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StartseiteBüchermarktLand. Eine koreanische Familiensaga14.09.2005

Land. Eine koreanische Familiensaga

Ein Romanzyklus von Pak Kyongni

Hauptsache, man behält den Überblick. Der ist bei unaufmerksamer Lektüre von Pak Kyongnis Romanzyklus nämlich schnell verloren. Der Zyklus heißt ganz lakonisch einfach nur "Land", doch so kurz wie der Titel, so lang ist das Werk: Es umfasst zehn dicke Bände, in denen 730 Personen auftreten, davon etwa 150 Hauptfiguren. Man denkt, man habe es mit Proust oder Dostojewski in potenzierter Form zu tun, und ist dankbar für das Personenverzeichnis am Ende jedes Bandes.

Von Katharina Borchardt

Opfer von japanischen Kriegsverbrechen Süd-Korea protestieren gegen Japans Umgang mit seiner Vergangenheit. (AP Archiv)
Opfer von japanischen Kriegsverbrechen Süd-Korea protestieren gegen Japans Umgang mit seiner Vergangenheit. (AP Archiv)

Der größte Teil des Romanzyklus' "Land" spielt im südkoreanischen Dorf Phjongsari. Die gesellschaftlichen Rollen sind klar verteilt: Da gibt es auf der einen Seite die Grundbesitzerfamilie Tschhö, der alles Land im Umkreis gehört. Auf der anderen Seite stehen die, die auf dem Land der Tschhös leben: Pachtbauern und Handwerker, Lehrer und auch ein paar Diebe. Eines Tages gibt es Streitigkeiten innerhalb der Tschhö-Familie und Probleme mit den Japanern, die Korea in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besetzt halten. Viele Dorfbewohner fliehen daraufhin nach Kando. Kando liegt auf chinesischem Gebiet, nahe der heutigen Grenze zu Nordkorea. Diese Region wurde um 1910 herum von koreanischen Flüchtlingen geradezu überschwemmt. Die japanische Kolonisation und die Flucht so vieler Koreaner außer Landes haben dem koreanischen Selbstbewusstsein arg zugesetzt, sagt Helga Picht, eine der Übersetzerinnen von "Land":

" Das bedeutete Verlust der koreanischen Unabhängigkeit, was für viele Koreaner eben auch Verlust der Identität bedeutete. Und in diesem Teil des Romans kommt das dadurch zum Ausdruck, dass viele nach [...] Kando geflohen sind und versucht haben, dort ihre Existenz zu sichern und sich aber auch in Verbindung mit der chinesischen demokratischen Bewegung an Unabhängigkeitsbewegungen zu beteiligen und gegen die Japaner zu kämpfen."

Der dritte und frisch erschienene Teilband von "Land" ist dieser Zeit in Kando gewidmet. Kando ist zu jener Zeit ein Schmelztiegel ganz Ostasiens: Dort mischen sich chinesische Händler und japanische Spione, koreanische Flüchtlinge und auch ein paar Russen. Und mittendrin die Dorfbewohner, die man schon aus den ersten beiden Bänden kennt: Da ist zum Beispiel die 19jährige Sohyi, die letzte Repräsentantin der Grundbesitzerfamilie Tschhö. Obwohl auch sie in Schwierigkeiten steckt, beschäftigt sie nach wie vor Diener und Handlanger. Und es gibt Wolson, die eine Reisküche aufgemacht hat. Oder die Imi-Mutter, die in dieser Reisküche arbeitet und Wolson ständig um Geld betrügt. Es gibt Kim Tusu, einen Koreaner, der mit den Japanern kollaboriert. Und Menschen wie den Lehrer Song, der seinen Schülern Nationalstolz zu vermitteln versucht:

"Ihr dürft nicht vergessen, dass dieser Ort, an dem wir jetzt leben, dieses Kando, in grauer Vorzeit einmal unser Land war, dass auch unsere Eltern noch in jüngster Zeit Blut und Schweiß vergossen haben, um das Land zu kultivieren, und dafür von den Chinesen in der Geschichte unermessliches Elend erlitten haben. Sie brauchten nur chinesische Zöpfe flechten und lange Gewänder anziehen, um sich assimilieren zu lassen, und hätten das Land zum ihrigen machen können, aber unsere Eltern haben keine Zöpfe geflochten, keine lange Gewänder angezogen und haben sich nicht angepasst. Warum? Weil für sie nicht mehr Koreaner zu sein trauriger gewesen wäre als alles Elend, alle andere Trauer."

An Elend und Trauer fehlt es in der misslichen Lage, in der sich alle Flüchtlinge befinden, wahrlich nicht. Jeder versucht, irgendwie zurecht zu kommen:

Sie redeten weiter darüber, was wohl aus ihnen werden sollte. Allerlei Vorschläge - ob man ins Bergwerk gehen, oder besser nach Korea zurückkehren oder Ackerbau betreiben sollte - tauschten sie aus. Doch keiner hatte einen Plan, was er machen oder wohin er gehen wolle. Da sie jeden Tag dasselbe redeten, machten sie nicht nur keine Pläne, sondern schienen es auch nicht sehr ernst zu nehmen, und ihre Gesichter waren kaum sorgenvoll. Irgendwie würde es schon gehen.

Pak Kyongni hat mit "Land" ein wahres Meisterwerk geschrieben. Sie entwirft ein epochales Panorama der koreanischen Gesellschaft in der der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: vielschichtig und detailreich, was natürlich mit der großen Zahl der Figuren und ihren je unterschiedlichen Lebensumständen und Handlungsmotiven, Charakteren und Gedanken zu tun hat. Die inzwischen fast 80jährige Autorin hat 25 Jahre lang an diesem Romanzyklus gearbeitet. Entstanden ist ein äußerst modernes Werk. Es unterscheidet sich von traditionellen Erzählweisen dadurch, dass von Kapitel zu Kapitel immer wieder andere Figuren zu Hauptfiguren und dann wieder zu Nebenfiguren werden. Kaum eine der fiktiven Personen taugt dabei zum positiven Helden, da Pak Kyongnis Charakterstudien nie eindimensional ausfallen. Der Übersetzung durch Helga Picht und Han Jung-hwa gelingt es, diese Vielschichtigkeit ins Deutsche zu übertragen. Viele Koreaner zweifeln aber wohl bis heute, dass man "Land" überhaupt in eine andere Sprache übertragen kann, weiß die Übersetzerin Han Jung-hwa:

" Für die Koreaner ist das Werk der Roman Koreas und glauben, [...] das kann nur ein Koreaner verstehen. Sie sind immer noch der Meinung, dass [...] niemand von einer anderen Nation [...] diesen Roman verstehen kann."

Das stimmt glücklicherweise aber nicht. Vielmehr muss man genau das Gegenteil feststellen: "Land" darf nicht nur als koreanische Nationalliteratur verstanden werden. "Land" ist das, was die Koreaner sich immer wieder wünschen und sich doch oft nicht zutrauen: nämlich Weltliteratur. Es ist noch nicht lange her, dass Kim Uchang bedauerte, dass die koreanische Literatur vom Rest der Welt nicht angemessen beachtet würde. Kim Uchang ist Hauptorganisator des koreanischen Auftritts bei der Frankfurter Buchmesse. Es stimmt, dass koreanische Literatur in Deutschland bisher wenig wahrgenommen wird. Das liegt wohl vor allem daran, dass sich die großen deutschen Verlage der koreanischen Literatur bislang nur sehr selten annehmen. So erscheinen die literarischen Schätze aus Korea allenfalls in kleinen Verlagen und bleiben leider weitestgehend unentdeckt. So ergeht es auch dem Romanzyklus "Land" von Pak Kyongni. Der secolo-Verlag aus Osnabrück beheimatet das langwierige Übersetzungsprojekt. Wenn man weiß, wie wenig Geld so ein Verlag mit einem so arbeits- und zeitintensiven Projekt verdient, dann kann man über die sorgfältige Gestaltung der Bände nur staunen. Solche Schätze aus Ostasien aus ihren Verlagsnischen ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen, wird eine Aufgabe der nächsten Buchmesse sein.

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