Sonntag, 17.12.2017
StartseiteBüchermarktLeaving Leipsic next week02.12.2002

Leaving Leipsic next week

Transit Verlag, 124 S., EUR 14,80

"Leipzig in Sachsen ist die wahre Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik", sagte Uwe Johnson 1977 in seiner Rede anlässlich der Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Im Rückblick hatte er allen biographischen Grund zu dieser Behauptung, denn im Leipzig der Jahre 1954 bis 1956, in dem Johnson sein Studium absolvierte, gewann er die Grundlagen, die ihn später zu einem der bedeutendsten deutschen Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden ließen. Die Leipziger Universität mit den Professoren Bloch, Mayer, Herzfelde oder Werner Krauss war etwas durchaus Besonderes, und die kulturellen Traditionen der Stadt Leipzig ließen sich weder eliminieren noch ohne Weiteres dem DDR-Sozialismus einverleiben. Dass Uwe Johnson überhaupt nach Leipzig kam, lag an dem Glücksfall, dass man ihn in Rostock zunächst rausgeschmissen hatte wegen widerständigen Verhaltens während der Kampagne gegen die <em>Junge Gemeinde</em> im Frühjahr 1953. Ein Jahr nach Johnsons Tod hat man das als Literatur aus seiner eigenen Produktion nachlesen können: <em>Ingrid Babendererde</em> hieß der Roman, der in den Leipziger Jahren entstand und den Suhrkamp 1985 veröffentlichte.

Jochen Schimmang

Zwar wurde die Exmatrikulation in Rostock zurückgenommen, 1954 aber ging Johnson zum Studium nach Leipzig. "Hier geriet ich an Freunde", heißt es lapidar in der schon erwähnten Rede. Zu denen gehörte zum Beispiel Manfred Bierwisch, und zu denen gehörte auch der zwei Jahre ältere Jochen Ziem, der aus Halle nach Leipzig gekommen war, aber sich schon 1955 aus der DDR verabschiedete und zunächst nach Hannover ging - nach einem Theaterpraktikum am Berliner Ensemble, von dem er sehr enttäuscht berichtete. Die Briefe und Postkarten von Johnson an Ziem hat nun der Literaturwissenschaftler Erdmut Wizisla, Leiter des Brecht-Archivs in Berlin, neben Texten von Jochen Ziem selber im Transit Verlag vorgelegt.

Sie kommentieren eine tragische Geschichte mit fadem Nachgeschmack. Es beginnt damit, dass Johnson Ziem auffordert, doch nach Leipzig zurückzukehren. Eine solche Rückkehr wäre im Jahr 1955 noch kein großes Problem und vermutlich nicht mit Repressalien verbunden gewesen. Johnson selber, der seinen Staat dann 1959 verlassen wird, arbeitet in den Jahren vorher nicht nur an Ingrid Babendererde - er arbeitet an seiner Selbsterschaffung als Autor. Das soll auch heißen: Uwe Johnson übt selbst in seiner Korrespondenz schon jenen vertrackten, umständlichen Stil, der in der Tat die Umstände genau erfassen will. Allerdings stürzt er im Gegensatz zu den späteren Veröffentlichungen zuweilen noch heftig ab. Ziem, der in der Anrede "Hallo Schochen", aber auch "Guten Tag, Herr Ziem" tituliert wird, bekommt etwa so eine Postkarte: "Hallo Schochen, Sie hatten gestern Ihren Geburtstag. Ich halte für möglich, dass Sie diesen fünften April als einen Festtag hielten. Dem habe ich nichts hinzuzufügen." Oder: "Mir ist so als wollte ich Sie am Ende der nächsten Woche besuchen. Vorher möchte ich wohl einige Antworten haben." Dieser Stil, der in der Johnson' schen Fiktion vertrackte Sachverhalte in den Griff zu bekommen versucht und seinen Sinn hat, rutscht in der Korrespondenz immer wieder in den Manierimus ab. Johnson weiß aber, dass die Unverwechselbarkeit der Diktion, der Stimme den Autor macht, und er läßt keine Gelegenheit zum Üben aus.

Als Autor versucht Jochen Ziem im Westen Fuß zu fassen. Seine ersten Texte sind allerdings in der Neuen Deutschen Literatur unter dem Namen Joachim Bundschuh abgedruckt. Später erscheint die Erzählung "Brief aus Halle" im Kursbuch 4, 1968 der Erzählband Zahltage bei Suhrkamp. Ziem wird mehr und mehr zum Theaterautor, der in den Kontext Kroetz, Sperr und Fassbinder einzureihen wäre und zeitweise durchaus erfolgreich ist. Er begründet 1969 den Verlag der Autoren mit, fühlt sich aber mehr und mehr als Außenseiter des Betriebs. 1980 erscheint sein Roman Der Junge, von der Kritik durchaus gelobt, dennoch kaum wahrgenommen. Ziem stirbt 1994.

Die Freunde oder wenigstens Kumpels aus Leipziger Zeiten entfremden sich mehr und mehr. Johnson ermahnt Ziem, durchaus zu Recht, aber unverkennbar oberlehrerhaft, in seinen Texten der Schablone zu entkommen und "lieber von dem Amt für Verfassungsschutz, vom Geschmack des Biers und dem Aussehen Ihrer nächtlichen Sirenen" zu schreiben. Später schreibt Ziem in seinen sogenannten Jahrebüchern, von denen eines auszugsweise wiedergegeben wird: "Ich habe nicht seine Sturheit und auch nicht seinen Fleiß besessen." Kurz danach spricht er sogar vom "Dampfwalzenegoismus seines Charakters." Schlägt sich auch hier viel Neid auf den ungleich Erfolgreicheren nieder, darf der Anteil Wahrheit an dieser Formulierung nicht unterschlagen werden. Johnson war ganz gewiss ein unbeirrbarer Planer seiner eigenen Karriere, und er war nach Zeugnissen sehr verschiedener Kollegen im Umgang kein angenehmer Zeitgenosse. Zudem neigte er bekanntermaßen zur Paranoia, und die zerstört letztendlich auch die Beziehung zu Ziem, den er 1968 ohne jeden Grund beschuldigt, Details aus dem Leben seiner Frau an die yellow press verkauft zu haben. Er muss später diese Behauptung zurücknehmen, aber seitdem sich beide für immer aus dem Weg gegangen. Die letzte knappe Briefkarte an Ziem vom 19. 9. 1968 lautet: "Lieber Herr Ziem, ich bin dafür dies zu vergessen. Mit den schönsten Grüßen an Ihre Frau, Ihr U. J."

Ziems Jahrebücher bleiben, von dem kurzen Auszug in diesem Band abgesehen, im Archiv, und seine Erzählungen und mittlerweile auch die Stücke sind heute fast vergessen. Johnsons Jahrestage dagegen gehören unbestreitbar zum Kanon der deutschen Literatur. Sieht man von der erkennbar unterschiedlichen Größe des Talents beider Autoren ab, liegt der Grund für diese unterschiedliche Entwicklung paradoxerweise in dem frühen Abschied Ziems von seinem Staat. Damit verlor er auch seine möglichen Themen, ohne dass es ihm gelang, im Westen wirklich neue zu finden. Johnson dagegen verließ seinen Staat erst, nachdem er ihm als lebenslange Obsession und als Stoff nicht mehr verloren gehen konnte. Denn dass Johnson der "Dichter der beiden Deutschland" gewesen sei, wie es später hieß, ist ja ausgemachter Unsinn. Sein Leben lang hat er in der Erinnerung den Staat umkreist, in dem er aufwuchs und mit dem er nach eigenen Worten schon früh "seinen persönlichen Handel" hatte. Die Entwicklung dahin zeichnet das schön aufgemachte Buch nach, und das ist vielleicht sein größtes Verdienst.

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