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StartseiteInterview"Flüchtlinge sitzen in der Falle"03.03.2016

Lage in Griechenland"Flüchtlinge sitzen in der Falle"

In Griechenland und auf dem Balkan seien derzeit viele Flüchtlinge regelrecht gefangen, sagte Janti Soeripto von der Kinderhilfsorganisation Save the Children im DLF. Durch die Grenzschließungen in der Region sei die Lage dramatisch. Der EU machte sie schwere Vorwürfe.

Janti Soeripto im Gespräch mit Tobias Armbrüster

In Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze stehen am 2.3.2016 Flüchtlinge vor einem Grenzzaun. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
In Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze sitzen derzeit viele Flüchtlinge fest. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
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Janti Soeripto war bis vor wenigen Tagen selbst für ihre Hilfsorganisation im griechischen Grenzort Idomeni. Die Menschen seien verzweifelt. Sie habe dort Frauen mit Babys gesehen, die auf der Flucht geboren worden seien. Das Flüchtlingslager in Idomeni sei ursprünglich nur für 1.200 Flüchtlinge ausgerichtet gewesen, mittlerweile hielten sich dort über 10.000 Menschen auf. Es fehle an Nahrungsmitteln und Wasser. Auch sanitäre Einrichtungen gebe es zu wenige. Die griechische Regierung ist nach Soeriptos Einschätzung mit der Situation überfordert.

Viele Flüchtlinge könnten durch die Grenzschließungen in der Region "nicht vor oder zurück", so Soeripto. Die Abschreckungspolitik der EU wird aus ihrer Sicht scheitern. Sie machte der Staatengemeinschaft außerdem Vorwürfe: Politiker seien "eher daran interessiert, Grenzen zu schützen als Kinder."


Das komplette Interview zum Nachlesen:

Tobias Armbrüster: In dieser europäischen Flüchtlingskrise, da richten sich in diesen Tagen alle Augen auf das Flüchtlingslager in Idomeni in Griechenland. Tausende von Flüchtenden sind dort gestrandet. Das Lager liegt an der Grenze zu Mazedonien, und das Land hat diese Grenze dichtgemacht. Jetzt füllt sich das Lager in Idomeni von Tag zu Tag mit weiteren Menschenmassen, die einfach nicht weiterkommen, die sozusagen in dieser Sackgasse gelandet sind. Viele Helfer aus vielen Ländern sind im Lager und im Grenzgebiet unterwegs. Eine von ihnen ist Janti Soeripto von der Hilfsorganisation Save the Children. Sie war bis vor wenigen Tagen in Idomeni selbst und hat sich dort umgesehen. Schönen guten Morgen, Frau Soeripto.

Janti Soeripto: Guten Morgen.

Armbrüster: Frau Soeripto, was können Sie uns sagen? Wie ist die Lage, die Stimmung in diesem Lager in Idomeni?

Soeripto: Die Stimmung, die Menschen sind sehr verzweifelt, würde ich sagen. Sie wissen nicht, wie es jetzt weitergeht. Jeden Tag gibt es eine andere Lage, etwas Neues. Es sind mittlerweile Frauen und Kinder dort, sehr kleine Kinder. Ich habe schon zehn Tage alte Babys gesehen, die in Griechenland geboren wurden und jetzt in Idomeni sitzen. Die Camps sind mittlerweile völlig überfüllt. Es fehlt an allem, Nahrungsmitteln, sauberes Wasser, die sanitären Anlagen reichen nicht aus. Idomenis Kapazität war 1200, jetzt gibt es über 10.000 Leute da.

Armbrüster: Wir sehen bei den Bildern immer, dass dort eine Menge Zelte stehen. Haben die Leute dort alle einen sicheren Platz zum Schlafen zumindest, einen Platz im Trockenen unter einer Zeltplane?

Soeripto: Das gibt es jetzt. Aber ich würde sagen, vor einigen Tagen gab es viele, viele Leute, die draußen schlafen mussten, ohne Zelte. Jetzt haben die humanitären Organisationen die Zelte gekauft innerhalb von zwei, drei Tagen und jetzt haben die meisten Leute ein Zelt. Aber es ist wirklich so: Die Anlagen reichen nicht.

Armbrüster: Was macht denn die griechische Regierung, die Regierung in Athen, um die Menschen dort zu versorgen und um ihnen zu helfen?

Soeripto: Politiker sind mehr daran interessiert, die Grenzen zu schützen als die Kinder

Soeripto: Ich würde sagen, die griechische Regierung versucht, aber ist gar nicht präpariert für diese vielen zehntausende Leute, die jetzt an der ganzen Route entlang sitzen. Es geht nicht nur um Idomeni, sondern an der Route entlang gibt es viele Tausende Leute. Die werden aufgehalten, weil die Grenzen geschlossen sind. Mehr und mehr Menschen sind irgendwo in Serbien, in Mazedonien, in Griechenland gefangen. Sie können nicht vor oder zurück. Ich habe Leute gesehen mit kleinen Kindern im Niemandsland zwischen Griechenland, Serbien und Mazedonien auch. Die europäische Abschreckungspolitik scheitert. Die politischen Leute sind mehr daran interessiert, die Grenzen zu schützen als Kinder.

Armbrüster: Wieso gehen denn eigentlich immer noch Menschen in dieses Lager zum Beispiel nach Idomeni, wenn sie doch wissen, dass sie von dort eigentlich nicht weiterkommen?

Soeripto: Diese Leute fliehen. Die meisten von ihnen kommen aus Syrien, aus Afghanistan. Diese Leute fliehen vor Krieg. Sie haben keine Schulen, es gibt Bomben, sie sind wirklich Flüchtlinge. Sie werden weiter kommen. Wenn man etwa ein zwei Wochen altes Baby mitnimmt auf einem wirklich furchtbaren Schiff, dann werden diese Leute trotzdem nicht in Syrien bleiben. Sie werden weiter kommen und die Grenzschließungen führen nur dazu, dass sie wie in einer Falle sitzen.

Armbrüster: Ihre Organisation Save the Children, die beschäftigt sich jetzt vor allem mit der Lage der Kinder. Was können Sie denn sagen, was macht diese Flucht, was macht so eine Flucht mit einem Kind? Was richtet das im Kopf eines Kindes an?

Soeripto: Für die Kinder traumatisch

Soeripto: Save the Children operiert auch in Deutschland, in Tempelhof zum Beispiel. Das ist eine Oase innerhalb eines Camps einer Route entlang, wo ein Kind ein Kind sein kann. Wir spielen mit ihnen und wir geben ihnen eine kurze Ruhepause von dieser schrecklichen Umgebung. Und das macht viel für die Kinder. Die Eltern sind sehr gestresst. Die Kinder werden separiert von den Eltern und von den Familien. Wir sind sehr besorgt um Kinder, die alleine reisen oder separiert wurden von den Eltern. Und es ist dann schwierig, die Familien zu vereinigen. Das ist traumatisch!

Armbrüster: Vielen Dank! - Janti Soeripto war das von der Organisation Save the Children über die Lage der Kinder im griechisch-mazedonischen Grenzgebiet. Vielen Dank, Frau Soeripto, dass Sie heute Morgen Zeit für uns hatten.

Soeripto: Vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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