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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturLateinamerikas Hoffnungsträger29.09.2008

Lateinamerikas Hoffnungsträger

Zwei Rezensionen von Helge Buttkereit

Das sozialistische Weltsystem ist Geschichte. Wer den Sozialismus des 21. Jahrhunderts sucht, der muss seinen Blick auf Lateinamerika richten. Auf Kuba hat der Sozialismus überlebt. In Venezuela und Bolivien sind Freunde Fidel Castros am Ruder. Und nicht nur dort, überall in Lateinamerika - abgesehen von Kolumbien - geben heute mehr oder minder linke Kräfte den Ton an. Lateinamerika - ein Kontinent "Im Sternzeichen des Che Guevara"?

Ernesto "Che" Guevara am Flughafen Havanna 12.6.1962 (AP Archiv)
Ernesto "Che" Guevara am Flughafen Havanna 12.6.1962 (AP Archiv)

Hoffnung. Esperanza. Es gibt wohl wenige Wörter, die in der derzeitigen Debatte über Lateinamerika so oft zu hören sind wie dieses. Zumindest die Linke hofft, dass die neuen Regierungen in Venezuela, Bolivien oder Ecuador ein deutlich vernehmbares Gegengewicht zum neoliberalen Mainstream bilden. Tariq Ali beispielsweise nennt Kuba unter den Castro-Brüdern, Venezuela unter Hugo Chávez, Boliven unter Evo Morales und Ecuador unter Rafael Correa die "Achse der Hoffnung" und deren Protagonisten "Piraten der Karibik". Der gebürtige Pakistaner Ali ist nicht nur Schriftsteller, sondern seit den frühen sechziger Jahren in der außerparlamentarischen Bewegung aktiv. Er arbeitet gerne mit Bildern: Die linken Piraten entern den Kontinent.
Auch Romeo Rey setzt auf Hoffnung. Das Buch des ehemaligen Lateinamerika-Korrespondenten der Frankfurter Rundschau und des Schweizer Tages-Anzeigers über die Geschichte der Linken in Lateinamerika widmet er "all denjenigen, welche die Hoffnung nicht verlieren". Titel: "Im Sternzeichen des Che Guevara":

"Lateinamerikas Linke verfügt über eine Vielfalt an eigenen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Erfahrungen, über einen Schatz, der mittlerweile ein beträchtliches Volumen angenommen hat. Es ist an der Zeit, ihn auszuloten, alle Mängel, Fehler und Schwächen zu analysieren, Lehren daraus zu ziehen und diese Erkenntnisse in Prinzipien umzugießen, die den Kampf für eine freie, demokratische und solidarische Gesellschaft in diesem jungen Erdteil für eine klare Volksmehrheit einleuchtend und notwendig erscheinen lassen."

Das wäre in der Tat eine lohnende Aufgabe!
Leider beschränkt sich Rey darauf, einen Überblick über die verschiedenen linken Strömungen, Parteien, Guerilleros und Regierungen zu geben, ob in Kuba, Chile oder Nicaragua. Diese Zusammenschau macht die Stärke des Buches aus. Sie wird aber nur begrenzt wirksam. Das liegt nicht nur an der völlig überzogenen Kritik am Titelhelden. Am Ende bleibt unter dem Strich kaum mehr als der Mythos "Che", den Rey dann selbst beklagt. Rey fehlt es an einem klaren Standpunkt, der Voraussetzung für eine fundierte Analyse. Seine Darstellung wird so zwischen den verschiedenen Strömungen der Linken zerrieben.
Ganz anders - sehr viel präziser - Tariq Ali:

"Südamerika ist der Kontinent, auf dem sich gerade von unten her eine im Wesentlichen sozialdemokratische Alternative zum neoliberalen Kapitalismus entwickelt und die Politik überall zu infizieren beginnt. Diese neue Option wirkt regelrecht befreiend, wenn man sie mit den religiösen Erweckungsbewegungen und Fundamentalismen in anderen Teilen der Welt, einschließlich der Vereinigten Staaten, vergleicht."

Das Etikett "sozialdemokratisch", das Ali hier seinen Piraten verpasst, führt ein wenig in die Irre. Dessen ungeachtet beschreibt Ali die historische Entwicklung in Bolivien und Venezuela so klar wie polemisch, wirft auch einen kundigen Blick auf Kuba und leistet nebenbei noch notwendige Medienkritik.
Was aber macht das Neue aus, das Chávez, Morales und auch Correa unter dem "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" verstehen? Weswegen geben sie Anlass zu Hoffnung? Ali stellt die neuen politischen Strömungen in Lateinamerika - speziell in Venezuela - der althergebrachten korrupten Politik gegenüber. Sie war am Ende, die Menschen hatten sie satt. Der deutliche Sieg von Chávez beim von der Opposition angestrengten Abwahlreferendum 2004 habe klare Ursachen:

"Das Ergebnis der Volksabstimmung wurde in Lateinamerika als Triumph der Armen über die Reichen verstanden. Chávez hatte auf die Menschen vertraut und sie an der Macht teilnehmen lassen und sie hatten es ihm großzügig vergolten."

Eine solche Position müsste ganz im Sinne von Romeo Rey sein, betont der doch immer wieder, wie wichtig die Verankerung einer politischen Bewegung im Volk doch sei. Nur lässt sich Rey bei der Betrachtung Venezuelas leider viel zu sehr von seiner Abneigung gegen Chávez leiten. Dementsprechend die Einschätzung der - letztlich gescheiterten - Verfassungsänderung, die Chávez eine weitere Wiederwahl ermöglicht hätte, denn - so Rey:

"… das zeugt von einem Machthunger, der die eigenen Fähigkeiten überschätzt und letztlich Verachtung für demokratische Prinzipien bedeutet."

Harte Worte. Der Realität halten sie nicht stand. Schließlich hat Chávez das Referendum akzeptiert. Ein Blick in die Geschichte der Linken, insbesondere nach Chile unter Allende, macht zudem Chávez' Streben nach mehr als zwei Amtszeiten verständlich. Laut Rey war die Schwäche Allendes in der Volksfrontregierung für sein Scheitern mitverantwortlich.
Gerade die Stärke von Chávez - demokratisch legitimiert - ist für das neue Venezuela von existentieller Bedeutung. Bevor Fidel Castro aus Krankheitsgründen zurücktreten musste, formulierte Tariq Ali die Frage:

"Warum hat sich Fidel nicht wie Nelson Mandela irgendwann aufs Altenteil zurückgezogen? Weil er wusste, dass der Kampf noch nicht vorbei ist; dass Havanna nicht Johannesburg ist; dass ihm kein Millionär aus Miami ein lebensgroßes Standbild errichten würde, vor dem sich dann Delegationen von geschäftstüchtigen Unternehmern der ganzen globalisierten Welt fotografieren lassen."

Zu Recht äußert Tariq Ali Kritik am erstarrten stalinistischen Kuba der 70-er Jahre, moniert die bis heute fehlenden Meinungsfreiheit.
Romeo Rey erwähnt immerhin die neuen Ansätze von Basisdemokratie im Karibikstaat, richtet seinen Blick ansonsten aber zu wenig auf die Bewegung von unten und den Aufbau paralleler Strukturen in Venezuela und jetzt auch in Bolivien und Ecuador. Dabei machen gerade diese Elemente - auch als Lehre aus der oft realitätsfernen Geschichte der Linken - den Geist der neuen Bewegungen aus. Die Fabrikbesetzungen beispielsweise in Argentinien und Venezuela, wo die Arbeiter die Geschicke in ihre eigenen Hände nehmen - Aktionen, von denen die erstarrten Gewerkschaften hierzulande manches lernen könnten, kommen nur am Rande vor. Stattdessen sucht Rey das Heil Lateinamerikas, wie im Schlusskapitel deutlich wird, in einer Sozialdemokratisierung mit einem keynsianischen Staatsinterventionismus. Dabei hat doch die Geschichte der europäischen Sozialdemokratie im 20. Jahrhundert die Sackgasse dieser Politik aufgezeigt.
Die jüngsten Entwicklungen in Lateinamerika zeigen gerade einen anderen, möglicherweise einen eigenen dritten Weg auf. Den gilt es zu analysieren. Tariq Alis leidenschaftliche Parteinahme ist da ein - hoffnungsvoller - Schritt nach vorn.

Romeo Rey: Im Sternzeichen des Che Guevara. Theorie und Praxis der Linken in Lateinamerika,
VSA-Verlag, Hamburg 2008, 18,80 Euro

und

Tariq Ali: Piraten der Karibik. Die Achse der Hoffnung, Wilhelm Heyne Verlag, München 2008, 8,95 Euro

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