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StartseiteKultur heuteEmanzipation im Dorf02.12.2014

"La sonnambula" in FrankfurtEmanzipation im Dorf

Von Christoph Schmitz

Leichter, harmloser, naiver als Bellinis "La sonnambula" kann eine Oper kaum beginnen. Das Operndorfleben in den Schweizer Bergen um 1830, als Bellini das Werk auch komponierte, ist heile Welt pur. Auch wenn es drumherum, in Italien, Frankreich und Deutschland, kräftig rumort und die Luft nach Revolution riecht. Im Dorf der Schlafwandlerin Amina kommt davon nichts an, glaubt man der Oberfläche von Bellinis Musik. Und die Figuren dieser Oper wissen noch ganz genau, was sich gehört und was nicht. Tugend und Schönheit der jungen Amina sind der Stolz des ganzen Ortes. Aminas Verlobung mit dem wohlhabenden Bauer Elvino wird bejubelt. Alles ist Freude und Glück in diesem pastoralen Idyll. Orchester und Chor unter der koreanischen Dirigentin Eun Sun Kim bekommen die Leichtigkeit, den schwerelosen Schwung und die tänzerische Unbekümmertheit der Komposition bestens hin. Gut, dass das Team um die Schauspielregisseurin Tina Lanik einen visuellen Gegenpol schafft, nämlich Nüchternheit und Kälte.

Schnee türmt sich hinter einer Glasfassade in der Tiefe der Bühne. Rechts und links weiße Wände voller Bergskizzen. Ein zweiter Bühnenboden in halber Höhe. Wie eine Schaukel kann er auf der Zuschauerseite nach unten oder oben gekippt werden. Die Dörfler tragen moderne Anoraks mit großen Kapuzen. Tina Lanik misstraut zu Recht auch der musikalischen Begeisterung Aminas für den Verlobungsring, den Bauer Elvino ihr überreicht. Denn dieser hinterwäldlerische Einfaltspinsel singt nicht etwa von seiner Liebe zur Verlobten, sondern von seiner verstorbenen Mutter, die ihm diesen Ring einst gab, und dass Amina eine genauso gute Ehefrau werden möge, wie seine Mutter es für ihren eigenen Ehemann gewesen sei. Amina wittert, dass sie hier in eine Rolle hineingepresst werden soll. Diese und andere Irritationen arbeitet die Regisseurin immer wieder sorgfältig heraus. Brenda Rae singt eine sehr jugendliche, fast kindlich-zarte und darum zerbrechliche Amina. Sehr fein ziseliert sie die Konturen der hochvirtuosen Sopranpartie heraus. Aber auch die lyrischen Weiten, wie hier, wenn sie schlafwandelnd im Gasthof das Zimmer jenes weltmännischen Städters betritt, der aus der Fremde kommt und ihr zuvor freimütig Komplimente gemacht hat.

"Oh, wie fröhlich sind die Menschen, die uns zur Kirche geleiten!"

Die Geschichte erlahmt

Aminas Besuch bei dem attraktiven Fremden geschieht laut Libretto unbewusst, im Zustand des Somnambulismus. Damit wird Aminas vermeintliche Untreue später erklärt und entschuldigt. Elvino kann seine von ihm zunächst verstoßene Braut wieder zu sich nehmen. In der Frankfurter Deutung aber wirkt der nächtliche Fehltritt nicht wie eine Schlafwandelei. Die frisch verlobte Amina geht mehr oder weniger sehenden Auges fremd. Die Welt des engstirnigen Bauern und braven Muttersöhnchens ist nichts für sie. In der Regie von Tina Lanik geht die Dorfschönheit am Schluss konsequenterweise ihre eigenen Wege. Aminas einst als "Kanarienvogelmusik" gescholtener Schöngesang intoniert die Sängerin Brenda Rae als brillantes Freiheitsgezwitscher:

"Kein menschlicher Gedanke kann das Glück begreifen, das mich jetzt erfüllt."

Brenda Raes Stimme hat nicht jene dunklen Frequenzen, mit denen eine Maria Callas ihrer Amina einst eine existenzielle Dramatik und Hysterie verliehen hatte. Dennoch ist die Frankfurter Sonnambula eine in sich stimmige Figur. Was man von Stefan Pops Elvino leider nicht sagen kann. Er knödelt und forciert gewaltig. Sehr schön dagegen die anderen Rollen. Eine interessante und zugleich dezente Inszenierung, die über lange Strecken allerdings an Dynamik verliert. Die Geschichte erlahmt. Alles wird statischer. Die komödiantischen Momente des Beginns geraten zunehmend aus dem Blick. So wie die szenische Unterkühlung dieser Oper guttut, so sehr bedarf sie wohl einer theatralen Zuspitzung. Vor allem, wenn man sie, wie jetzt in Frankfurt, aller politischen Implikationen beraubt. Denn in ganz restaurativer Manier ist es im Jahrzehnt der bürgerlichen Freiheitsbewegung um 1830 ausgerechnet ein Adeliger, der bei Bellini in den Schweizer Bergen für Recht und Ordnung sorgt. Dieser Aspekt interessiert die Regie nicht. Muss er auch nicht. Doch dann hätte ihr eigener Zugriff etwas packender sein müssen.

 

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