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Laumann: Wir brauchen dringend das Elterngeld

CDU-Fraktionschef Karl-Josef Laumann fordert Kontinuität bei finanziellen Hilfen für Familien

Karl-Josef Laumann im Gespräch mit Dirk Müller

Mit Geld kann man Geburtenraten nicht erhöhen, meint der Fraktionsvorsitzende der CDU im nordrhein-westfälischen Landtag, Karl-Josef Laumann
Mit Geld kann man Geburtenraten nicht erhöhen, meint der Fraktionsvorsitzende der CDU im nordrhein-westfälischen Landtag, Karl-Josef Laumann (AP)

2011 sanken die Geburtenraten auf den niedrigsten Stand seit Gründung der Bundesrepublik - trotz Elterngeld und offensiver Familienpolitik der Bundesregierung. Obwohl kritische Stimmen bereits die Abschaffung des Elterngeldes fordern, will Karl-Josef Laumann, CDU-Fraktionschef in NRW, die Hilfen für die Eltern erhalten.

Dirk Müller: Trotz Elterngeld, trotz offensiver Familienpolitik der Bundesregierung in Deutschland werden immer weniger Kinder geboren. Mit 663.000 Geburten im vergangenen Jahr ist das der niedrigste Stand in der Geschichte der Bundesrepublik. Jetzt könnte das geplante, aber sehr umstrittene Betreuungsgeld weiterhelfen, das weiß aber so niemand. Aber lohnt es sich noch, das kostspielige Elterngeld zu bezahlen? Unions-Fraktionschef Volker Kauder findet offenbar, dass es weg muss, das Elterngeld. – Bei uns am Telefon ist nun Karl-Josef Laumann, CDU-Fraktionschef in Düsseldorf, zugleich Chef des Arbeitnehmerflügels CDA. Guten Tag!

Karl-Josef Laumann: Ja schönen guten Tag.

Müller: Herr Laumann, soll das Elterngeld verschwinden?

Laumann: Nein. Ich glaube, dass wir das Elterngeld dringend brauchen, dass sich die Einführung auch alles in allem bewährt hat, weil es ist doch so: Wenn junge Leute sich entscheiden, ein Kind zu bekommen, dann verändert sich ja, was die berufliche Tätigkeit angeht, doch meistens eine ganze Menge. Und ich glaube, dass das Elterngeld den jungen Paaren in diesen Übergang sehr hilft.

Müller: Hilft aber nicht insoweit, die Geburtenrate zu erhöhen. Das haben Sie sich aber ursprünglich als Ziel gesetzt.

Laumann: Ich glaube auch nicht, dass man mit Geld die Geburtenrate erhöhen kann, sondern ich glaube auch nicht, dass wegen 14 Monate Elterngeld - wenn Vater und Mutter sich dieses teilen, ist es ja eine Leistung, die 14 Monate bezahlt wird – sich jemand für ein Kind entscheidet. Jeder von uns, der Kinder hat, weiß, dass das eine Entscheidung ist, wo man dann auch 20, 25 Jahre doch eine Menge Verantwortung hat, bis heute junge Leute ausgebildet sind. Ich würde das auch nie als einen Anreiz sehen, dass man deswegen Kinder bekommt, sondern ich finde, es ist ein Ausgleich für Paare, die sich Gott sei Dank für Kinder entscheiden, die einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten, und deswegen bin ich der Meinung, dass diese Honorierung und dieses Helfen des Staates bei diesem Übergang eine gute Sache ist.

Müller: Hat sie, Herr Laumann, dennoch das Ziel verfehlt?

Laumann: Ich finde nicht, dass es das Ziel verfehlt hat, weil wir diesen Übergang erleichtern wollten. Ich glaube, dass die Frage der Geburtenrate eben nicht mit Geld zu machen ist, sondern ich glaube, dass wir dann viel mehr Fragen lösen müssen, die sich etwa mit dem Bereich von Flexibilität in der Arbeitswelt und von Sicherheit, die junge Leute auch brauchen, wenn sie eine solche Frage entscheiden, ich glaube, dass wir uns dieser Diskussion noch einmal stellen sollten: Wie flexibel müssen wir sein, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, aber was können wir auch jungen Leuten an Sicherheit geben, dass sie sich eben doch auch im jungen Alter für Familiengründungen entscheiden können.

Müller: Herr Laumann, wenn unsere Zahlen richtig sind, dann reden wir über fast fünf Milliarden Euro jedes Jahr für das Elterngeld. Das Ziel ist in der Form erreicht oder nicht erreicht worden, wir lassen das jetzt mal offen. Auf jeden Fall werden die Geburtenraten ja offenbar wieder schlechter, offenbar wieder geringer, der niedrigste Stand seit der Gründung der Bundesrepublik jedenfalls 2011. Wenn Sie sagen, Geld spielt keine Rolle bei der Kinderentscheidung, auf der anderen Seite aber die Ausbildung, sprich die Betreuung, Kitaplätze und so weiter - warum nicht das Geld dahin?

Laumann: Ich sage wie gesagt noch einmal: Wenn sich ein junges Paar für Kinder entscheidet, verändert sich in der beruflichen Situation von Mann und Frau eine Menge. Ich glaube, es ist richtig, dass wir diesen Übergang abfedern. Ich halte auch nichts davon, familienpolitische Leistungen andauernd infrage zu stellen und zu ändern, sondern ich glaube auch, dass da ein Stück Verlässlichkeit drin muss. Und dass wir zusätzlich den Kita-Ausbau in den Griff bekommen müssen, das steht ja außer Frage, aber es gibt ja auch Gott sei Dank noch viele Eltern, die sich sehr bewusst entscheiden, in den ersten zwei Jahren ihr Kind mehr oder weniger stark zu Hause zu betreuen.

Müller: Kann man über die Höhe mit Ihnen diskutieren? Es geht ja bis 1800 Euro pro Monat.

Laumann: Ich will Ihnen sagen, ich halte überhaupt nichts davon, eine solche Debatte jetzt anzufangen, sondern ich bin der Meinung, dass man hier schlicht und ergreifend in der Verlässlichkeit bleiben muss, und dass die Anzahl der Geburten in unserem Land zurückgeht, hat ja auch damit zu tun, dass der Anteil der Frauen im gebärfähigen Alter in unserem Land auch abnimmt.

Müller: Aber Sie sind dann auch nebenbei fürs Betreuungsgeld?

Laumann: Ach wissen Sie, die Betreuungsgeld-Frage, die soll man mal nicht so ideologisieren. Es geht darum, dass man eine Leistung Eltern gibt in den ersten zwei Jahren des Lebens eines Kindes, und wenn diese Eltern sich entscheiden, das Kind zu Hause zu betreuen, dann kann man das anerkennen, weil ich glaube, es ist nach wie vor so, dass viel dafür spricht, dass Kinder in den ersten Lebensjahren einen engen Bezug zu Vater und Mutter haben.

Müller: Also Sie tragen das mit, gar keine Diskussion?

Laumann: Ich trage das Betreuungsgeld mit, das ist im Übrigen im Koalitionsvertrag abgemacht, und ich persönlich habe auch sehr viel Sympathien für Eltern, die die Wahlfreiheit eben so nutzen, dass sie sich bewusst entscheiden, in den ersten Lebensjahren sehr stark für ein kleines Kind da zu sein.

Müller: Herr Laumann, Sie sagen ja ganz klar, "Finger weg lassen von diesem Elterngeld, alles soll so bleiben, wie es ist". Warum hat Volker Kauder das dann jetzt vorgeschlagen?

Laumann: Das weiß ich nicht, da müssen Sie Volker Kauder fragen. Ich persönlich sage noch einmal, ich glaube, es ist richtig, in diesen Fragen, die sich um den Familienlastenausgleich letzten Endes drehen – das ist Elterngeld, das ist Kindergeld, das ist das Betreuungsangebot für die kleinen Kinder im Kindergarten, aber auch in den Grundschulen -, ich glaube, dass man da schlicht und ergreifend in einer Gesellschaft Verlässlichkeit braucht, dass die Leute wissen, sie können sich auf ein gewisses Angebot verlassen, dass da nicht ein Staat ist, der andauernd seine Meinung ändert, und deswegen bin ich schlicht und ergreifend in dieser Frage für Kontinuität.

Müller: Die Frage war dahin gehend auch intendiert: kein Zugeständnis also an die Konservativen in Ihrer Partei?

Laumann: Das hat auch nichts mit konservativ zu tun, sondern ich finde, es ist richtig, dass in einer Gesellschaft der Staat jungen Paaren, die sich dafür entscheiden, auch einen Beitrag zu leisten, dass unsere Gesellschaft fortbesteht, dass unsere Gesellschaft das auch ein Stück weit anerkennt.

Müller: Bei uns heute Mittag im Deutschlandfunk CDU-Fraktionschef in Nordrhein-Westfalen, Karl-Josef Laumann. Vielen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören.

Laumann: Ja schönen Dank – auf Wiederhören!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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