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StartseiteForschung aktuellLangzeitfolgen08.09.2011

Langzeitfolgen

Ökologen verweisen auf die Erblast von Tschernobyl

Umwelt. - Die Atomkatastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren zeigt immer noch Nachwirkungen in Europa. Auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Ökologie in Oldenburg stellten Lüneburger Umweltwissenschaftler eine Metastudie zu den Umweltfolgen des Unfalls in der Ukraine vor.

Von Volker Mrasek

Auch 25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl sind Folgen in Europa messbar. (AP)
Auch 25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl sind Folgen in Europa messbar. (AP)

Es war eine Fleißarbeit, die Fachliteratur nach allen Studien über die ökologischen Folgen von Tschernobyl zu durchforsten. Das Atomunglück in der Ukraine liegt schon ein Vierteljahrhundert zurück. Da hat sich Einiges angehäuft. Patric Brandt, Umweltwissenschaftler an der Leuphana-Universität Lüneburg, gehörte zum neunköpfigen Recherche-Team.

"Also, wir selbst haben jetzt keine Experimente durchgeführt, sondern unsere Daten, die wir zusammengetragen haben, basieren letztlich auf 500, über 500 Studien zu diesem Thema. Aus ganz Europa. Aus den Jahren '86 bis 2010."

Aus dem havarierten Reaktor trat damals unter anderem Cäsium-137 aus, ein langlebiges Radionuklid mit einer Halbwertzeit von 30 Jahren. Deshalb auch der aktuelle Befund der Umweltwissenschaftler. Brandt:

"Die Auswirkungen sind immer noch spürbar. Weil die Strahlung immer noch existent, also sozusagen lang anhaltend, persistent, in den Ökosystemen vorhanden ist."

Nach den Daten, die die Forscher jetzt in Oldenburg vorlegen, sind Arten und Ökosysteme in Europa auch nach 25 Jahren noch zum Teil extrem hoch belastet. Brandt:

"Angefangen natürlich rund um Tschernobyl selber. Im Katastrophengebiet, wo also in Fledermäusen zum Beispiel sehr, sehr hohe Strahlung festgestellt wurde. Oder aber auch in Pilzen im Süden von Schweden. Ich nenne mal einen Wert: 181.000 Becquerel pro Kilogramm. Der Grenzwert in Deutschland liegt bei 600 Becquerel pro Kilogramm, für Kleinkinder sogar nur die Hälfte."

Das heißt: Wildpilze aus Schweden können den zulässigen Höchstwert für den Verzehr noch immer um den Faktor 300 übertreffen...

"Das sind Messungen, die noch gar nicht so alt sind. Die Studie jetzt im Speziellen ist von 2009."
Nutzungsbeschränkungen gelten selbst in Regionen, die gut 2000 Kilometer von Tschernobyl entfernt liegen. So sind in Süd-England manche Viehweiden bis heute gesperrt. In Finnland fielen Wildbeeren durch überhöhte Strahlungswerte auf, in Deutschland Wildfleisch, in Norwegen und Dänemark ebenfalls Pilze - alles noch in den letzten Jahren. Patric Brandt:

"Es gibt da auch noch zum Beispiel in Finnland eine Beschränkung für die Fischzucht, in einigen Gebieten. Die räumliche Verteilung von Strahlung ist nicht gleichmäßig, sondern es gibt dann so eine Art Fleckenteppich. Im Fall von Finnland scheint das so zu sein, daß dort eben in einem bestimmten Gebiet keine Fischzucht betrieben werden kann."

Aus Frankreich liegen nach den Recherchen der Forscher nur wenige Untersuchungen vor über die radioaktive Belastung durch Tschernobyl. Vielleicht sind Studien dieser Art dort nicht erwünscht. Atomstrom spielt in Frankreich eine sehr große Rolle, und Kernkraftwerke sollen noch lange am Netz bleiben. Selbst heute noch können sich die ursprünglich aus Tschernobyl stammenden Radionuklide weiter ausbreiten. Und zwar bei Waldbränden, wie Anne Nagel erläutert, angehende Umweltwissenschaftlerin aus Lüneburg:

"Dann wird das radioaktive Material, das in den Bäumen sich angereichert hat, wieder in die Atmosphäre gebracht. Und dann fällt das dann irgendwo wieder runter, sage ich mal so. Und dann reichert sich das wieder woanders an, an ganz anderen Stellen."

Nach Tschernobyl seien viele Studien in Gang gekommen, sagen die Umweltwissenschaftler. Es sei aber auch vieles versäumt worden. So gebe es praktisch keine Untersuchungen über die langfristigen Folgen der Umweltbelastung mit Radionukliden. Auch die Lebensmittel-Grenzwerte seien überprüfungsbedürftig. Einige Pflanzen- und Tierexperimente legten nahe, daß sie zu hoch sein könnten. Aus Sicht der Forscher bietet das Atomunglück von Fukushima nun die Chance, es besser zu machen als nach Tschernobyl. Anne Nagel:

"Weil sich da jetzt sozusagen ein neues verstrahltes Gebiet einstellt, was über Jahrzehnte beobachtet werden sollte, um da Langzeitfolgen zu ermitteln."

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