Interview / Archiv /

 

Lange: "Weniger Transparenz darf es auf keinen Fall geben"

SPD-Bundestagsabgeordneter fordert komplette Offenlegung der Abgeordneteneinkünfte

Christian Lange im Gespräch mit Martin Zagatta

Nebeneinkünfte von Politikern sind weiter in der Debatte.
Nebeneinkünfte von Politikern sind weiter in der Debatte. (picture alliance / dpa / Hans Wiedl)

Die SPD lehnt die von der Regierung geplante Stufenregelung bei der Offenlegung der Abgeordnetengehälter ab, bekräftigt Christian Lange (SPD), Mitglied Rechtsstellungskommission des Ältestenrats im Bundestag. Er möchte die Abgeordneten zur namentlichen Abstimmung zwingen, "damit diese scheinheilige Diskussion endlich mal ein Ende hat".

Martin Zagatta: Und wir bleiben gewissermaßen beim Thema, denn um die Nebeneinkünfte von Abgeordneten geht es am Nachmittag auch im Bundestag und heute Morgen schon hat sich die sogenannte Rechtsstellungskommission des Ältestenrats getroffen, um eine Neuregelung auf den Weg zu bringen.

- Für die SPD mit dabei war Christian Lange, der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Guten Tag, Herr Lange. – Hallo, Herr Lange?

Christian Lange: Ja!

Zagatta: Ich hoffe, Sie hören mich zumindest?

Lange: Ganz ausgezeichnet!

Zagatta: Ja? Dann ist alles bestens! – Bei dieser Sitzung heute Morgen soll ja schon wieder nichts herausgekommen sein. Warum tut man sich da so schwer?

Lange: Nun, es ist die alte Kontroverse, die uns immer wieder einholt: CDU/CSU und FDP tun sich schwer schon mit der vorhandenen Regelung, der Drei-Stufen-Regelung, die wir haben und die Rot-Grün im Jahr 2005 eingeführt hat. Und jetzt soll es weiter verfeinert werden und es soll mehr Transparenz entstehen. Und das ist nicht deren Wille. Und deshalb tut man sich so schwer und deshalb geht es immer wieder aus wie das Hornberger Schießen. Das ist auch der Grund, warum wir heute Nachmittag CDU/CSU und FDP zwingen wollen zu einer namentlichen Abstimmung über die Veröffentlichungspflicht auf Euro und Cent, damit diese scheinheilige Diskussion endlich mal ein Ende hat.

Zagatta: Ist das eine Forderung, die die SPD erhebt, Nebeneinkünfte auf Heller und Pfennig, auf Euro und Cent, dann auszuweisen. Oder sind Sie schon dabei, das liest man ja auch, davon abzurücken?

Lange: Nein. Das habe ich auch noch nicht gelesen. Das tun wir auch nicht, ganz im Gegenteil. Wir wollen, dass die Transparenz bei Nebeneinkünften endlich hergestellt wird auf Euro und Cent. Wir wollen zum zweiten – und das beantragen wir auch heute Nachmittag -, dass die Branchen gekennzeichnet werden für die Berufsgeheimnisträger wie Rechtsanwälte oder Steuerberater, damit auch dort endlich Licht hineinkommt. Denn häufig verbergen sich dahinter auch Lobbyisteninteressen. Und wir wollen zum dritten – auch das beantragen wir heute Nachmittag im Plenum des Bundestages -, dass die Karenzzeit für ehemalige Bundesminister und Parlamentarische Staatssekretäre so wie bei der EU-Kommission geregelt wird.

Zagatta: Herr Lange, wir haben gehört, dass das Regierungslager da ein Stufenmodell vorschlägt. Aus den drei Stufen sollen elf oder neun Stufen werden - und dass die SPD unter Umständen da mitmachen würde. Das ist falsch, ja?

Lange: Richtig ist, dass wir Euro und Cent wollen. Und alles andere ist weniger. Und deshalb wird es mit uns nicht weniger geben, sondern wir wollen komplette Offenlegung. Und das ist unser Antrag. Und das ist übrigens auch das, was Herr Döring, der Generalsekretär der FDP, gefordert hat, das ist das, was Herr Dobrindt von der CSU gefordert hat, ...

Zagatta: Ganz am Anfang.

Lange: Ja. Was heißt ganz am Anfang? Vor ein paar Wochen, vor ein paar Tagen! Und deshalb wollen wir jetzt endlich diese Leute zwingen, auch ihren Worten entsprechende Taten folgen zu lassen.

Zagatta: Habe ich Sie recht verstanden: Bei einem Stufenmodell, das die Regierungsmehrheit ja noch durchsetzen könnte, würden Sie Nein sagen, würden Sie nicht mitmachen?

Lange: Das haben wir schon, denn das war der Antrag letzte Woche in der Rechtsstellungskommission des Deutschen Bundestages, weil wir wollen eine Veröffentlichung nach Euro und Cent.

Zagatta: Herr Lange, aus Bochum haben wir gerade gehört, eine hoch verschuldete, von der SPD regierte Stadt zahlt einem SPD-Politiker 25.000 Euro Honorar, mehr als jede Bank Herrn Steinbrück zahlt. Wie klingt so was in Ihren Ohren?

Lange: Ich bin verwundert. Ich komme jetzt nicht aus Nordrhein-Westfalen, ich komme auch nicht aus Bochum. Ich frage mich, warum Stadtwerke das überhaupt machen. Das weiß ich nicht. Und ich habe auch gesehen, dass Herr Gauck, Herr Genscher und auch verschiedene Leute aus der Show-Branche eingeladen waren zu entsprechenden Honoraren. Ich frage mich jetzt, gehört das zur Aufgabe von Stadtwerken? Das kann ich nicht beurteilen. Bei mir gibt es so was, soweit ich weiß, nicht. In meinem Wahlkreis jedenfalls ist mir so was noch nicht begegnet.

Zagatta: Jetzt hat Herr Steinbrück, der diese Diskussion ja angestoßen hat, in dem Moment, wo er dann zum Kanzlerkandidaten zumindest inoffiziell schon gekürt wurde, er hat seine Einkünfte mittlerweile öffentlich gemacht. Aber so, wie das jetzt läuft, schadet diese Debatte nicht auch Peer Steinbrück und der SPD? Die nennt sich ja ganz gerne "Die Partei des kleinen Mannes".

Lange: Ich glaube, dass wir zunächst mal stolz sein können darauf, dass Peer Steinbrück den Weg gewiesen hat und dieser scheinheiligen Debatte mit eigenem guten Beispiel ein Ende gesetzt hat. Denn wollen wir doch mal die Debatte wieder zurückführen, worum es eigentlich geht: nämlich darum, ob Bundestagsabgeordnete abhängig sind. Im Grundgesetz steht, sie sind nur ihrem Gewissen verantwortlich. Und deshalb wird ja überhaupt Transparenz gefordert – nicht, um eine Neiddebatte auszulösen, sondern um diese Unabhängigkeit des Abgeordneten zu dokumentieren. Und da hat Peer Steinbrück nicht nur reinen Tisch gemacht, sondern hat sich vorbildlich verhalten. Und alle anderen sollen dem jetzt folgen, denn Transparenz kann nur für alle gelten.

Zagatta: Und wenn das Regierungslager da nicht mitmacht, sich weiter querstellt, wie geht es dann aus Ihrer Sicht weiter? Bleibt dann alles beim Alten, weil man es einfach mehrheitsmäßig nicht ändern kann. Oder wie geht es dann jetzt weiter?

Lange: Ja ich fürchte. Ich weiß nicht, ob es dann noch unterhalb dessen, was wir heute Nachmittag beantragen, und dem, was heute schon gilt, ob es dazwischen noch irgendwas gibt, was CDU/CSU und FDP akzeptieren. Aber eins steht fest: Weniger Transparenz darf es auf keinen Fall geben, sondern wir wollen mehr Transparenz. Und das muss das Ziel sämtlicher Verhandlungen sein.

Zagatta: Und das bringen Sie jetzt, wenn Sie im Bundestag scheitern, noch mal in den Rechtsstellungsausschuss ein. Oder ist das Thema dann abgehakt?

Lange: Aus unserer Sicht ist es dann erst mal abgehakt. Aber schauen wir mal, was die Koalitionsfraktionen sich noch ausdenken. Ich weiß es nicht, ob sie wirklich alles beim Alten lassen wollen, nach der Debatte, die sie selbst ausgelöst haben. Und ob sie wirklich sozusagen sich damit zur Scheinheiligkeit ihrer ganzen Auseinandersetzung endgültig bekennen. Oder ob sie noch was nachschieben wollen. Das wird die Zeit weisen.

Zagatta: Christian Lange, der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Herr Lange, danke schön für das Gespräch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Weitere Beiträge zum Thema:
25.10.12: Koalition stimmt für schärfere Regeln bei Nebeneinkünften - So weit wie die Opposition will sie aber nicht gehen



Mehr bei deutschlandradio.de

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Warhol-Verkäufe"Es ging um eine Form von Dekorierung"

Die Andy Warhol Kunstwerke (l-r) "Triple Elvis" (1963) und "Four Marlon" (1966). Die Westdeutschen Spielbanken wollen in New York zwei ihrer wichtigsten Bilder versteigern lassen und erhoffen sich dafür 100 Millionen Euro.

Die Warhol-Bilder der NRW-Spielbank WestSpiel seien nicht Werke in öffentlicher Hand, sondern die eines Betriebs, sagte Andreas Bialas (SPD) im DLF. WestSpiel habe die Bilder auch nicht zur Kunstförderung erworben, sondern zur Raumdekoration, sagte er weiter im Hinblick auf die Kritik an einem geplanten Verkauf.

Ukraine"Wir akzeptieren Wahlen der Separatisten nicht"

Der ukrainische Außenminster Pawel Klimkin, sprechend, eine gelb-blaue Fahne im Hintergrund.

Die prorussischen Separatisten in der Ostukraine planen eine eigene Wahl im November. Diese Wahlen "werden wir nicht anerkennen", sagte der ukrainische Außenminister Pawel Klimkin im DLF. Dazu müsse es auch eine klare Botschaft von der EU und Russland geben.

Frankreichs Haushalt"Schädlich für Vertrauen in den Euro"

Norbert Barthle (CDU) lächelt in die Kamera.

Frankreichs Haushaltsentwurf steht bei der EU auf dem Prüfstand. "Frankreich hat die Regeln schon zwei Mal gebrochen" sagte Norbert Barthle, der haushaltspolitische Sprecher der Unionsfraktion im DLF. Das sei schädlich für das Vertrauen in den Euro.

 

Interview der Woche

Maria KrautzbergerAuf Fracking sollte verzichtet werden

Die Präsidentin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, hat sich gegen das umstrittene Fracking ausgesprochen. Die Erdgas-Fördermethode berge insbesondere für das Grundwasser Risiken, die man nicht wirklich in den Griff bekommen könne, sagte sie im DLF. Deshalb sollte man am besten ganz darauf verzichten.

Interview der Woche"Wir sind reich, wir müssen auch geben"

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im Deutschen Bundestag

Syrien, Irak, Westafrika, Ukraine: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat angesichts der "Krisen um uns herum" mehr Solidarität mit den Flüchtlingen und Notleidenden angemahnt. Müller sagte im Deutschlandfunk, nicht nur der Staat, jeder Einzelne müsse "in einer solchen Notlage auch ein Stück geben".

Katja Kipping"Türkei muss Kooperation mit dem IS beenden"

Linke-Parteichefin Katja Kipping spricht im Rahmen der Haushaltsdebatte im Bundestag in Berlin.

Katja Kipping hält das geplante militärische Vorgehen der Türkei gegen die Terrormiliz IS für vorgetäuscht. "Die Türkei hatte eine jahrelange Zusammenarbeit mit dem IS," sagte die Vorsitzende der Linken im Interview der Woche im DLF. Ankara gehe es nicht darum, den IS zu bekämpfen, sondern kurdische Autonomiebestrebungen zu verhindern.