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StartseiteDeutschland heuteStreit um Bustransfer08.06.2017

KZ SachsenhausenStreit um Bustransfer

Rund 700.000 Besucher hat die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen bei Berlin im Jahr - eine der wichtigsten Erinnerungsorte für die Verbrechen der Nazis. Nur einmal in der Stunde fährt ein Bus dorthin, was viele kritisieren. Weil der zuständige Landkreis keine Versorgungslücke sieht, hat sich jetzt das Potsdamer Kulturministerium eingeschaltet.

Von Vanja Budde

Konzentrationslager Sachsenhausen in Oranienburg im Land Brandenburg (picture alliance/dpa/Foto: Ralf Hirschberger)
Besucher am 28.02.2017 auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen in Oranienburg. (picture alliance/dpa/Foto: Ralf Hirschberger)
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Mittags um zwölf am Bahnhof Oranienburg, wolkenlos blauer Himmel, an die 30 Grad. An der Halstestelle der Buslinie 804 gibt es kein Regen- oder Schattendach. Eine schwitzende Menschentraube sammelt sich: Der 804er fährt zur knapp zwei Kilometer entfernten KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen. Er fährt um 12:19 Uhr, immer um 19 nach, einmal in der Stunde. Reiseleiterin Elli Cornecho ist mit einer 50-köpfigen Gruppe unterwegs dorthin.

"Viele Leute kommen nach Berlin und deswegen brauchen wir viel mehrere Busse. Manchmal sind wir viele Leute da. Jedes Jahr noch mehr, noch mehr und eine Stunde ein Bus ist total verrückt!"

Sie wäre bereit, für ihre Gruppen einen Obolus für einen Shuttle-Bus zu zahlen, sagt die zierliche Argentinierin noch, dann kommt der Bus und sie muss sie zusehen, ihre Reisenden hinein zu lotsen. Der Bus wird voll. Sehr voll. Busfahrer Andreas Werner sieht es mit gerunzelter Stirn.

"Grauenvoll. Weil es viel zu voll ist, viel zu viele Leute. Für die Anwohner ist es schade. Weil, die sind drauf angewiesen, auf den Linienbus. Und das sind ja Touris, was ich hier habe."

Heerscharen von Besuchern

Die Fahrt zur Gedenkstätte geht über die "Straße der Nationen": Ein mit Kopfstein gepflastertes Anwohnersträßchen. An der Gedenkstätte angekommen, beschwert sich ein Anwohner: Heerscharen von Besuchern würden laufen, statt auf den Bus zu warten, sie zögen an seinem Garten vorbei und füllten seine Mülltonne.

"Und wenn der Bus da langfährt und ich dann nachmittags auf dem Sofa liege, dann fangen bei mir die Gläser an, im Schrank an zu tanzen. Da kann ich dann dankend drauf verzichten. Da würde ja nach meiner Meinung nach am liebsten gar kein Bus langfahren"

Alice aus Sidney und Lea aus dem vom Terror heimgesuchten Manchester war es an der Haltestelle zu voll, sie sind gelaufen und kommen jetzt erhitzt und mit roten Köpfen an.

"Wir haben 35 Minuten gebraucht, und wir sind 22 Jahre alt. Bei diesem Wetter, in dieser Hitze, ohne einen Windhauch ist das nicht zu empfehlen. Ein weiterer Bus wäre sehr hilfreich, vor allem für Ältere oder Rollstuhlfahrer und dergleichen. Auch für Kinder, wir mussten mehrere Hauptverkehrsstraßen überqueren."

"Auf der anderen Seite ist die Gedenkstätte in einer für Fußgänger durchaus zumutbaren Entfernung."

Häufigere Taktung kostet

Meint Egmont Hamelow, Verkehrsdezernent des Landkreises Oberhavel. Zumindest für jüngere Leute und Schulklassen. Gedenkstätten-Besucher könnten zur Not auch den Schulbus nehmen, der fahre mittags dort vorbei, rät Hamelow. Eine häufigere Taktung der Linie 804 aber würde den Landkreis Oberhavel einen sechsstelligen Betrag kosten. Und oft führen die Busse nahezu leer zur KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen.  

"Wir haben im Januar Zählungen durchgeführt. Und diese Zählungen haben halt ergeben, dass eine Überlastung dieser Linie der 804 eben nicht gegeben ist."

Gedenkveranstaltung am Konzentrationslager Sachsenhausen  (picture alliance/dpa/Foto: Bernd Settnik)Mit einer Gedenkveranstaltung wird am 23.04.2017 in Oranienburg (Brandenburg) an den 72. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen gedacht. (picture alliance/dpa/Foto: Bernd Settnik)
Bei Stichproben im Januar vielleicht, übers Jahr besuchten aber 700.000 Menschen die Gedenkstätte, betont deren Leiter Günter Morsch. Dem Landkreis wirft er "provinzielles Denken" vor.

"Man behandelt die Gedenkstätte wie jeden anderen Konsumenten auch, aber das ist nicht der Fall. Und da vermisse ich tatsächlich ein politisches Signal insbesondere des Kreises."

Landkreis sei sich der Bedeutung bewusst

Verkehrsdezernent Hamelow erwidert, der Landkreis sei sich der internationalen Bedeutung von Sachsenhausen bewusst. Doch mehr Busse über die ramponierten Anwohnerstraßen zu schicken, sei keine Lösung.

"Alle, die sich mit dem Thema beschäftigen, haben erkannt, dass hier ein komplett neues Anbindungskonzept her muss. Und deshalb ist es aus unserer Sicht wichtig, dass sich die Gedenkstätte, aber auch das Ministerium als Träger, und selbstverständlich auch Stadt und Landkreis sich darüber Gedanken machen: Wie können wir die Gedenkstätte künftig noch besser anbinden, um den Druck aus der einen Stelle, wo die Zufahrt ist, eben rauszunehmen.

Befragte Oranienburger Bürger wünschten sich, dass die Busse über eine Hauptverkehrsstraße die Gedenkstätte quasi hinten rum anfahren, sagt Egmont Hamelow. Die müsste dafür ihren Eingang verlegen und die Besucherströme anders lenken. Geht nicht, sagt die Gedenkstätte, damit würde das pädagogische Konzept auf den Kopf gestellt, weil das Besucherzentrum dann abseits läge und die letzte Ausstellung als erstes angeschaut würde. Um Licht ins Dunkel zu bringen, hat das Kulturministerium in Potsdam als Träger der Gedenkstätte nun erst einmal beschlossen, die Besucher in Sachsenhausen zu zählen. Derzeit suche man eine wissenschaftliche Einrichtung, die das übernimmt, heißt es aus dem Ministerium. 

Für die vielen Besucher aus aller Welt des früheren KZ Sachsenhausen heißt es also weiter: Entweder laufen oder warten.

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