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StartseiteBüchermarktLabor des guten Lebens11.03.2010

Labor des guten Lebens

Michael Scharang: "Komödie des Alterns". Suhrkamp

Nach langer Pause meldet sich der Karl-Kraus-Bewunderer und überzeugte Kommunist Michael Scharang als Romancier zurück. In seiner gedanklich radikalen und menschlich warmen "Komödie des Alterns" erklärt der Österreicher die Freundschaft zwischen zwei Menschen zu einer Utopie.

Von Dorothea Dieckmann

Heinrich  besucht Sarani in Kairo. (Deutschlandradio / Cornelia Sachse)
Heinrich besucht Sarani in Kairo. (Deutschlandradio / Cornelia Sachse)

Es waren zwei Männer, ein Ägypter und ein Österreicher, die verband von Jugend an eine tiefe Freundschaft. Dass ihre Wege sich trennten, so zufällig wie sie sich gekreuzt hatten, blieb ohne Einfluß auf ihre Freundschaft. ... Zu dem Empfinden der beiden, entfernt voneinander zu sein und doch Seite an Seite zu leben, gesellte sich die Gewißheit, dass sie, indem sie einander schrieben, in stetem Austausch standen. Briefe zu schreiben bedeutete für sie nicht, das Sprechen zu ersetzen, denn sie schrieben nicht im Plauderton, sondern wohlüberlegt, und suchten für die Sache, um die es ging, den schönsten Ausdruck, der Sache wegen, aber auch aus Lust am Klang der Wörter, den sie, wenn einmal ein Satz gelungen war, in ihrem Überschwang für die Sache hielten.

Wer in dieser im gesetzten Ton frühbürgerlichen Erzählens gehaltenen Anfangspassage einen Kommentar des Autors zum eigenen Schreiben erkennt, der liegt nicht falsch. Der Plauderei die Kunst des angemessenen Ausdrucks entgegenzusetzen und die Schönheit des Klangs nicht geringer zu schätzen als die Sache: Das sind künstlerische Grundsätze, die Michael Scharang unerbittlich verficht. "Komödie des Alterns" verbindet die Handlung mit Programmatischem, den Inhalt mit Ideen und bietet mit der Geschichte einer Männerfreundschaft den idealen Rahmen, um das Thesenhafte in den Erzählfluss zu integrieren. Heinrich Freudensprung, Sohn eines antifaschistischen Arbeiters, stammt wie sein Schöpfer aus dem steiermärkischen Kapfenburg und entwickelt sich zum Schriftsteller; Zacharias Sarani kommt aus höchsten Kairoer Kreisen und wird Ingenieur. Seit er, Absolvent der deutschen Schule, als 17-Jähriger den gleichaltrigen Heinrich beim Praktikum in einem Stahlwerk kennenlernte, sind ihre Lebensläufe miteinander verflochten. Nun sind sie 60 und mit einem Mal Feinde.

Sinnesverwirrt und kraftlos traten sie gegeneinander an, zwei brüchige Windmühlen, die sich für Ritter hielten, bereit zum tödlichen Hieb gegen den Halunken, der, so wüst dachten sie voneinander, diese schöne Freundschaft gemein verraten hatte. Für beide gab es nur einen Schuldigen: den anderen.

Der plötzliche, altersstarrsinnige Hass der beiden wird zum Motor ihrer Erinnerungen. Heinrich hat sich aus seiner Teilzeitheimat New York in Kairo angemeldet, Sarani wartet auf ihn. Der eine wie der andere reflektiert, während er sich die Begegnung in düsteren Farben ausmalt, all das, was ihn mit dem andern verbindet, einschließlich der fruchtbaren Gegensätze. Der Leser erlebt beider Jugend, Ortswechsel, Liebesgeschichten und vor allem jene Entwicklung mit, die in der Gründung einer ökologisch und ökonomisch revolutionär organisierten Farm in der Wüste bei Kairo kulminierte, welche noch auf die Angliederung einer Akademie wartet: "Die Farm war das Unternehmen, die Akademie die Unternehmung." Während zugleich die Serie von Enttäuschungen aufgedeckt wird, die Heinrich und Zacharias einander gegenseitig anlasten, ahnt der Leser, dass diese Freundschaft unzerstörbar ist und die Vorwürfe nur auf Missverständnissen beruhen können. Der tiefere Grund liegt im herannahenden Ende selbst:

Manchmal war er so schwermütig, dass er, da er die Ursache im Seelischen und Körperlichen nicht fand, sie im Alter suchte, im Herunterbrennen der Kerze, wie er dachte, die einem die einzige Wahrheit zuflackert, die sie zu bieten hat: dass sie nicht mehr lange brennt.

Die Komödie, von der der Titel spricht, entsteht durch die paradoxe Anlage, dass das trotzig herbeigerufene Ende der Freundschaft zu einer Rekapitulation und damit Rettung eben dieser Freundschaft führt und sich die beiden lebensmüden Männer, kaum wieder vereint, ihrer Lust am Leben versichern. Das Prinzip des Widerspruchs bestimmt den gesamten Roman. Abwechselnd erteilt er seinen Hauptfiguren das Wort und den Blickwinkel, unter dem sie wiederum ihren jahrzehntelangen Dialog memorieren – über die ästhetischen und politischen Fragen auf dem Weg zu einer freien Gesellschaft. Etwa, dass der kritische Geist stets einen hermetischen Zug besitzt:

Kunst und Philosophie seien im besten Fall geheime Dienste, die im wesentlichen sich selbst dienten. Oder aber sie würde freiwillig abdanken, ins Lager der Herrschaft überlaufen und zu dessen Zierrat werden, Kunst zu Kunstgewerbe, Philosophie zu Meditation.

Adornos Diktum "Es gibt kein richtiges Leben im falschen" haben die Freunde vervollständigt: "Es gibt auch kein falsches Leben im richtigen." Auch innerhalb ihrer aufeinander bezogenen Selbstverständigungen, die, wie um dem Musilschen Möglichkeitssinn eine Form zu geben, fast immer im Konjunktiv gehalten sind, regiert das Paradox. So erfahren wir, dass der Geschmack ebenso wie die Geschmacklosigkeit ein Feind der Kunst und die Erneuerung der Widerpart der Neuerung ist. Und die Freundschaft erhält folgende Definition:

Gemeinhin seien die Menschen einander zugetan in Liebe, Sexualität oder durch Interessen ... Sie beide, Heinrich und Zacharias, verbinde nichts. Das sei Freundschaft.

In vielem erinnert Scharangs Roman an jene des gleichaltrigen deutschen Romanciers Gerd-Peter Eigner, der das Thema Männerfreundschaft reich und lebenssatt, dabei aber wesentlich melancholischer auskomponiert. Während jedoch Eigners Protagonisten in die Rollen eines Zuhörenden und eines Monologisierenden auseinanderfallen, erklärt der wesentlich politischere Scharang in seinem klug gefügten, gedanklich radikalen und menschlich warmen Roman die Freundschaft zu einem utopischen Element, einem Labor des guten Lebens.

Michael Scharang, Komödie des Alterns. Roman. Suhrkamp Verlag 2010, 252 S.

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