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StartseiteInterview"Lasst uns die einheimischen Meinungen, Ideen mehr abholen"05.01.2010

"Lasst uns die einheimischen Meinungen, Ideen mehr abholen"

Deutscher Kriminalbeamter über Polizisten in Afghanistan

Derzeit eilt afghanischen Polizisten in ihrem Land der Ruf von Kontrollstellen-Abkassieren voraus. Damit die Gesetzeshüter am Hindukusch frei werden von Korruption, müssen nicht nur die Polizisten selbst, sondern auch deren Ausbilder trainiert werden, sagt Thomas Mischke vom Bund Deutscher Kriminalbeamter.

Thomas Mischke im Gespräch mit Gerd Breker

Ein afghanischer Polizist durchsucht ein Taxi. Zurzeit wird den Gesetzeshütern von den Einheimischen nicht viel Vertrauen entgegen gebracht.  (AP)
Ein afghanischer Polizist durchsucht ein Taxi. Zurzeit wird den Gesetzeshütern von den Einheimischen nicht viel Vertrauen entgegen gebracht. (AP)

Gerd Breker: Bundesaußenminister Westerwelle will sich in der Frage einer möglichen Aufstockung der Bundeswehr in Afghanistan derzeit nicht festlegen. Der Einsatz in Afghanistan werde nur dann erfolgreich sein, wenn der zivile Aufbau im Mittelpunkt stehe. Er halte es nicht für sinnvoll, über einen Truppenaufbau zu reden, bevor man nicht die politischen Ziele als Thema besprochen hat. Die Ausbildung der Polizei ist eine der wichtigen Voraussetzungen dafür, dass die Afghanen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können. Darüber reden wollen wir jetzt mit Thomas Mischke vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Guten Tag, Herr Mischke.

Thomas Mischke: Schönen guten Tag!

Breker: Die Polizeiausbildung in Afghanistan sei ohne Aussicht auf Erfolg, so Ihr Verband. Warum dieses?

Mischke: Wir machen uns ernsthaft Sorgen, weil alle bisherigen Bemühungen haben leider nicht zu einer Stabilisierung der Situation geführt. 2009 war mit das schwärzeste Jahr, was die Anzahl getöteter und übergelaufener Polizisten anging. Wir haben viele, viele Player, die in Afghanistan sich bemühen, dort etwas zu erreichen.

Breker: Viele Player heißt, viele Staaten haben dort Ausbilder hingeschickt.

Mischke: Viele Staaten, viele Organisationen, viele nichtstaatliche Organisationen, NGO's, die dort vor Ort sicherlich auch ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen. Vor allen Dingen haben wir es damit zu tun, eine Kultur anzutreffen, die mit der unseren sicherlich nicht unbedingt in Einklang zu bringen ist.

Breker: Was meinen Sie damit konkret, Herr Mischke?

Mischke: Wenn Sie die Kultur ansprechen, so ist es einfach so, dass wir viele europäische Polizeibeamte in dieser Mission eingesetzt haben, die bestimmte europäische Standards kennen, bestimmtes europäisches Kulturgut beherrschen, und dazu gehört eigentlich nicht das Verhandeln, das Feilschen, möchte ich schon fast sagen, um Situationen, die Auseinandersetzung natürlich auch nicht in der Landessprache, weil selbst wenn unsere Polizisten ausreichend gut im Englischen wären – das wäre dann auch schon so ein weiterer Kritikpunkt, worüber wir vielleicht gleich noch mal sprechen können -, so sind sie doch ganz sicherlich nicht in der Landessprache geschult und nicht in der Lage, mit den Stammesältesten, mit den Mullahs oder mit den sonstigen Verantwortlichen unmittelbar kommunizieren zu können.

Breker: Das heißt, man ist von Seiten der Europäer, die dort Ausbilder hingeschickt haben, davon ausgegangen, ähnliche Verhältnisse wie bei uns in Europa vorzufinden, und trifft auf eine Gesellschaft, die ganz anders funktioniert?

Mischke: Das ist sicherlich einer der vielen, vielen Gründe, warum es halt immer wieder hakt, aber das ist ganz sicherlich einer der wesentlichen. Wenn wir versuchen wollen, europäische Polizeistrukturen auf ein, ich möchte fast schon sagen, archaisches System stülpen zu wollen, wird das niemals funktionieren können.

Breker: Ihr Verband, Herr Mischke, fordert eine Neuausrichtung in der Organisation der Polizeiausbildung. Das heißt, die bisherige Richtung stimmt nicht. Aber wie muss denn die Neuausrichtung aussehen?

Mischke: Ich denke, da ist ein Bündel von Maßnahmen notwendig. Eine ganz wesentliche Sache, wo wir auch wirklich glauben, dass es daran wesentlich mit gelegen hat, ist: wir haben nicht nur unsere Vorstellungen reingebracht, sondern haben auch viel zu wenig auf diejenigen gehört, die vor Ort leben, also die Menschen in Afghanistan, die von uns in Kraft gesetzten oder auch von der Regierung in Kraft gesetzten Polizeiführer, die Generäle, die wichtigen Generäle, die einheimischen Autoritäten, weil was nützt uns das, dass Deutschland ein hohes Ansehen in Afghanistan hat oder auch deutsche Polizisten dort sehr beliebt sind und auch die deutsche Bundeswehr, das ist alles schön und gut, aber letztendlich muss ja die afghanische Bevölkerung mit ihrer eigenen einheimischen Polizei zurecht kommen. Also eine der Kernforderungen: lasst uns die einheimischen Meinungen, Ideen mehr abholen, das wurde bisher nicht ausreichend gemacht.

Breker: Nur wenn wir das tun, Herr Mischke, ist nicht das Bild, was der normale Afghane von seinen Polizisten hat, dieses, dass dieser Polizist korrupt ist?

Mischke: Das ist leider so und wir hatten das ja auch in der Presseerklärung geschrieben, dass eben halt vielfach der normale Polizist als Kontrollstellen-Abkassierer empfunden wird. Das liegt natürlich zum einen daran, dass die Tradition oder das Leben dort halt ein anderes ist – wir haben es ja gerade schon mal angesprochen -, zum anderen auch daran, dass die einheimischen Polizisten zu wenig Geld verdienen. Man spricht umgerechnet von 120 bis 140 Dollar. Jetzt gibt es ja einige Programme, das sehen wir durchaus positiv, wonach man Anreize schafft, dass Polizisten halt vor Ort bleiben. Man gibt ihnen Darlehen für Eigenheime. Durch verschiedene andere Pfands wurde das Gehalt ein wenig aufgestockt, so dass teilweise 200 Dollar möglich sein sollen. Aber das ist immer noch weit davon entfernt, sich von den Strukturen abzusetzen oder gar den Verlockungen der Taliban zu widerstehen, die teilweise, so sagt man, bis 300 Dollar bezahlen.

Breker: Verstehe ich Sie richtig, Herr Mischke? Die Polizeiausbildung sollte auch auf der Konferenz Ende des Monats eine Rolle spielen?

Mischke: Das wäre ganz wichtig und ich möchte das wirklich noch mal betonen: Unser Ansatz wäre wirklich mehr Eigenverantwortung, weil es nützt nichts, wenn wir den Afghanen zeigen, was wir unter Demokratie verstehen. Das wird niemals funktionieren. Ich meine, das ist ja auch hinlänglich bekannt. Das wäre so der eine Ansatz: nehmt die Afghanen mehr mit, gebt ihnen die Verantwortung. Das heißt auch: train the Trainer. Das ist einer unserer wichtigen Ansätze, dass wir uns als Polizisten – und wir reden jetzt wirklich von den Polizeikräften, die durch die anstehenden Militäroperationen mit Sicherheit weitaus mehr gefährdet sind, wenn die FDD-Programme weiterlaufen sollen – wirklich in die Police Training Camps zurückziehen und dort afghanische Polizisten ausbilden, die dann ihre Kollegen ausbilden. Also train the Trainer und Stärkung der afghanischen Kompetenz, das wären wirklich wichtige Ansätze.

Breker: Zur Ausbildung der Polizei in Afghanistan war das ein Gespräch mit Thomas Mischke vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Herr Mischke, danke für dieses Gespräch.

Mischke: Gerne!

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