Dienstag, 12.12.2017
StartseiteBüchermarktLange Gespräche in Erwartung eines glücklichen Todes30.01.2003

Lange Gespräche in Erwartung eines glücklichen Todes

Rowohlt, 315 S., EUR 21,-

Anfang der 90-er übersiedelt der aus Russland stammende Literaturwissenschaftler Jewsej Zeitlin von Moskau nach Vilnus, um die Geschichte der letzten litauischen Juden zu dokumentieren, die den Holocaust und den Terror Stalins überlebt haben. Doch aus einer Forschungsarbeit wuchs langsam ein literarisches Werk heran. Einer der Gesprächspartner, der litauische Dramatiker Jokubas Josade und seine Lebensgeschichte faszinierten Zeitlin derart, dass die Begegnungen und Telefonate sich über 5 Jahre - bis zu dem Tode des Protagonisten - hinzogen. Aus Dutzenden Kassetten mit Tonbandaufnahmen entstanden schließlich die <em>Langen Gespräche in Erwartung eines glücklichen Todes</em>: Ein Buch, das sich wie ein Roman liest. Eine spannende Abfolge von Episoden aus dem wirklichen Leben von Jokubas Josade wird durch einen geschickten Wechsel der Erzählerperspektive verstärkt. Die Präzision und kunstvolle Schlichtheit der Sprache lassen die beschriebenen Ereignisse um so plastischer wirken:

Elena Beier

14. Juni 1941. Ein schwarzer Tag. Viele Einwohner Litauens werden in die Verbannung oder ins Lager deportiert. Um 6 Uhr Morgens rief mich meine Mutter an: Jankel, sie bringen uns nach Sibirien! Wenn Du irgend kannst, hilf uns! - Ich nahm ein Taxi. -

Um acht war ich bereits in der Stadt. Ging sofort ins Stadtparteikomitee. Ich trete ein. - Im Raum drängen sich Männer mit Karabinern. Es war so verraucht, dass man kaum die Gesichter erkennen konnte. Ich bahne mir meinen Weg zu Zemaitaitis (Tschemaitaitis). Er sitzt am Tisch und gibt jemandem energisch Anweisungen. Er ist der Herr im Haus! Als er mich sieht, wird er blaß. Geht alle hinaus!" - Ihr Dialog war kurz, doch er hatte schwerwiegende Folgen. - "Meine Familie soll nach Sibirien?" - "Dich werde ich nicht antasten." - "Und meine Mutter, mein Vater, die Schwestern? Was wird aus meiner Familie?" - "Ich weiß es nicht." - "Zeig mir die Listen!" - Natürlich steht auf der Liste auch die Familie des Fabrikanten Josade. - Und nun der entscheidende Satz, ein halbes Jahrhundert lang klingt er ihm in den Ohren: - "Nimm den Stift und streich sie aus." Josade tat es. Wie oft er es später bereut hat. - Ein Detail quält ihn besonders: "Warum hat er mir den Stift gegeben? Ich habe es eigenhändig getan. Ich habe das Todesurteil meiner Familie unterschrieben! In Sibirien hätten sie vielleicht überlebt.

Doch das Thema Holocaust ist nicht das zentrale in diesem Buch. Es ist eine recht ungewöhnliche Perspektive, die Jewsej Zeitlin wählt. Er begleitet seinen Gesprächspartner die letzten 5 Jahre seines Lebens und regt ihn durch diese Gespräche zur kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit an. Dabei kommen seelische Verkrüppelungen zutage, die eine Epoche der Verfolgung und Angst dem Menschen und Schriftsteller Jokubas Josade zugefügt hat. Der jahrelange Kampf ums Überleben zersetzten seine Persönlichkeit. Das Ausmaß der seelischen Zerstörung erschüttert und fasziniert zugleich, betont Vera Bischizky, Übersetzerin aus dem Russischen, die sich für die Veröffentlichung dieses Werkes in Deutschland leidenschaftlich eingesetzt hat:

"Ich habe begonnen zu lesen und habe mich an einer Stelle "festgelesen", als beschrieben wird, wie der Held berichtet, dass er aus Angst vor der Verfolgung durch das KGB seine gesamte jüdische Bibliothek vernichtet, jedes Buch einzeln den Flammen übergibt. Als ich das gelesen hatte, war ich so erschüttert, erst Mal von dem Akt als solchem - man hat sofort Assoziationen, wenn andere Bücher verbrennen... Und zweitens von dem System, das Menschen dazu bringt, so etwas zu tun...

Der literarische Nachlaß des Dramatikers Josade bleibt eine Fußnote in der Literaturgeschichte eines kleinen Landes im Osten Europas. Sein Talent verkrüppelte genauso wie seine Seele, denn jeder Kompromiß, den man mit dem monströsen totalitärem System geschlossen hatte, hatte seinen Preis. Josade schwört in den Jahren der Judenverfolgung in der Sowjetunion seiner Muttersprache ab. Zuerst läßt er seine Werke ins Litauische übersetzen, später schreibt er selbst in Litauisch. Doch es bleibt eine Fremdsprache für ihn. Sein literarisches Schaffen muß mit dieser Behinderung leben. Auch privat steht er vor einem Scherbenhaufen: Seine Tochter wendet sich von ihm ab und ihren jüdischen Wurzeln zu: Sie wandert nach Israel aus. Seine Ehefrau bleibt zwar bei ihm bis zu seinem Tod, er merkt aber erst viel zu spät, wie sehr er sie unterschätzt und wieviel Unrecht er ihr eigentlich getan haben muß. Doch wie der Titel verrät, ist es jedoch ein glücklicher Tod, der auf Jokubas Josade wartet. Er hatte den Mut, sich selbst kritisch zu betrachten und Zeit für den Versuch, etwas zu ändern: Er schreibt ein Stück, von dem er weiß, dass er es nicht vollenden wird. Und er führt lange Gespräche in Erwartung... doch nicht ganz zu sterben:

"Wenn man mich zu Grabe trägt, wird sich mancher fragen: Welche Rolle hat dieser Josade eigentlich gespielt? War er Literaturkritiker? Seine Artikel sind längst vergessen. Dramatiker? Seine Stücke werden nicht aufgeführt. Verfasser von Erinnerungen und Briefen? Meine Güte, ein schmales Heftchen! Außerdem ist es irritierend, wie er über Menschen spricht, sich selbst eingeschlossen..." - Josade hielt inne. Er lächelte verschmitzt: - "Und dann werden Sie, mein Lieber, Ihre Aufzeichnungen herausbringen... Ich flehe Sie an, bloß keine Lobeshymnen! Es soll einfach ein Bericht über Jokubas Josade sein, den fast niemand kannte".

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