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StartseiteCampus & KarriereWie verteilen Lehrer Aufmerksamkeit?06.04.2017

Labor: Eye-TrackingWie verteilen Lehrer Aufmerksamkeit?

Lehrer müssen einen guten Überblick über ihre Klasse haben - doch gelingt es ihnen, ihre Aufmerksamkeit gerecht zu verteilen? Das soll mit sogenannten Eye-Tracking-Brillen getestet werden, die die Augenbewegungen der Lehrer aufzeichnen. Eine Studie legt auch Aussagen über den Lernerfolg der Schüler nahe.

Von Ulrike Mix

Eine Lehrerin sitzt vor ihrer Klasse (imago stock&people)
Eine Lehrerin sitzt vor ihrer Klasse (imago stock&people)
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Knapp 30 Schüler einer 6. Klasse sitzen in der Französischen Schule in Tübingen an langen Tischreihen. Sie sind um die zwölf Jahre alt. Ihre Schule ist eine Gemeinschaftsschule. Einige von ihnen werden wohl einmal in den Gymnasialzug wechseln. Andere einen mittleren Bildungsabschluss anstreben. Drei sind Inklusionskinder mit speziellem Förderungsbedarf - einer von ihnen ist Autist.

"Zwei Minuten – alle Aufmerksamkeit bitte kurz hier nach vorne!"

Die meisten Schüler passen auf, als Lehrerin Katja Braun erklärt, was sie im Englischheft machen sollen. Andere bemalen sich leise kichernd mit roter Tinte, um später zu erzählen, sie hätten sich verletzt. Manche unterhalten sich. Einer steht auf, weil er mit einem Jungen Unsinn machen, will, der weiter vorn sitzt. Alltag für Katja Braun. Wo schaut sie beim Unterrichten hin?

"Es kommt drauf an, in welcher Situation ich bin, ob ich einzelne Kinder anschaue, wenn ich merke, die sind nicht aufmerksam, wenn ich die Aufmerksamkeit will. Natürlich gucke ich auch an die Tafel, ich gucke ans Ende vom Klassenzimmer. Und ich glaube so Bewegungen von Schülern und die Frage, ob sie aufmerksam sind oder nicht, nehme ich wahrscheinlich am ehesten mit peripherem Sehen wahr."

Junglehrer haben Probleme, eine Klasse im Blick zu behalten

Was sie sieht, schätzt sie sofort ein: Muss sie einschreiten – oder lässt sie eine Situation besser laufen? Reicht ein "Psst!" oder spricht sie einen Schüler direkt an?

Eine ganze Klasse im Blick haben und schnell Entscheidungen treffen. Genau das können erfahrene Lehrerinnen und Lehrer wie Katja Braun in der Regel gut, sagt Professorin Kathleen Stürmer vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen. Monitoring nennt sie es. Junglehrer haben dagegen oft Probleme, eine ganze Klasse im Blick zu behalten - und so allen das Gefühl zu geben, dass sie Aufmerksamkeit bekommen. Dabei ist genau das immens wichtig.

"Es gibt eben Studien, die zeigen, dass in Klassenverbänden, wo der Lehrer in der Lage ist, eher eine Gleichverteilung von Aufmerksamkeit bereit zu stellen, dass das tatsächlich sich sehr positiv insgesamt auf den Lernerfolg der Schüler auswirkt. Und deswegen ist dieses Monitoring eben auch eine wichtige Fähigkeit."

Tim Koglin ist 28 und Junglehrer. Auch er unterrichtet in der 6. Klasse der Gemeinschaftsschule. Er hat das Gefühl, dass er zu stark auf Schüler eingeht, die den Unterricht stören.

"Ich glaube, dass die noch zu viel Raum einnehmen bei mir - und mein Entwicklungsziel für die nächsten Jahre wäre schon, dass ich gerade diejenigen, die Aufmerksamkeit im positiven Sinne suchen, also durch gute, qualitativ hochwertige Beiträge, dass ich denen mehr Raum gebe, noch mehr Raum."

Einfluss der Körpersprache

Während des Studiums bekommen die meisten angehenden Lehrer kaum Möglichkeiten, sich selbst vor einer Klasse zu erleben. Im Referendariat dagegen hat Tim Koglin immer wieder Rückmeldungen erhalten, wie er vor der Klasse wirkt, wohin er schaut und was er verbessern kann. Er hat sich auch schon selbst auf Videoaufnahmen gesehen.

"Also ich habe gemerkt, dass ich beispielsweise dazu neige, vor einer Klasse eher in die rechte Richtung zu schauen. Und das war für mich ein ganz wertvolles Korrektiv, weil es mir die Tatsache, dass ich das tue, erst bewusst gemacht hat und ich erst dadurch besser drauf achten konnte."

Bildungsforscherin Kathleen Stürmer bestätigt: Je mehr junge Lehrer über ihre Körpersprache, ihre Art, Fragen zu stellen, oder eben auch ihre Art, eine Klasse anzusehen, wissen, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie guten Unterricht halten, der alle anspricht.

Die Forschung beschäftigt sich schon länger damit, wie Lehrer ihre Aufmerksamkeit verteilen. Bisher wurden Lehrerinnen und Lehrer im Klassenzimmer gefilmt - oder sie saßen vor einem Bildschirm und verfolgten darauf eine Unterrichtssituation als Video. Ihre Augenbewegungen wurden dabei analysiert. Wohin schauen die Lehrer - und wie lange? Eye Tracking nennt sich das Verfahren. 

Kathleen Stürmer hat den Ansatz zusammen mit Kollegen weiter entwickelt: Sie wollte den Unterricht nicht von außen, sondern direkt aus der Perspektive der Lehrer aufzeichnen - in einer möglichst natürlichen Unterrichtssituation. Das funktioniert mit einer Kamera-Brille, die die Augenbewegungen des Lehrers oder der Lehrerin aufzeichnet.

"Im Prinzip wird die Dauer der Fixation und die Häufigkeit der Fixation aufgezeichnet, das heißt: Wir können genau sehen, wie oft wird jemand angeschaut und wie lange."

Zusätzliche Videoaufnahmen vom Unterricht

Der neue Ansatz wurde schon in einem Mini -Versuch getestet: Sieben Lehreramtsstudierende haben vier Schüler unterrichtet. Das Ergebnis: Überraschenderweise waren die Lehrämtler nicht einmal in dieser Mini-Klasse in der Lage, ihre Aufmerksamkeit gleichmäßig zu verteilen.

"Sondern es wurde wirklich mit einem Lernenden interagiert - und dabei war es ganz, ganz unterschiedlich, mit welchem Lernenden."

Da sich die Eye-Tracking-Brillen im Mini-Versuch bewährt haben, soll im Herbst ein DFG-Projekt mit einer echten Schulklasse und je 30 erfahrenen und unerfahrenen Lehrern anlaufen. Davon erhoffen sich Kathleen Stürmer und ihre Kollegen genauere Ergebnisse. Denn sie wollen dann nicht nur per Brille die Augenbewegungen aufzeichnen. Die Lehrenden sollen sich auch ein Video ihres Unterrichts ansehen und erzählen, wie sie selbst die entsprechenden Situationen wahrgenommen haben. So soll ein vollständiges Bild entstehen, das möglicherweise noch mehr Anfängerfehler aufdeckt, und hilft, sie künftig zu vermeiden.

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