• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

StartseiteDeutschland heute"Das sieht aus wie ein Gefängnis" 07.11.2016

Lärmschutzmauer um Münchener Flüchtlingsheim"Das sieht aus wie ein Gefängnis"

Jahrelang stritten Anwohner des Münchner Viertels Neuperlach und die Stadt über eine neue Flüchtlingsunterkunft. Nun nimmt der Kompromiss Gestalt an, auf den sich beide Seiten einigten: Eine Lärmschutzwand schirmt das Heim von den umliegenden Wohnhäusern ab. Vier Meter hoch ist die massiv wirkende Wand - höher als die Berliner Mauer.

Von Susanne Lettenbauer

Eine Lärmschutzwand ist in München (Bayern) auf der Baustelle für eine Flüchtlingsunterkunft zu sehen. Anwohner hatten die Mauer als Lärmschutz im Stadtteil Neuperlach durchgesetzt. Die Unterkunft für jugendliche Flüchtlinge ist noch nicht in Betrieb.  (Deutschlandradio / Susanne Lettenbauer)
Dass die Mauer um das Flüchtlingswohnheim vier Meter hoch sei, habe lediglich mit dem Lärmschutz zu tun, sagt ein Anwohner des Münchner Stadtteils Neuperlach. (Deutschlandradio / Susanne Lettenbauer)
Mehr zum Thema

Integration von Flüchtlingen Ein Gesetz im Fadenkreuz der Kritik

Bautzen Bürgermeister will mehr Flüchtlinge unterbringen

Flüchtlinge in Sumte Ein Flüchtlingsheim als Wirtschaftsfaktor

Typus Nachbarschaftsterroristen Gefährliche Dynamik am rechten Rand bekämpfen

Streit um Flüchtlingsunterkunft Kettensägen-Massaker in Hamburg

TUI-Chef Joussen: "Kann keine Lösung sein, dass wir anfangen, Zäune zu bauen"

München-Neuperlach, Nailastraße. Ein Wohngebiet im Süden der Stadt, nichts besonderes, kleine Reihenhäuser. In Sichtweite stehen mehrstöckige Sozialbauten von einer der größten Großwohnsiedlungen Deutschlands, ein Hauch von Berlin-Marzahn. Schneeregen macht die Gegend derzeit noch ein wenig unwirtlicher.

Die Bevölkerung hier ist bunt gemischt, von den 55.000 Einwohner hat jeder zweite einen Migrationshintergrund. Hier ein Häuschen ist zwar nicht billig, aber man will stolz darauf sein. Und seine Ruhe haben:

"Mei, das wird uns jetzt wieder von der Presse so aufgedrückt. Wir wollen uns natürlich nicht abschotten. Wir haben nur gesagt: Wenn das so nah an der Siedlung ist, was ja normalerweise nicht ist in München, dann brauchen wir irgendwas gegen Lärm."

"Wir wollen uns nicht abschotten"

Plötzlich kämen sie jetzt alle, die Medien und die Kritiker und Befürworter, sagt dieser Anwohner, der zwar nicht zu den Klägern gehört, aber die Diskussion beobachtet hat. Dabei habe man schon seit Monaten diskutiert, sei vor das Verwaltungsgericht gezogen. Dass die Mauer nun vier Meter hoch sein, höher als die Berliner Mauer, habe mit dem Lärmschutz zu tun:

"Da wird ein Bolzplatz gebaut und so weiter. Das ist ja in Ordnung für die Leute da, wir wollen ja nicht abschotten. Das war ja die Meinung der Klagegemeinschaft, die gesagt hat, irgendwas brauchen wir gegen den Lärm. Wir wollten eigentlich einen Lärmschutzwall, aber das war dann aus räumlichen Gründen nicht möglich."

Man sei von der Stadt einfach nicht eingebunden worden in die Planungen rund um das Flüchtlingsheim, betont ein anderer Anwohner, der bereitwillig Auskunft gibt an der Haustür. Er hat gemeinsam mit seinen Nachbarn geklagt:

"Nein, nein, das ist jetzt eigentlich so in Ordnung, das ist auch ein Kompromiss, ja. Einen Kompromiss kann man erst mal positiv sehen oder negativ, aber so ist es erst mal in Ordnung. Wir haben uns auch nie gegen diese Einrichtung an sich gewendet, das muss man auch mal deutlich sagen. Wir haben nur gesagt, dass muss in einer vernünftigen Größenordnung passieren.

"Die Anwohner müssen besser informiert werden"

Es wäre sicher besser, man würde mal ein bisschen mehr Geld in die Hand nehmen und in ganz München dezentralere, kleinere Einrichtungen bauen, als einfach immer nur, da setze ich einen großen Topf hin und da. Das führt eigentlich nicht zu einer Integration."

Zuerst habe es geheißen, es kämen 300 minderjährige Flüchtlinge zwischen 12 und 18 Jahren, jetzt sollen es plötzlich auch bis zu 25-Jährige sein. Zu dem geplanten zweistöckigen Bau käme ein Bolzplatz hinzu, ein Aufenthaltsgelände - da kann es im Sommer schon laut werden. Bei jedem anderen Bolzplatz hätte die Stadt München auch eine Lärmschutzwand bauen müssen, sind sich die Kritiker einig:

"Wir sind momentan zufrieden, man muss dann sehen, wie es sich entwickelt. Wahrscheinlich geht es gut, aber das weiß man ja nicht. Dann muss man eben nachjustieren, wenn es nicht gut geht."

Dick in ihre Jacke gewickelt kommt eine Frau mit drei Hunden den Fußgängerweg entlang. Die Mauer sieht man von hier aus nur durch hohe Bäume, die auch schon Sichtschutz geben. Aber eben keinen Lärmschutz, gibt die Frau zu bedenken:

"Ja, grundsätzlich finde ich halt, müssen die Anwohner immer besser informiert werden und dieses zögerliche Informieren finde ich einfach schlecht. Das geht uns ja schon was an."

Kritik an chaotischer Planung der Stadt München

Man sei überhaupt nichts ausländerfeindlich, betont sie ein ums andere Mal. Wenn jemand Schutz benötige, muss man ihn gewähren. Nur wie chaotisch die Stadt München plant und wie wenig die Bürger eingebunden würden, dass müsse man kritisieren. Ihr würden die Flüchtlinge nur leidtun, ergänzt sie noch:

"Das sieht aus wie ein Gefängnis. Da freuen sich die jungen Leute, wenn sie kommen. Guter Empfang."

Beim Verein "München ist bunt", der sich vor einem Jahr besonders um die ankommenden Flüchtlinge kümmerte, will man sich zu der vier Meter hohen Lärmschutzwand noch nicht äußern. Man müsse sich erst ein Bild davon machen. Dass die Mauer vier Meter hoch sei, habe man erst aus den Medien erfahren.

Auch beim Kreisverwaltungsreferat und beim Sozialreferat fühlt man sich nicht zuständig, die Diskussion darüber kenne man nur aus den Medien. Irgendwann nach etlichen Telefonaten erfährt man, dass die dritte Bürgermeisterin Christine Strobl die Verhandlungen mit den Anwohnern geführt hat. Für ein persönliches Statement ist Strobl so kurzfristig nicht zu erreichen.

Die Kritik an der übermannshohen Mauer erwischt Oberbürgermeister Dieter Reiter kalt, ihn, der immer den Dialog gesucht hat mit den Flüchtlingen, auch bei Hungerstreikdemonstrationen wie kürzlich am Sendlinger Tor-Platz. Seine Flüchtlingspolitik habe sich überhaupt nicht verändert, sagt ein Sprecher. Man stehe nach wie vor zur Willkommenskultur. Bei jedem anderen Kinderspielplatz oder einer neuen Kindertageseinrichtung hätten Anwohner ähnlich reagieren können. Mit Flüchtlingen habe das primär nichts zu tun.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk