Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteInformationen am MorgenKein Schulfriede im Land13.10.2017

Landtagswahl in NiedersachsenKein Schulfriede im Land

Für die sechs Millionen Wahlberechtigten in Niedersachsen ist es das zentrale Thema: die Bildungspolitik. Woche für Woche fallen abertausende Schulstunden aus. Vor allem Grundschulen leiden unter grassierendem Personalmangel. Studien zeigen: Quer durch alle Schulformen sind Pädagogen überlastet.

Von Alexander Budde

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Eine Lehrerin steht mit einem Tablet in der Hand an der Tafel und schreibt Mathe-Aufgaben an (dpa / picture alliance / Julian Stratenschulte)
Mathematik-Unterricht an einer Gesamtschule: Inklusion, Sprachförderung für Flüchtlingskinder und Verwaltungsaufgaben bedeuten viele Stunden Mehrarbeit für Lehrer. (dpa / picture alliance / Julian Stratenschulte)
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300 Jahre Schulpflicht Bildungshistoriker: Schule muss sich selbst neu erfinden können

An diesem Morgen führt Frank Post den Reporter durch ein verwaistes Schulgebäude. Stille in der Aula. Wo sie so gern ihre Gedichte, Lieder und Erkenntnisse aus dem Unterricht präsentieren sind Stühle und Bänke beiseite geräumt. Die Aula wird am Sonntag zum Wahllokal.

Reporter: "Aber Herr Post, wo sind denn ihre ganzen Schüler hin?"

Frank Post: "Ja, die Schüler sind alle noch in den Schulferien – und hier im Stadtteil freut man sich sehr auf den Montag, wenn´s dann wieder losgeht."

Reporter: "Und wieso treffe ich Sie jetzt hier an, im Schulgebäude?"

Frank Post: "Sie treffen mich, weil tatsächlich ich eine kleine To-do-Liste habe."

Frank Post leitet die Grundschule Fuhsestraße in Hannover-Leinhausen: 249 Schüler, 23 Lehrer, 13 pädagogische Mitarbeiter. Der Stadtteil im Westen der Landeshauptstadt lockt mit bezahlbarem Wohnraum. Überdurchschnittlich viele prekär Beschäftigte leben hier laut Armutsbericht, viele Kinder wachsen zweisprachig auf.

"Mein Ansinnen war immer, für Schüler da zu sein, die Schule tatsächlich brauchen!"

Jeder hat das Recht auf gute Bildung

Im Rektorenzimmer: Post, 61 Jahre alt, Diplompädagoge und Mitglied der Lehrergewerkschaft GEW,  tritt ans Regal. Eine Galerie von Hebelheftern und Hängeordnern zeugt von emsiger Papierarbeit. Zwar steht ihm eine Konrektorin zur Seite, doch Schulleitern wie Post wurden über die Jahre immer neue Aufgaben zugeteilt: Er muss zum Beispiel die Sprachförderung in den umliegenden Kitas für die bald Schulpflichtigen abstimmen. Er muss seine Mitarbeiter für den täglichen Unterricht und die 40 Arbeitsgemeinschaften pro Woche im Rahmen des Ganztags koordinieren. Und er muss bis zu 20 Zeitstunden für jedes einzelne Gutachten einplanen, das die Lernentwicklung eines Inklusionskindes beschreibt.

"Für uns ist es schon von Bedeutung, dass wir gute Entscheidungen treffen, denn Kinder mit Handicap wie hier dieses Kind, was eine Hörbeeinträchtigung hat, die haben ja das Recht auf eine gute Bildung. Und wir als Grundschule möchten, dass diese Kinder auch entsprechend gefördert werden können – und nicht, wie es bisher immer war, ihnen das allgemeine Schulsystem verschlossen blieb."

Rückblende: Mitte September präsentiert sich Post als einer von zunächst zehn Grundschullehrern, die wegen zu hoher Arbeitsbelastung an die Fürsorgepflicht des Landes als Dienstherren appellieren und mit Klagen vor den Verwaltungsgerichten drohen. Der Pädagoge argumentiert, dass sich sein Aufgabenprofil durch Inklusion, Integration und Ganztag gründlich gewandelt habe. Unverändert blieb jedoch die Arbeitszeitverordnung, die seit 20 Jahren gilt.

"Der Lehrerberuf wird von uns geschätzt, aber nicht nur ich leiste mehr, sondern objektiv alle Lehrkräfte, die an einer Grundschule tätig sind. Ich persönlich arbeite durchschnittlich 53 Stunden pro Woche, während mein Arbeitgeber von einer 40-Stunden-Woche ausgeht."

Zu viel Wochenarbeitszeit für Gymnasial- und Grundschullehrer

Ferienzeiten sind eingerechnet, sagt Post – und der Schulleiter kann sich auf eine Arbeitszeitstudie der Uni Göttingen im Auftrag der Lehrergewerkschaft GEW berufen, an der er mit Tausenden weiteren Kollegen teilgenommen hat. Sie kam im vergangenen Jahr zu dem Schluss, dass Gymnasiallehrer je Woche mehr als drei Stunden zu viel arbeiten, Grundschullehrer mehr als eine Stunde. Besonders belastet sind Schulleiter wie Post.

Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) setzte als Antwort darauf ein Expertengremium ein, seit Monaten wird intern abgewogen, gerechnet, diskutiert. Die CDU versetzte die Lehrer-Lobby unterdessen mit der Ankündigung einer eigenen Studie in Aufruhr. Planen die Parteistrategen eine Umschichtung, soll der Ganztag womöglich wieder zugunsten der Kernaufgaben beschnitten werden? Über die Lehrer-Arbeitszeit wird in Niedersachsen ganz sicherlich auch nach der Wahl gestritten, prophezeit Post, der allerdings auch Entlastendes aufzählen kann:

"Es ist jetzt Schulsozialarbeit hier ins Haus gekommen, wir haben auch Sprachförderung und ich habe gemerkt, in den letzten Jahren ist da auch Fahrtwind ins System gekommen."

CDU wie SPD wollen mehr Lehrer nach Niedersachsen locken, doch der Arbeitsmarkt ist leergefegt. Kein Wunder, meint Frank Post, der Praktiker.

"Wir brauchen Anreize, dass die Arbeit an der Grundschule auch für Männer attraktiv ist, um Familien gut zu ernähren und auch Karrierechancen zu eröffnen."

Viel zu lange schon würden die Grundschulen im Vergleich zu weiterführenden Schulen  stiefmütterlich behandelt, klagt der streitbare Pädagoge. Eine Angleichung sämtlicher Lehrämter bei Arbeitszeiten und Bezahlung sei das Gebot der Stunde.

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