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StartseiteKultur heuteLatacz: Verkennung der "Ilias"28.12.2007

Latacz: Verkennung der "Ilias"

Altphilologe kritisiert Raoul Schrotts Arbeiten zu Homer

Der Baseler Altphilologe Joachim Latacz hat die Thesen des österreichischen Schriftstellers Raoul Schrott zur Biografie des griechischen Dichters Homer und dessen Werk "Ilias" scharf kritisiert. Schrotts Ansichten zeugten von einer völligen Verkennung der "Ilias" und ihrer Intention, sagte Latacz.

Moderation: Dina Netz

Säule auf dem Forum Romanum in Rom, Italien (Stock.XCHNG /)
Säule auf dem Forum Romanum in Rom, Italien (Stock.XCHNG /)

Dina Netz: Die Ilias von Homer in der Neuübersetzung von Raoul Schrott, ganz zu hören am Silvesterabend und Neujahr im Deutschlandfunk. Raoul Schrott, der zuvor auch schon das mesopotamische Gilgamesch-Epos übersetzt hatte, ist bei seinen Recherchen auch auf neue Erkenntnisse über Homer und über seine Ilias gestoßen. Ich habe darüber mit dem Altphilologen Joachim Latacz gesprochen und ihn gefragt: Herr Latacz, sie hatten auch eine Zusammenarbeit mit Raoul Schrott angefangen, für die Übersetzung, sie dann aber aus inhaltlichen Gründen abgebrochen, warum?

Joachim Latacz: Ja, es ist ja so, dass ich mit Herrn Schrott im Auftrag des Hessischen Rundfunks - in diesem Auftrag hat er ja die Übersetzung überhaupt übernommen - gearbeitet habe, und zwar als wissenschaftliche Begleitung. Das ging über ein Jahr lang, und es wurden ungefähr 200 bis 300 E-Mails gewechselt. Ich habe versucht, Herrn Schrott von den gravierendsten Fehlern sozusagen abzuhalten und immer wieder versucht, ihm die Grundlagen der Altertumswissenschaft auf allen möglichen Gebieten - Alte Geschichte, Gräzistik, Latinistik usw., Vor- und Frühgeschichte - klarzumachen und näher zu bringen usw. Aber ich konnte dann einfach aufgrund seines Beharrens auf bestimmten Grundsätzen, die mit unseren Erfahrungen und Kenntnissen nicht übereinstimmen, da konnte ich das nicht weiterführen und nach zwei Gesängen, die ich betreut hatte, die ersten beiden Ilias-Gesänge, habe ich den Auftrag zurückgegeben.

Netz: Herr Latacz, Sie sprechen von gravierenden Fehlern. Ich entnehme dem also, dass die Überschrift der FAZ, die ja nahe legt, Homers Geheimnis sei gelüftet worden, dass Sie dem nicht zustimmen?

Latacz: Nein, natürlich kann ich dem nicht zustimmen, davon kann gar keine Rede sein, sondern ... ja, wie soll man so etwas beurteilen? Ich würde sagen, entweder man ist sehr freundlich, dann nennt man es eine charmante Plauderei, oder man ist weniger freundlich, dann nennt man es eine irrwitzige Fantasterei. Und das basiert nicht auf irgendwelchen bösartigen Attacken gegen Herrn Schrott, mit dem ich mich damals während der Arbeit sogar freundschaftlich verbunden fühlte, weil er eben ein sehr faszinierter Liebhaber ist von Homer und all den damit zusammenhängen Dingen, aber eben ein Liebhaber - das ist halt ein Dilettant. Und es geht nicht dagegen, sondern es geht ganz einfach darum, dass das, was er geschrieben hat auf diesen vier Seiten, im Grunde genommen, wie schon gesagt, Fantasie ist.

Netz: Sagen Sie doch mal, welche Punkte Ihrer Meinung nach Fantasie sind. Also wir können erstmal über die Ilias reden. Schrott behauptet und das ist die neue These, es gäbe erstaunliche topographische Übereinstimmungen zwischen dem, was in der Ilias beschrieben wird und Kilikien, also dem heutigen Süden der Türkei, und das sei also für ihn eindeutig als Schauplatz der Ilias auszumachen. Das finden Sie also nicht stichhaltig, was er da an topographischen Argumenten heranzieht?

Latacz: Nein, Herr Schrott behauptet ja nun, dass die Expedition gegen Karatepe gegangen sein müsse. Erstens mal müsste man sich dann fragen, wo die Chronologie bleibt, denn Karatepe ist uns erst bekannt aus dem ersten Jahrtausend vor Christus, und die Expedition, von der Homer spricht, als letzter Ausläufer einer langen mündlichen Tradition, hat nach allem unserem Wissen, wenn überhaupt, dann im 13. Jahrhundert vor Christus stattgefunden. 200 Jahre später ist erst überhaupt Karatepe gegründet worden. Und die Frage stellt sich doch überhaupt, was die Achaier, also die Vorfahren der Griechen, von denen ich hier immer spreche, die Vorfahren der im achten Jahrhundert lebenden Griechen, was diese Achaier eigentlich in Kilikien, das 800 Kilometer Luftlinie entfernt ist von Troja, gewollt haben könnten - einer Landschaft ohne jegliches Interesse - und von Karatepe, einer etwa 80 Kilometer vom Meer entfernten kleinen Burg, was sie da gewollt haben könnten, während ein Angriff gegen die große Befestigung, die seit 3000 vor Christus existierte, an den Dardanellen, also griechisch Hellespont, schon einen guten Sinn hat. Denn diese Festung überwachte natürlich den Eingang ins Marmarameer und ins Schwarze Meer und behinderte den Schiffverkehr. Und die Griechen als seefahrendes Volk waren natürlich daran interessiert, den Zugang zum Schwarzen Meer zu gewinnen, zu den reichen Kornkammern und so weiter. Das sind Dinge, die von vornherein einen also wirklich zweifeln lassen, wie jemand überhaupt auf einen solchen Gedanken kommen kann.

Netz: Herr Latacz, Schrott belegt seine These für Kilikien auch damit, dass es für diese Gegenden typische Namen seine, die in der Ilias auftauchen, also zum Beispiel die Ableitung von Priamus und Paris seien nur dort belegt. Was ist denn mit diesem Namensargument?

Latacz: "Das ist nicht wahr: Die Ableitung ist nicht dort belegt, sondern [...] "Parija-muwa" - das hethitische "Parija-muwa" - ist in x hethitischen Dokumenten belegt und nicht etwa nur in Kilikien. Das ist eine reine Phantasie. Also er macht ja gerade auch im Bereich der Namen die unglaublichsten Geschichten. Er erzählt uns da zum Beispiel, ein "Ucha-lu", ein keilschrifthethitischer "Ucha-lu", der soll Achilleus sein." Das sind Klingklang-Etymologien, das sind Einfälle, fantasievolle Einfälle, die mit Wissenschaft nichts zu tun haben.

Netz: Herr Latacz, kommen wir noch mal zu Homer jetzt. Herr Schrott behauptet ja auch, Homer sei eigentlich jemand ganz anderes gewesen, also kein aus dem Gedächtnis arbeitender blinder Sänger, sondern viel mehr, ein von den Assyrern angestellter Schreiber, ein Grieche, der also quasi Migrant damals gewesen sei. Was halten Sie denn von dieser These?

Latacz: Ja, also, da muss ich sagen, das ist nun wirklich ganz verwegen. Es widerspricht sogar dem, wofür Herr Schrott auch sonst so begeistert eintritt, dass nämlich Homer ein großer Dichter gewesen sei. So wie er ihn darstellt, ist er ein Protohistoriker, er ist ein Protogeograph, und es ging ihm auch gar nicht darum, eine, wie Herr Schrott sagt, simple Erzählung nachzuerzählen, sondern es ging ihm darum, irgendwelche Überlieferungen aus dem orientalischen Bereich zusammenzufassen in eine großen Geschichte. Das bezeugt nur eine völlige Verkennung der Ilias und ihrer Intention.

Netz: Herr Latacz, Sie haben über diese ganzen Thesen von Raoul Schrott ja auch in den letzten Tagen mit vielen Kollegen aus Ihrer Zunft gesprochen, teilen die Ihre Einschätzung?

Latacz: Ja, ich kenne niemanden bisher, der anderer Meinung ist.

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