XCHNG / Katia Stamenova)

Schon junge Mädchen verkaufen ihren Körper. Die Männer lügen, was das Zeug hält, um die Frauen herumzukriegen. Eine bestohlene 73-Jährige baut eine private Sicherheitstruppe aus Teenagern auf. Mafiosi werden von Kugeln durchsiebt. Sex and crime steht im Mittelpunkt der meisten Geschichten des Bulgaren Dejan Enev. Und dennoch ist seine Welt nicht nur dreckig, schäbig und düster. Der schmutzige Realismus bleibt nicht ohne Widerspruch: Die durchsiebten Mafiosi werden von den Anatomen in der Gerichtsmedizin beweint. Die jugendliche Truppe der verhafteten 73-Jährigen setzt nachts die Gattin eines Regierungsbeamten mit einer Zahnbürste im Hintern im Park aus, und die Frauen wundern sich, dass ihre Freier gar nicht zur Sache kamen und trotzdem bezahlten.

"Zirkus Bulgarien" heißt die Sammlung von kurzen Geschichten, die ein ungenannt bleibender Herausgeber nach ungenannt bleibenden Kriterien aus fünf Erzählungsbänden des 1960 geborenen Dejan Enev zusammengestellt hat. Unberücksichtigt bleiben aus ungenannten Gründen nur die beiden frühesten Veröffentlichungen des produktiven Autors aus den Jahren 1987 und 1992.

Ein wenig mehr Information wäre hilfreich, wird doch das Balkanland, bisher ein weißer Fleck auf der literarischen Landkarte deutschsprachiger Länder, gerade erst entdeckt. Im letzten Jahr erschienen Vladimir Zarevs großer und ungebärdiger Wenderoman "Verfall" und Georgi Gospodinovs gauklerisches Ehebruchsbuch "Natürlicher Roman".

Doch Dimitré Dinev, seit 1990 in Wien lebender und schreibender Bulgare, meint offenbar, wer Interesse für bulgarische Autoren aufbringt, solle sich einfach verzaubern lassen. Enevs Erzählungen seien, so schreibt Dinev in seinem blumigen Nachwort, "schlicht, klar und kraftvoll (..) wie auf Holz gemalte Ikonenbilder". Enev verfüge "über den Zauber, diese vor unseren Augen verrinnende Zeit aufzufangen", und habe dem "Wort die Treue" gehalten, obwohl er die "Vielschichtigkeit des Lebens aus der Perspektive zahlreicher Berufe" kennenlernte: "Er war", so Dinev, "Nachtwächter im Leichenhaus, Maler und Anstreicher im Kino, Schlosser in einer Militärfabrik, später Sanitäter in der Psychiatrie, Arbeiter in einer Holzfabrik und Journalist, dazwischen unterbricht er sein Zahnarztstudium, scheitert dreimal an der Aufnahmeprüfung zur bulgarischen Philologie, wird beim vierten Mal aufgenommen und schließt das Studium ab." Dem Klappentext lässt sich entnehmen, was weniger farbig klingt: dass Enev nun schon einige Jahre als Kulturredakteur der Tageszeitung "Sega" in Sofia arbeitet.

Ob der Deuticke Verlag diesem Mann einen Gefallen getan hat, indem er nicht weniger als 56 Geschichten in einem Band versammelte? Die große Zahl lässt nämlich deutlich hervortreten, dass Enev auf ein bis fünf Seiten mit wenigen Protagonisten und meist einer Handlungsebene zwar sicher und plastisch von Einsamen und Traurigen in ärmlichen Verhältnissen erzählen kann, die Enden seiner Geschichten aber doch eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen.

Es sind vor allem zwei Varianten, mit denen Enev der düsteren bulgarischen Wirklichkeit poetische Lichtlein aufsetzt. Eine Lichtlein-Variante verdankt sich der Beharrlichkeit, mit der seine Protagonisten an ihre Hoffnungen und Träume glauben: Wenn die Mutter im Sterben liegt, setzen sie alles daran, dass das Fenster geschlossen bleibt, damit der Tod nicht ins Zimmer kommen kann - und tatsächlich, die Mutter überlebt, bis sie nach draußen gehen und bei der Rückkehr das Fenster offen vorfinden!

Solchen Allmachtsphantasien korrespondiert in der zweiten Lichtlein-Variante das überraschende Wunder oder, etwas bescheidener, die überraschende Pointe: Der verlorene Sohn kehrt heim zu seiner in Armut und Depression lebenden Familie, pfeift in der rattenverseuchten Wohnung einmal und befiehlt den eifrig angetretenen Tieren erfolgreich, sich aus dem Fenster zu stürzen. Im ersten Fall sind es also Allmachtsphantasien, im zweiten gleich Wunder, die die düstere Ausgangssituation der Erzählung am Ende grundlegend verändern. Enev betreibt die Poetisierung der Armut.

Die Aneinanderreihung der Geschichten legt das Verfahren gnadenlos offen und ist Gift für den erwünschten Effekt. Wenn Enev zudem von einem Frauenbauch behauptet, ein Goldschmied habe ihn ziseliert, wird der nicht allzu seltene Kitschverdacht unabweisbar.
"Geschichten für eine Zigarettenlänge" lautet der Untertitel des Bandes. Er soll wohl unbeschwerten Genuss versprechen. Nach Tische liest man's anders: als Hinweis auf das sofortige Vergessen, das die Geschichten nach ihrer Konsumtion ereilt.


Dejan Enev, Zirkus Bulgarien. Geschichten für eine Zigarettenlänge.
Aus dem Bulgarischen von Katrin Zemmrich und Norbert Randow. Mit einem Nachwort von Dimitré Dinev. Deuticke im Paul Zsolnay Verlag. Wien 2008

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